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Landesmuseum Darmstadt : Aus dem Depot zurück in die Gemäldegalerie

  • -Aktualisiert am

Kosmetiksalon: Die Restauratoren in der Werkstatt des Landesmuseums Darmstadt hübschen die alten Bilder auf. Bild: Wohlfahrt, Rainer

In der Restaurierungswerkstatt des Landesmuseums in Darmstadt wird fleißig mit Blick auf die Wiedereröffnung des Hauses gearbeitet.

          3 Min.

          Gestern war die Nase dran. Sehr vorsichtig tupfte eine Kollegin von Olivia Levental mit einem Wattestäbchen über Wange und Nase des kleinen Jungen, der sich an den Busen seiner Mutter drückt. Sein Bruder ist noch immer von einem gelblichen Schleier überzogen. Kein Wunder, denn die berühmte „Caritas“ des Florentiner Malers Andrea del Sarto, 1518 am Hof des französischen Königs entstanden, lag recht lange im Depot. Firnis legte sich auf die Darstellung der Frau mit ihren drei Knaben und nahm den leuchtenden Farben die Kraft. Seit Wochen befindet sich das Werk, das eine Kopie darstellt, in der Restaurierungsabteilung des Hessischen Landesmuseums für Gemälde, Skulpturen und Kunsthandwerk, deren Leiterin Levental ist.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          In der Werkstatt wird auf Hochtouren gearbeitet. Denn nach fast sechsjähriger Sanierung des Landesmuseums tickt die Uhr von Woche zu Woche schneller. Museumsdirektor Theo Jülich nimmt fest an, Ende des Jahres sein Haus wieder zu eröffnen. Dann soll „Caritas“ als Allegorie der Barmherzigkeit ihren Schattenplatz im Depot mit der Gemäldegalerie im Landesmuseum vertauschen, wo das fast zwei Meter hohe Bildnis im neu eingerichteten „Kopienraum“ aufgehängt werden soll. Auf etwa 80 andere Werke, die nach und nach von den Restauratoren des Museums aufgearbeitet werden, wartet ein ähnlich erfreuliches Schicksal. Die Zeit im Magazin endet. Das gilt für das Tafelgemälde „Die Versuchung der Heiligen Maria Magdalena“ aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ebenso wie für das Gipsmodell des Landgrafen Georg von Hessen von 1870 oder für das impressionistische Gemälde „Märzwind“ des österreichischen Malers Alois Delug. Während an den anderen Kunstwerken noch gearbeitet wird, ist „Märzwind“ inzwischen reisefertig. Das 1,26 auf 1,70 Meter große Gemälde, das eine Bauersfrau beim Wäschemachen mit ihren Kindern zeigt, ist samt prächtigem Rahmen im florentinischen Stil in einer der gewaltigen Holzkisten verschraubt, die sich in den Depots im Schenck-Industriepark stapeln - „berührungsfrei“, wie Jülich hervorhebt.

          Zeitaufwändige Filigranarbeit

          Sanierung und Umbau des Landesmuseum haben die Chance mit sich gebracht, das alte Konzept des Universalmuseums in einigen Punkten zu ergänzen oder zu modifizieren. Ein Beispiel dafür ist der „Kopienraum“ als neuer Bestandteil der Gemäldegalerie. Darin sollen Jülich zufolge Kopien gezeigt werden wie die der „Caritas“, die vermutlich um 1750 entstand und 1809 aus Privatbesitz nach Darmstadt kam. „Gerade alte Kopien sind ungeheuer wertvoll, weil sie den alten Zustand zeigen. Für Kunstwissenschaftler sind sie eine ungeheuer wichtige Quelle“, sagt Jülich. Im Falle der Caritas darf man sogar vermuten, dass die Kopie in Darmstadt den Originalzustand des Werks im Louvre genauer darstellt als das Original. Um 1750 hatte man sich in Frankreich nämlich entschlossen, die Malerei von der Holztafel, auf der del Sarto seine Farben aufgetragen hatte, abzulösen und auf eine Leinwand zu transferieren. Möglicherweise wurde damals der Bildausschnitt verkleinert - weshalb die Darmstädter Kopie etwas größer ist als das Original. „Wir können noch Details in der Kopie erkennen, die im Original nicht mehr zu sehen sind“, sagt Levental.

          Die Restaurierung von Kunstwerken ist eine zeitaufwendige Filigranarbeit. Schon seit 2009 arbeitet Levental an der Versuchung Maria Magdalenas. Die Kopie nach Jacob Jordaens zeigt die Heilige als reuige Sünderin, die ihre Haare und Schultern mit einem grauen Tuch bedeckt und einen Totenschädel als Hinweis auf die Vergänglichkeit alles Irdischen umfasst. Ein geflügelter Engel schützt sie sowohl vor der Versuchung einer alten Kupplerin als auch vor den Anfeindungen des „Neides“. Das Gemälde kam 1809 in die Darmstädter Sammlung und befand sich in keinem guten Zustand, als die Restauratoren es vor einigen Jahren in die Hand nahmen. So zeigten sich in der dünnen Holztafel feine Risse, die verleimt und gekittet werden mussten und momentan retuschiert werden.

          Der Landgraf kam leicht ramponiert in die Werkstatt

          Das Gipsmodell des Landgrafen Georg von Hessen lagerte bis vor einigen Monaten noch in einer Spedition und kam leicht ramponiert mit angebrochenem Kragen und Mantelsaum und sehr verschmutzt in die Werkstatt. Es handelt sich um die Schenkung eines Nachfahren der Familie Scholl. Die eineinhalb Meter große Gipsfigur war 1870 von Johann Baptist Scholl d. J. als Modell für eine Steinfigur geschaffen worden, die sich heute in einem der Höfe des Darmstädter Schlosses befindet. Nach der Museumseröffnung wird das restaurierte Gipsmodell in einer Wandnische des Tieffoyers zu sehen sein. Delug erhält seinen Platz in der Gemäldegalerie, und das Bildnis des Prokurators von San Marco, Almorò Barbaro, das bis zum Zweiten Weltkrieg im Landesmuseum ausgestellt war, kehrt aus dem Depot ebenfalls wieder dorthin zurück, und zwar im Originalrahmen, der beim Umzug ebenso wiederentdeckt wurde wie der für „Märzwind“ von Delug.

          Dass Jülich schon genau sagen kann, welches Werk wo genau seinen Platz finden wird, hängt mit der präzisen Ausstellungskonzeption zusammen: „Wir haben alles bis auf den Zentimeter festgelegt. Sobald wir in die sanierten Museumsräume reindürfen, läuft ein genau geplantes Räderwerk ab“, kündigt der Museumsdirektor an. Seine Hauptsorge gilt daher weder den Restaurierungen noch dem Umzug, sondern dem rechtzeitigen Abschluss der Sanierungsarbeiten im historischen Museumsbau von Alfred Messel.

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