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Weibliche Genitalverstümmelung : Ein Gewaltakt mit lebenslangen Folgen

Unsägliches Leid für die jungen Opfer: Die weibliche Genitalverstümmelung ist besonders in Afrika weit verbreitet. Bild: epd-bild/Klaus Becke

Das Land Hessen und die Uniklinik Frankfurt unterstützen den Kampf gegen die rituelle Genitalverstümmelung. Denn vielen Flüchtlingsmädchen droht ein solches Schicksal.

          2 Min.

          Frank Louwen war schockiert, obwohl er ein erfahrener Gynäkologe ist. Auf einem Kongress hatte er Schilderungen von Frauen gehört, deren Genitalien aus rituellen Gründen verstümmelt worden waren. Das habe ihn lange nicht losgelassen, sagt der Leiter der Geburtshilfe am Uniklinikum Frankfurt. Die weibliche Genitalverstümmelung, die vor allem in nordafrikanischen Ländern, dem Irak, Indonesien und Malaysia verbreitet ist, wird in Deutschland als schwere Körperverletzung gewertet. Den Tätern drohen zehn Jahre Haft. Um betroffene Mädchen und Frauen besser schützen zu können, hat das hessische Sozialministerium für dieses und das nächste Jahr insgesamt 100.000 Euro für ein von Pro Familia geleitetes Projekt bereitgestellt.

          Ingrid Karb
          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit der seit 2015 gestiegenen Zuwanderung aus den nordafrikanischen Ländern hat sich die Zahl der betroffenen Frauen und der gefährdeten Mädchen in Deutschland erhöht. Eine Untersuchung des Bundesfamilienministeriums kommt auf 70.000 betroffene Frauen in Deutschland. In ganz Europa gelten 180.000 Mädchen als gefährdet, wie Louwen berichtet. Die Familien reisten dafür mit den Kindern ins Ausland, meist nach Nordafrika. In Ägypten seien 95 Prozent der Frauen genitalverstümmelt. „In Deutschland macht das kein Frauenarzt“, glaubt Louwen.

          Gravierende Folgen für Frauen

          Bei der Beschneidung wird jungen Mädchen die Klitoris entfernt, und die Schamlippen werden zusammengenäht. Danach ist kein normaler Sexualakt möglich. Meist hätten die Frauen nur Analverkehr, berichtet Louwen. Die Genitalverstümmelung wirke sich aber nicht nur auf die Sexualität der Frauen aus. In der Folge hätten viele Frauen Schmerzen, es komme zu Verwachsungen und häufig zu Infektionen, weil die Regelblutung nicht richtig abfließen könne.

          Obwohl die Beschneidung von Frauen in vielen islamischen Ländern üblich sei, habe sie keinen religiösen Hintergrund, hebt Louwen hervor. „Der Koran verurteilt die Genitalverstümmelung.“ Die Tradition sei viel älter als die Islamisierung der betreffenden Länder.

          Auch Louwen sieht immer wieder betroffene Frauen, wenn sie zu einer Geburt an die Uniklinik kommen. Die Entbindung sei eine Chance für die Frauen, hebt der Chefarzt hervor. Der Gynäkologe müsse die vernähten Schamlippen öffnen, damit die Frauen ihre Kinder auf normalem Weg gebären könnten. Entgegen der Ansicht einiger Kollegen sei kein Kaiserschnitt nötig. Nach der Geburt würden die Schamlippen nicht wieder verschlossen und könnten verheilen.

          Aufklärungsarbeit und Prävention

          Das Thema begegnet Louwen aber auch in seinem Ehrenamt als Landesvorsitzender von Pro Familia. An deren Beratungsstellen wenden sich Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, die von der geplanten Genitalverstümmelung eines jungen Mädchens gehört haben, sie verhindern oder über die rechtlichen Konsequenzen aufgeklärt werden wollen.

          In dem Schutzprojekt geht es vor allem darum, Ärzte, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Behörden wie Gesundheit- und Jugendamt zu vernetzen. Dadurch soll laut Ministerium eine nachhaltige Schutz- und Versorgungsstruktur aufgebaut werden. Es sei in Deutschland viel Wissen über die Lage der Frauen vorhanden, sagt Louwen, es müsse nur zusammengeführt werden. Fachkräfte aus sozialen, pädagogischen und medizinischen Berufen sollen weitergebildet und qualifiziert werden. Darüber hinaus sind Informationsveranstaltungen, Flugblatt-Kampagnen und ein Internetauftritt geplant.

          Louwen und seine Mitarbeiter an der Uniklinik werden das Projekt wissenschaftlich begleiten. Das geschehe ehrenamtlich, hebt der Professor hervor. Denn die finanzielle Förderung solle der eigentlichen Arbeit zugutekommen.

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