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Urteil im Mordfall Irina A. : Die Hybris des Jan M.

Verurteilt: Das Landgericht befand Jan M. des Mordes an seiner Geschäftspartnerin für schuldig. Bild: Wolfgang Eilmes

Das Landgericht verurteilt den Gastronomen wegen Mordes an Irina A. zu lebenslanger Haft. Die Aussagen des Angeklagten nennt der Richter „abenteuerlich“.

          3 Min.

          Es sind Welten, die an diesem Montag im Landgericht aufeinandertreffen. Auf der einen Seite des Saals sitzt Jan M. und regt sich auf. Er hört dem Vorsitzenden Richter zu, der gerade Indiz für Indiz begründet, warum der Angeklagte in den Augen der Schwurgerichtskammer des heimtückischen Mordes an seiner Freundin und Geschäftspartnerin Irina A. schuldig ist. Immer wieder flüstert M. gut vernehmbar: „Das kann doch wohl nicht sein.“ Er schüttelt den Kopf, schnauft lautstark und tuschelt mit seinen Verteidigern.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf der anderen Seite des Saals sitzen die Eltern von Irina A. Niemand kann sich ansatzweise vorstellen, wie es ihnen geht. Die Mutter wahrt auf bewundernswerte Art und Weise die Fassung. Als vor einigen Tagen in diesem Prozess die Anwältin des Ehepaars plädiert hat, hat sie einen kleinen Einblick gegeben in das, was die Familie A. seit dem Mord an ihrer Tochter im Mai 2018 durchgemacht hat. Für die Eltern sei die Tochter heute wie damals das beherrschende Thema. Die Kinder der Getöteten fragten immer noch fast täglich nach ihrer Mutter. Die Familie hat einen Baum gepflanzt im Niddapark, an der Stelle, wo „Ira“, wie Freundinnen sie nannten, gefunden wurde.

          Jan M. habe „selbst zu seiner Überführung beigetragen“

          Jan M. bleibt dabei: Er habe den Mord an der Neunundzwanzigjährigen nicht begangen. Er will weder pleite gewesen sein noch Irina A. Geld aus dem Verkauf der gemeinsamen Bar geschuldet haben, damit also kein Motiv gehabt haben. Seine Geschichte hält er aufrecht. Sie besagt, dass er die tote Frau in der späten Nacht im Niddapark fand, nachdem er sich aus Sorge plötzlich auf die Suche nach ihr gemacht habe. Auf dem Motorrad, ohne Handy.

          Doch all das nimmt die Strafkammer am Montag gründlich auseinander. „Fest steht, dass der Angeklagte Jan M. ein Mörder ist“, sagt der Vorsitzende zu Beginn. M. habe im Ermittlungsverfahren und im Prozess „eine Vielzahl unwahrer und völlig unverständlicher Aussagen“ gemacht und damit „in erheblichem Maße selbst zu seiner Überführung beigetragen“. Seine Einlassung sei „abenteuerlich“. Hätte sie gestimmt, argumentiert die Strafkammer, hätte M. sie doch spätestens dann auspacken müssen, als die Polizei ihn wegen seiner Blutspuren am Tatort festnahm. „Herr M. war das beste Beweismittel gegen sich selbst.“ Er habe sich seiner Verantwortung entziehen und um jeden Preis die Fassade des erfolgreichen Geschäftsmannes insbesondere vor Frauen wahren wollen. Doch Hybris, Narzissmus und Angst vor Prestigeverlust hätten ihn zu Fall gebracht, im Prozess wie im Leben. M. habe sich mit den Jahren zunehmend in einen Selbst- und Fremdbetrug verstrickt und andere Menschen ausgenutzt, darunter Irina A. Doch mit wachsenden Schulden habe sich immer mehr die Angst ausgebreitet, alles zu verlieren.

          Verbrechen im Voraus geplant

          „Er glaubte, ein perfektes Verbrechen begehen zu können“, sagt der Vorsitzende. Vieles, was M. bei Polizei und Gericht gesagt habe, sei objektiv widerlegt. Spätestens am 7. Mai habe er den Entschluss gefasst, seine Freundin zu töten. Dafür habe er eine Art Probelauf mit der nichtsahnenden Frau im Niddapark gemacht, von dem er später behauptete, sie habe ihn zu einem Treffen dorthin mit einem unbekannten Dritten gebeten. Tatsächlich habe er das Treffen initiiert, um den Tatort zu testen: Lichtverhältnisse, Einsehbarkeit, Spaziergänger.

          Für den Tatabend habe er dann dafür gesorgt, dass Irina A. dunkle Kleidung trug und ihr Handy aus war. Was M. und seine damalige Freundin über jenen angeblichen gemeinsamen Abend daheim ausgesagt haben, ist in den Augen der Strafkammer ebenfalls widerlegt. Die Freundin habe bei Gericht so lange versucht, ihre Version an M.s anzupassen, dass sie auf anwaltlichen Rat „die Notbremse zog“. Und auch wenn an jenem Abend noch spät Handwerker in der Wohnung zu Gange waren, hätte M. ohne deren Kenntnis rausgehen können, meint die Kammer. 45 Minuten hätte er nach der Rechnung der Richter gehabt, um vom Westend in den Niddapark zu fahren, den Mord zu begehen und anschließend rechtzeitig daheim zu sein, um mit seiner Freundin essen zu gehen.

          „Selbstdisziplin eines planvollen Täters“

          Unglaubwürdig ist aus Sicht des Gerichts nicht nur, dass M. die Tote zufällig im dunklen, hohen Park-Gras entdeckt haben will, sondern auch, dass er keine Hilfe rief. Seine Blutspuren an Tatort und Leiche sind nach Überzeugung der Richter ohne Zweifel entstanden, als M. auf die wehrlose Frau einstach und sie danach ins Gras zog. Indizien für ein anderes Geschehen oder gar einen anderen Täter gebe es trotz umfangreichster Ermittlungen nicht. Dass M. in den Tagen nach der Tat Freunden und Bekannten vorspielte, nichts zu wissen, kommentiert der Vorsitzende mit den Worten: „Das schafft nur jemand mit der Haltung, Konzentration und Selbstdisziplin eines planvollen Täters.“

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