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Landesmuseum Darmstadt : Wie Giselas Kronschatz in die Kanalisation fiel

Auslöser für einen Mythos: Die Mainzer Adlerfibel, entdeckt 1880. Bild: Wolfgang Fuhrmannek/HLMD

Kunstgeschichte als Krimi: Der „Mainzer Goldschatz“ am Landesmuseum Darmstadt erzählt hochspannend von Fake, Patriotismus und davon, wie man Legenden strickt.

          Aufgeatmet hat Birgit Heide irgendwann schon, nach vielen Untersuchungen in Labors: Die Mainzer Pfauenfibel, der große Schatz des von ihr geleiteten Landesmuseums Mainz, ist echt, bis auf ein paar später überarbeitete Kleinigkeiten. Das Prachtstück aus dem 9. oder 10. Jahrhundert bildet, ganz eindeutig, ein authentisches Kunstwerk einzigartigen Ranges. Kein Wunder, dass bis heute auf zahlreichen Mainzer Wappen und Logos dieser Pfau zu sehen ist, der allerdings seit 1880 als Mainzer „Adlerfibel“ bezeichnet wird.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Womit schon ein Teil des Kunstkrimis beginnt, der nun, akribisch aufgearbeitet, im Hessischen Landesmuseum Darmstadt für jedermann nachzuvollziehen ist, nach dem Motto: Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Theo Jülich, Direktor des Darmstädter Landesmuseums, staunt zwar auch, aber er tut es mit dem Schalk desjenigen, der, zusammen nicht nur mit den Mainzer, sondern vor allem den Kollegen des Berliner Kunstgewerbemuseums, seit nun 15 Jahren an der Legende um den „Mainzer Goldschatz“ forscht. Erstmals vereint sind jetzt alle Teile des „Giselaschatzes“, der als solcher mindestens seit 1913 in der Kunstgeschichte für Wirbel gesorgt hat. Es ist ein wahrer Augenschmaus in den Vitrinen des Landesmuseums: Tatsächlich gehören die Goldarbeiten aus dem 10. bis 12. Jahrhundert zum Feinsten, was es auf der Welt zu sehen gibt. Dumm nur, dass es nie einen Giselaschatz gegeben hat. Und dass nicht alle Teile so echt sind wie der Mainzer Pfau.

          Zahlreiche ungeklärte Fragen

          Schon dessen Fund 1880 ist mit zahlreichen ungeklärten Fragen verbunden. Und dass dann, natürlich vollkommen zufällig, zweimal hintereinander, verschachert von Frankfurter und Wiesbadener Kunsthändlern, Fibeln, Ringe, Ohrgehänge und schließlich zwei mächtige Brustgeschmeide auftauchen, die allesamt der in Darmstadt ansässige, sehr reiche und kunstsinnige Baron Maximilian von Heyl für 18000 Mark erstand, im Glauben, sie stammten alle aus demselben Fund, haben jahrelang auch wackere Historiker anscheinend geglaubt. Erst in den neunziger Jahren wurden Untersuchungen an den Brustgehängen angestellt, die mit dem größten Teil des Mainzer Schatzes 1912 an das Berliner Kunstgewerbemuseum verkauft worden sind. Für die jetzige Schau und Dokumentation ist kunsthistorisch, technisch, materialwissenschaftlich geforscht worden. Ergebnis: Die Ketten sind 1886/87 aus antiken und mittelalterlichen Teilen zusammengebaut worden. Und die sogenannte Berliner Adlerfibel, eine seitenverkehrte kleinere Kopie des Mainzer Originals, trägt jetzt die lapidare Beschriftung „Hessen, 1886/87“.

          Die beiden Brustgehänge, 1886 zunächst für Gehänge an einer noch zu findenden Krone interpretiert, sind als Dreh- und Angelpunkt der Legende anzusehen. Nichts weniger als kaiserlich könnten sie sein, dachte man Ende des 19. Jahrhunderts und die zahlreichen Patrioten des jungen, zweiten deutschen Kaiserreichs wollten den Schatz unbedingt haben und zeigen. Der üppige Katalog zu diesem Krimi ist selbst ein kunstdetektivischer Schatz geworden.

          Die Geschichte einer Mythenbildung

          Heyl, der in gutem Glauben den Schatz erstand, hat ein Geschäft gemacht: 300.000 Mark war der Dienst am Vaterland wenige Jahre später Spendern wie den Krupps oder Otto Henkell wert. Die Umdeutung des Mainzer Pfaus in einen politische Macht symbolisierenden Adler, das Ignorieren oder absichtsvolle Unterschlagen aller Anzeichen dafür, dass es sich mitnichten um ein Ensemble handelte – das dokumentiert die Schau eindrucksvoll: Die Geschichte einer Mythenbildung, die Realität wurde.

          Sollte die Kaiserin Gisela (circa 990 - 1043), Frau Konrads II., etwa durch Mainz geritten und plötzlich ihren Schmuck verloren haben, fragt Jülich süffisant. Seltsam genug, berühmte Kollegen wie Wilhelm von Bode und Otto von Falke glaubten das. Oder taten zumindest so.

          Denn noch 1910 hatte Falke, Direktor des Berliner Kunstgewerbemuseums, geschrieben, das „Konglomerat aus Kettchen“ sei doch allzu bescheiden – drei Jahre später veröffentlicht er mit Aplomb eine Studie des „Giselaschmucks“. Bode, Generaldirektor der Berliner Museen, hatte von 1909 an um den Erwerb des „Mainzer Goldschatzes“ geworben, an allerhöchster Stelle, bei Wilhelm II. Da konnte er dann schon mal das Wörtchen „byzantinisch“ in der Beschreibung des Schmucks durchstreichen und forsch durch „deutsch“ ersetzen. Die Legende hat sich lange gehalten: Sogar die DDR feierte den Giselaschmuck, trotz dessen royaler Provenienz. Das jüngste Stück in der Darmstädter Schau: Ein Titelblatt der „Neuen Berliner Illustrierte“, eines der auflagenstärksten Blätter der DDR, von 1963. Mit exklusiver Titelstory und einem Model mit „Giselaschmuck“ um den Hals.

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