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Waschbären in Hessen : Streit über Schonzeit

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Einwanderer: Von Nordhessen aus erobern die aus der Neuen Welt stammenden Kleinbären Deutschland. Bild: dpa

Wie viele Waschbären es in Hessen gibt, weiß niemand genau - aber die Europäische Union will den Bestand reduzieren. Wird es nun auch eng für die Raubtiere in Hessen?

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          Ein aufgerissener Müllsack am Straßenrand, eine umgeworfene Mülltonne, angefressenes Obst - Waschbären sind in Nordhessen schon lange keine Besonderheit mehr. Viele Kommunen, gerade rund um den Edersee in Nordhessen, haben sich mit dem geschickten Mitbewohner mit der auffälligen Gesichtszeichnung abgefunden. „Waschbären gehören zum täglichen Bild bei uns“, sagt der Ordnungsamtsleiter der Gemeinde Edertal am Edersee, Axel Mann. „Die Bevölkerung hat sich damit arrangiert.“ Von Anwohnern gebe es keine Beschwerden über die Tiere mit der markanten Zorro-Maske. „Sie wissen sich zu helfen.“ Nun soll den aus Nordamerika hergebrachten Waschbären in der Europäischen Union der Garaus gemacht werden - in Hessen allerdings haben die Tiere zumindest noch zeitweise ein Rückzugsgebiet.

          Von nun an gehört der Waschbär laut einer EU-Verordnung mit rund drei Dutzend anderen Tier- und Pflanzenarten zu den „invasiven gebietsfremden Arten“. Hauptziel dabei ist die Eindämmung dieser Arten. Dennoch gilt in Hessen weiter ein ausgedehntes Fang- und Abschussverbot von Anfang März bis Ende Juli - und genau das kritisiert der Landesjagdverband. Denn so darf der Waschbär nur von Anfang August bis Ende Februar geschossen werden.

          Waschbär-Hauptstadt Kassel

          Nach Angaben der Jäger hat der Waschbär sein Verbreitungsgebiet in Deutschland innerhalb von sieben Jahren quasi verdoppelt und kommt jetzt fast in jedem zweiten Jagdrevier vor. Angesichts der rasanten Ausbreitung und eines fortschreitenden Lebensraumverlusts für heimische Arten müsse die Schonzeit für Waschbären aufgehoben werden, fordert Landesjagdverbands-Präsident Jürgen Ellenberger. Wie viele Waschbären es in Hessen gibt, kann niemand genau sagen. Laut Regierungspräsidium Kassel wurden in der Saison 2015/2016 in Hessen knapp 28 000 Waschbären getötet, mehr als die Hälfte davon im Regierungsbezirk Kassel. Mehr als 18 000 wurden erschossen, rund 7800 gefangen und dann getötet, und etwa 1800 starben durch Verkehr oder Krankheit. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum wurden etwa 3600 Hasen erlegt.

          Fast alle deutschen und mitteleuropäischen Waschbären stammen von nur zwei Paaren vom Edersee in Nordhessen ab. Zuerst wollte das Quartett am 12. April 1934 trotz einer Lockfütterung mit angebrüteten Eiern und geschossenen Eichhörnchen gar nicht aus den Transportkisten. In der perfekten Umgebung - viel Wald, viel Wasser, viel Nahrung - entwickelte sich die Population später prächtig. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in Deutschland ein paar Dutzend Waschbären, 25 Jahre später schon 20 000. Heute erreicht ihre Zahl wohl eine halbe Million. Das wald- und wasserreiche Kassel haben die Kleinbären mit Migrationshintergrund zur europäischen Waschbär-Hauptstadt gemacht.

          Änderung der Schonzeit nicht angedacht

          Die Waschbär-Expertin für den Naturschutzbund Hessen, Ursula Laub, kritisiert die Aufnahme des Waschbären in die EU-Verordnung. Der Entscheidung seien keine wissenschaftlichen Arbeiten aus Deutschland zugrunde gelegt worden, obwohl hier die meisten Waschbären leben. „Es ist längst eine einheimische Art. Außerdem war die Auswilderung damals rechtmäßig und genehmigt“, sagt Laub. Sie plädiert sogar dafür, die Jagd auf Waschbären ganz einzustellen, denn mit zunehmendem Abschuss produziere der Arterhaltungstrieb noch mehr Waschbären.

          Stattdessen sollte in Stadtgebieten mit Futterverknappung gearbeitet werden. Laubs Rat: „Häuser isolieren, Mülltonnen abschließen und Obst wegräumen.“ „Wir kriegen den Waschbär aus Hessen nicht mehr weg. Aber wir werden uns überlegen, wie wir vorgehen, um die Ausbreitung einzudämmen“, sagt der Sprecher des Umweltministeriums in Wiesbaden, Mischa Brüssel de Laskay. Weil es bereits so viele Waschbären im Land gebe, müsse man mit dem Tier anders umgehen als mit Einzelexemplaren. Der Forderung der Jäger erteilt er zumindest derzeit eine Absage. Eine Änderung der Schonzeit seit derzeit nicht angedacht, betont er. Die Beratungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen.

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