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Landgräfliche Stiftung : Sportpädagogik statt gottesfürchtiges Werken

Das ursprüngliche Waisenhaus mit dem aufgesetzten Türmchen steht noch immer mitten in der Stadt, wo Landgraf Friedrich III. Jacob den ersten Bau von 1715 an errichten ließ. Der Sohn des berühmten Landgrafen mit dem silbernen Bein und „Siegers von Fehrbellin“ war am Berliner Hof des Großen Kurfürsten nach reformierten, späthumanistischen Vorstellungen erzogen worden, wie Barbara Dölemeyer in dem zum Stiftungsjubiläum erschienen Buch „Kinderwohl und Jugendhilfe in Geschichte und Gegenwart“ schreibt. Als Vorbilder für das Waisenhaus macht die Historikerin neben den Franckeschen Stiftungen in Halle auch das Frankfurter Waisenhaus von 1679 und ähnliche Gründungen in Wiesbaden und Kassel aus.

Nachdem das Haus 1721 fertiggestellt war, fehlte das Geld für die Unterbringung von Waisenkindern. Da die Homburger nicht genug spendeten, wurde es vermietet, unter anderem für den Betrieb einer Druckerei. Außerdem findet sich der Hinweis auf eine Lotterie, die der Finanzierung dienen sollte. Es wurde 1742, bis die ersten fünf Waisenkinder aufgenommen werden konnten.

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Wie andernorts auch, waren sie dort mit Erwachsenen untergebracht, denn es handelte sich um ein „Armen-, Waisen- und Arbeitshaus“. Die Bewohner des Arbeitshauses, aber auch die Waisenkinder, waren vor allem mit Textilarbeiten wie Strumpfwirken, Spinnen und Garnverarbeitung beschäftigt. Nach dem Tod der zweiten Ehefrau des Landgrafen, Christiane Charlotte, im Jahr 1761 bekam das Waisenhaus regelmäßig Zuwendungen von der von ihr hinterlassenen „Gonzenheimer Christianen-Stiftung“.

1777 wurde ein Zucht-, Arbeits- und Versorgungshaus gegründet, das freie Plätze des Waisenhauses nutzen sollte. Das Nebeneinander barg Konfliktstoff. So beklagte sich die Waisenhausdirektion 1794, das Zucht- und Arbeitshaus habe den Betsaal vereinnahmt.

Räumliche Trennung

Aber dieser war nun einmal „die einzige Gelegenheit, ein sicheres Gefängniß anzulegen“, teilte der Landgraf bedauernd mit. 1831 dann erfolgte die räumliche Trennung. Das Waisenhaus blieb im Hauptflügel am Waisenhausplatz, während das Versorgungshaus, das auch nicht mehr als Zuchthaus diente, den Seitenflügel an der Waisenhausgasse nutzte.

Nicht nur durch seine zentrale Lage war die Institution in Homburg durch die Jahrhunderte präsent. So erzielte das Waisenhaus in der Kaiserzeit einen wichtigen Teil seiner Einnahmen als Beerdigungsinstitut und verfügte über einen Leichenwagen samt Pferden, wie Gregor Maier, Fachbereichsleiter Kultur beim Hochtaunuskreis, in dem von Albrecht Graf von Kalnein herausgegebenen Band schildert.

In das Gemeindeleben war es eingebettet, weil die evangelischen Pfarrer dem Waisenhausdirektorium angehörten. Wie überhaupt das Haus von Anfang an konfessionell geprägt war. Arme Kinder und Waisen sollten „zu allen Christlichen Tugenden, und Arbeit unterrichtet, und angeführet werden“, hieß es schon 1723 in einer frühen Instruktion.

Im Jubiläumsjahr hat die Landgräfliche Stiftung für das Projekt „300.000 Euro für 300 Jahre“ Spenden gesammelt, um den Garten am Kinder- und Jugendheim neu zu gestalten. Soziales Lernen im Team, etwa der Umgang mit Niederlagen, sei für die Kinder wichtig, sagte Leiterin Heidel jetzt beim symbolischen Spatenstich für die neuen Sportplätze.

Nach Worten von Jörg Marwitz, Pfarrer der Gedächtniskirche und stellvertretender Stiftungsvorsitzender, schafft die Investition von insgesamt 300.000 Euro eine gute Grundlage für die nächsten 50 Jahre. Gefeiert werde das Jubiläum mit Rücksicht auf die Pandemie dann 2022, im Jahr „300 plus eins“.

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