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Laienschauspieler Tolga Tekin : „Man muss Geduld mit mir haben“

Bühnenreif: Tolga Tekin verdient sein Geld als Büroangestellter - und ist als Laienschauspieler tätig Bild: Wolfgang Eilmes

Der behinderte Laienschauspieler Tolga Tekin ist am glücklichsten im Theater, vor allem auf der Bühne. Der Weg dorthin war lang.

          Einmal hatte er „so einen Hals“. Damals stieß ihm ein Theaterbesucher im Zuschauerraum des Frankfurter Schauspiels mit dem Ellenbogen in die Seite. Tolga Tekin hatte laut gelacht. Was manche Zuschauer irritiert, wissen die Schauspieler auf der Bühne zu schätzen. Valery Tscheplanowa zum Beispiel: „Einmal saß Tolga während der ,Stella‘-Vorstellung in der ersten Reihe. Es war so, als würde ich mit ihm spielen. Sein Lachen tut gut, es steckt andere an.“ Manchmal weint Tekin auch. „Im Theater darf man lachen und weinen“, davon ist er überzeugt. Deshalb geht er nicht nur zu den Premieren, sondern andauernd ins Schauspiel. Er liebt das Theater und gibt den Schauspielern, was sie am meisten brauchen: spontane Resonanz.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Ich bin nicht wie die anderen“, sagt er ganz unbefangen - und beginnt zu erklären, warum nicht. Als er 1970 im türkischen Karaman, 600 Kilometer südlich von Ankara, geboren wurde, war er für zehn Minuten vom Sauerstoff abgeschnitten. Sein Gesicht lief blau an, und im Gehirn starben Zellen ab. Cerebralparese nennen Ärzte diese Geburtskomplikation. Die Folge: Tetraspastik, ein erhöhter Muskeltonus in allen vier Extremitäten, krampfhafte Starre. Tolga Tekin kann sich nicht bewegen wie andere, auch muss man sich einhören, um ihn verstehen zu können, wenn er spricht. „Wenn man Geduld hat mit mir, dann versteht man mich auch“, sagt er, aber: „Die Gesellschaft hat keine Geduld. Bei mir muss man sich Zeit nehmen.“

          Zweisprachig aufgewachsen

          Als er drei Jahre alt war, kamen seine Eltern nach Deutschland, um ihren Sohn behandeln zu lassen. Sie unterrichteten Türkisch an deutschen Schulen. Tekin wuchs zweisprachig in Frankfurt auf, besuchte erst den Kindergarten, dann die damalige Heinrich-Steul-Schule für Körperbehinderte, die heute Viktor-Frankl-Schule heißt. 1988 erhielt er sein Abgangszeugnis. Ein Jahr später holte er in Hochheim den Hauptschulabschluss nach und ließ sich anschließend zur Bürokraft ausbilden: „zum Bürogehilfen auf gut Deutsch“. Als solcher arbeitet er seit 1992 im Zentrum für Informationsverarbeitung und Datentechnik. Vollzeit. Für die Proben mit Valery Tscheplanowa und Jakub Gawlik im Frankfurter Autoren-Theater hatte er immer erst nach 17 Uhr Zeit. „Und kurz vor Mitternacht hatte er die besten Ideen“, erinnert sich Gawlik, der hier mit den beiden sein Langgedicht „Wir haben deinen Traum im Mund“ inszeniert hat.

          Tekins Weg auf die Bühne ist lang. Viele haben ihm dabei geholfen. Schon 1993 spielte er im „Faust“ der Dramatischen Bühne mit. Als Regisseur Anselm Weber für seine „Hamlet“-Inszenierung acht Behinderte für das Spiel im Spiel der „Schauspieltruppe“ suchte, wurde das Frankfurter Schauspiel bei der Lebenshilfe Frankfurt fündig: Tekin war mit von der Partie. Damals hat er so richtig Feuer gefangen. „Seitdem bin ich in der Kantine hängengeblieben. Ich liebe das Theater, weil das Kunst ist, und Kunst ist etwas Wunderbares“, erklärt er seine Faszination durch die Bühne. „Die Schauspieler kennen mich und freuen sich, wenn sie mich hören.“

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