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Evangelische Landeskirche : Präsent sein mit weniger Geld

Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Bild: EHKN

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau macht 2020 rund 55 Millionen Euro Minus. Die Synode berät in Frankfurt, was da noch finanzierbar ist.

          3 Min.

          Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) steht vor tiefgreifenden Veränderungen: Die Teilnehmer der Herbstsynode in Frankfurt beschlossen ein Projekt mit dem Titel „ekhn2030“, das die Landeskirche mit ihren 1,5 Millionen Mitgliedern in Zukunft führen soll. Kern ist eine Kürzung im Haushalt um 100 Millionen Euro in den nächsten elf Jahren. „Das lässt sich nicht durch das Nachjustieren einzelner Stellschrauben erreichen“, sagte Heinz Thomas Striegler, der Leiter der Kirchenverwaltung, am Freitag, dem 29. November, während einer Pressekonferenz und fügte hinzu: „Das heißt natürlich auch Reduktion.“ Noch sei der finanzielle Spielraum groß genug, um neue Projekte zu beginnen. „Wir können zurzeit noch gestalten.“

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Präses Ulrich Oelschläger, der Vorsitzende der Synode, eines parlamentsähnlichem Kirchengremiums, begründete den „Prioritätenprozess“, den er nicht „Sparprozess“ nennen wolle, mit den sinkenden Mitgliederzahlen. Eine Studie Freiburger Wissenschaftler hatte den Kirchen in Deutschland und auch der EKHN einen drastischen Rückgang bis 2060 vorhergesagt. Für die hessisch-nassauische Landeskirche sagten die Fachleute eine Halbierung der Gläubigen voraus. In der Folge reduzieren sich auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer deutlich.

          Zunächst jedoch entwickeln sich die Steuereinnahmen nach Angaben von Verwaltungsleiter Striegler noch eine Weile positiv. Eine Prognose externer Fachleute sage für 2030 eine Summe von 590 Millionen Euro voraus; derzeit sind es 530 Millionen Euro. Weil die Gehälter und Zuweisungen im selben Zeitraum aber etwa zweieinhalbmal so stark stiegen, sei die Landeskirche zum Handeln gezwungen. „Wir müssen uns fragen, wie wir Kirche gestalten wollen und worauf wir uns konzentrieren“, sagte Präses Oelschläger. Allzu viel Zeit zum Überlegen bleibe nicht. Bis zur nächsten Herbstsynode sollten erste Ideen vorliegen. Klar sei: „Wir können Kirche nicht nur auf die Gemeinden reduzieren“, sagte der Präses. „Wir brauchen auch weiterhin übergemeindliche Strukturen, um in der Gesellschaft präsent zu sein und mitreden zu können.“

          Gemeindeflächen nahezu halbieren

          Kirchenpräsident Volker Jung sagte, man werde sich vor allem die großen Posten im Haushalt ansehen. Dazu zähle das Personal, also vor allem der Pfarrdienst. Wie aus der gestern vorgelegten Pfarrstellenplanung hervorgeht, wird deren Zahl von derzeit rund 1600 auf knapp 1100 im Jahr 2030 sinken. Das entspricht anteilig annähernd dem Rückgang bei den Kirchenmitgliedern.

          Weiterer wichtiger Punkt für Einsparungen sind nach Jungs Worten die Gebäude der Landeskirche. Bis 2030 müssten sich die Gemeindeflächen nahezu halbieren. „Wir müssen uns anschauen, welche Pfarrhäuser wir noch brauchen und welche nicht“, sagte der Kirchenpräsident. Es gehe auch um die Frage, wo sich Gemeindebüros zusammenlegen ließen. „Wir wollen dabei aber öffentlich präsent bleiben und bei den Menschen sein. Diese Linie werden wir weiterführen, aber anders organisieren müssen.“ Striegler kalkuliert für 2020 bei einem Haushaltsvolumen von 709 Millionen Euro mit einem Defizit von rund 55 Millionen Euro. Würde die Landeskirche die in der doppelten kaufmännischen Buchführung geforderten Rückstellungen für Pensionen und Beihilfen der Mitarbeiter herausrechnen, stünde als Ergebnis ein Plus von 9,5 Millionen Euro, hob Striegler hervor. Für das Jahr 2021 erhöhe sich das planerische Minus zwischen Aufwand und Ertrag auf mehr als 65 Millionen Euro. Das sei „auf Dauer nicht akzeptabel und schon gar nicht generationengerecht“.

          Die Synode bestätigte zudem die stellvertretende Kirchenpräsidenten Ulrike Scherf mit 115 von 118 gültigen Stimmen ebenso im Amt wie Oliver Albrecht als Propst für Rhein-Main, der 116 von 122 Stimmen erhielt. Albrechts Aufgabe ist mit der eines „Regionalbischofs“ vergleichbar. In den 230 Kirchengemeinden, für die er zuständig ist, gibt es knapp 400 000 Kirchenmitglieder.

          Einig sind sich die Teilnehmer der Synode nach Oelschlägers Worten darin, dass „bestimmte Formen, die den Gottesdienst ritualisieren, nicht mehr zeitgemäß sind“. Nötig sei Vielfalt. Ein Experte empfahl zum Beispiel Kurzformen von Gottesdiensten an ungewöhnlichen Orten, an denen Menschen für sich Sinn suchten. So könnten Andachten etwa in einem Tätowier-Studio stattfinden. Zu überdenken sei auch die übliche Sitzordnung in den Kirchen.

          Keine Entscheidung traf die Synode bis Freitagabend über die Zukunft des Bibelhauses in Frankfurt. Wegen langwieriger Diskussionen hatte sich der Zeitplan stark verzögert. Die Kirchenleitung lehnt einen Neubau an der Saalgasse als „nicht realisierbar ab“, weil die Kosten zu hoch seien. Unklar ist, ob die Mitglieder der Synode sich deshalb auch eine kleinere Lösung vorstellen können. Die Landeskirche ist der größte Geldgeber des Bibelhauses. Eine Entscheidung soll am Samstag, dem 30. November, fallen.

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