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Landesmuseum Wiesbaden : Auf Papier ist richtig was los

  • -Aktualisiert am

Ganz vorsichtig geht Restauratorin Pascale Regnault zu Werke. Bild: Kretzer, Michael

Leichen pflastern den Weg des Sensenmannes. In Herrscherpose fegt die knöcherne Gestalt auf einem von Ochsen gezogenen Streitwagen und mäht unerbittlich jeden nieder.

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          Ob Edelmann oder Bettler: vergebens sind Flehen und Wehklagen. Ohne Todesfurcht sind nur die Gottesmänner - Papst und Bischof. Himmelstor und Höllenschlund tun sich am Horizont der wolkenverhangenen Landschaft auf. So hat sich Georg Pencz den „Triumph des Todes“ vorgestellt und nach 1539 in Kupfer gestochen. Das sechsteilige Werk, zu dem dieses Blatt gehört, befindet sich im Besitz des Landesmuseums Wiesbaden.

          Nicht viele Museen können diesen Zyklus des deutschen Manieristen und Dürer-Gesellen vollständig ihr eigen nennen, weiß Kustos Peter Forster. Trotzdem war die Wiesbadener graphische Sammlung stets das Stiefkind des Hauses, und nur wenige Eingeweihte wissen überhaupt von ihr. Deswegen sind viele Blätter nicht eben im besten restauratorischen Zustand und müssten im Grunde komplett neu aufgearbeitet werden. Das hat Forster nun in Angriff genommen und auch gleich eine Ausstellung vorbereitet, die vom 1. März an parallel zu der großen Schau mit Ellsworth Kellys schwarz-weißen Bildern zu sehen sein wird. „Die Wahrheit steht auf dem Papier“ heißt das in nur vier Monaten auf die Beine gestellte Alternativprogamm zur Hard-Edge-Malerei des Amerikaners: Unter dem Museumsdach geben 66, auf drei Räume verteilte Druckgraphiken und Zeichnungen aus der Zeit vom 15. bis zum 19. Jahrhundert einen ersten Überblick über Techniken, Stile und Epochen: „Das andere Schwarz-Weiß“ nennt es Forster.

          „Die haben einfach alles dort“

          Die Dominanz der graphischen Sammlung im nahen Frankfurter Städel kann den Eifer des Spezialisten für altmeisterliche Kunst nicht schmälern. „Die haben einfach alles dort“, weiß er zwar und auch, dass das, was Wiesbaden im Vergleich dazu besitzt, „ein Witz“ ist. Aber „ein bisschen was haben wir schon“. Und ob: Neben Druckgraphiken von Albecht Dürer, Martin Schongauer oder Lucas Cranach harrt ein größeres Konvolut an Rembrandt-Graphiken noch der Bearbeitung. Original-Zeichnungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert gibt es in Wiesbaden nicht, wohl aber von großen Künstlern wie Arnold Böcklin oder Adolph von Menzel. Dessen so freie wie hochkonzentrierte und unmittelbare Bleistiftzeichnung einer ungewöhnlicherweise linken segnenden Hand „ist der Hammer“, findet Forster. Stolz ist er auch auf eine Radierung von van Gogh, die in den siebziger Jahren als Schenkung ins Museum kam und auf der er 1890 seinen Arzt Paul-Ferdinand Gachet darstellte. In Öl gilt das Motiv, das bei einer Auktion 1990 für 82 Millionen Dollar den Besitzer wechselte, als eines der am teuersten verkauften Gemälde.

          Man kann also verstehen, dass Forster „auf der Landkarte der Graphik auftauchen“ und mit der Ausstellung auch Appetit machen will auf die altmeisterlichen Gemälde, die nach der für Ende dieses Jahres geplanten Eröffnung des sanierten Südflügels aus dem Depot wieder ans Licht kommen sollen. Das Vorhaben ist getragen von Forscherdrang, der auch schon zu Ergebnissen führte: Zunächst legt Forster zur Ausstellung den ersten Band eines Bestandskatalogs vor. Darüber hinaus konnte er einige der vielen, noch als anonym geführten Meister neu zuschreiben. Etwa die „wunderbar lavierte“, um 1610 entstandene Tuschzeichnung „Hexen und Drachen vor einer Stadt“ von Jacob de Gheyn II.

          „Da ist richtig was los“

          Davon, dass wissenschaftliche Akribie bisweilen aber auch zu Abschreibungen zwingt, war ausgerechnet die Tuschzeichnung einer Schlachtenszene betroffen, die Forsters Begeisterung für den Wiesbadener graphischen Schatz ausgelöst hat und der er den großen Schöpfernamen aberkennen musste: Das Blatt, als dessen Urheber bislang der 1619 geborene und spätere französische Hofmaler Charles le Brun galt, zeigt die Truppen von Alexander dem Großen und Darius im Kampf gegeneinander. Ein schwungvoller Federstrich verleiht dem wilden Drunter und Drüber aus Pferde- und Menschenleibern, gezückten Schwertern und zum Angriff blasenden Fanfaren regelrechte Eleganz. Forster ist hingerissen: „Da ist richtig was los.“ Dass er die Arbeit dann dem im 18. Jahrhundert in Venedig wirkenden Gaspare Diziani zuordnen musste, „tat schon weh“. Zumal in Wiesbaden bei französischen Graphiken des 17. Jahrhunderts ohnehin große Lücken klaffen.

          Während auch die Provenienz vieler Arbeiten noch offen ist, die Forster einstweilen unter dem Stichwort „Alter Bestand“ führt, ist dagegen gesichert, dass Wilhelm Tischbeins nicht zuletzt ironisch-qualitätvolles Aquarell „Des Mannes Stärke“ zur Kernsammlung gehört, also aus dem Besitz des Museumsgründers Isaak von Gerning stammt. Die Darstellung zweier properer nackter Herren, die nach der Jagd auf wilde Tiere mit ihrer geschulterten Beute dem Horizont entgegenreiten, ist ein Beispiel für die Autonomie eines graphischen Werks, das normalerweise der Vorbereitung eines Gemäldes dient.

          Die Vorfreude darauf, dass die Wiesbadener Graphiken endlich „aus der Schublade rauskommen“, steht Peter Forster im Gesicht. Die extrem empfindlichen Blätter dürfen allerdings nicht ständig, sondern nur bis Oktober am Licht bleiben. Dafür ist eine Folgeausstellung mit klassisch-modernen sowie zeitgenössischen Arbeiten auf Papier schon geplant. „Davon haben wir richtig was da“, weiß Forster. Erst einmal aber geht die Vorbereitung der aktuellen Ausstellung in ihre letzte Phase. Das spürt auch Restauratorin Pascale Regnault. Mit vorsichtigen, aber geübten Handgriffen unterzieht sie die angegrauten Graphiken einer Trockenreinigung, befreit sie mit Wattestäbchen von gebräunten Kleberesten, verpasst ihnen säurefreie Passepartouts und bespricht mit Forster letzte ästhetische Feinheiten. Georg Penczs Triumph-Zyklus ist längst bereit für die museale Präsentation. Hochvergrößert werden die sechs Motive auch an der Museumsfassade hängen und mit der verheißungsvollen Botschaft für die Ausstellung werben, dass nach Liebe, Keuschheit, Ruhm und Zeit am Ende gar nicht der Tod triumphiert, sondern das Himmelreich.

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