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„Laf ju Göhte“ : Barfuß mit Goethe

Schlagen: Kinder an tibetanischen Klangplatten im Untergeschoss. Bild: Frank Röth

Das „Erfahrungsfeld“ Schloss Freudenberg in Wiesbaden widmet sich diesen Sommer einem Ahnherrn. „Laf ju Göhte“ lautet folglich das Motto des diesjährigen Sommer-Parcours.

          Rudolf Steiner kann man locker toppen. Der hatte um 1920 aus den fünf menschlichen Sinnen schon zwölf gemacht. Auf Freudenberg gibt es 28 Sinne. Mindestens. Nicht nur den „Ichsinn“ oder den „Denksinn“ Steiners etwa, sondern auch den „Geburtstagssinn“ oder auch, ab und zu, Unsinn.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Obwohl sie es mit der Komik nicht unbedingt haben auf dem grünen Hügel in Wiesbaden, auf dem die 1904 errichtete Prachtvilla thront. Schloss Freudenberg - den Namenszusatz „Schloss“ hat das Anwesen schon früh erhalten - ist ein „Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne und des Denkens“. Und das ist, bei allem Vergnügen, weniger eine zum Brüllen komische Sache. Es geht mehr um Freude. Um Achtsamkeit. Vertrauen. Verweilen, Lang-Weile oder auch Er-Eignis, wie das hier heißt. Weshalb der Gründer des Erfahrungsfelds Freudenberg, Matthias Schenk, auch gar nicht verstehen konnte, wie der Titel des im vorigen Jahr so erfolgreichen Spaßfilms „Fack ju Göhte“ geradezu zu einem geflügelten Wort werden konnte.

          Wie der Freudenberg funktioniert

          „Laf ju Göhte“ ist deshalb die Sommerparole auf Schloss Freudenberg. In neunzig Minuten sollen die Besucher auf einer geführten Tour Goethe entdecken - oder ganz auf eigene Faust. Denn wohin man auch schaut: Es steckt ein Goethe in all den Dingen, die das Erfahrungsfeld Freudenberg so bietet. Neben Steiner, Maria Montessori und vor allem dem Schreiner und Künstler Hugo Kükelhaus (1900 bis 1984), bei dem Schenk zum Erfahrungsfeld-Bildner ausgebildet wurde, ist der Dichter einer der Patrone der Freudenberg-Idee.

          Anfang der neunziger Jahre haben Schenk und seine Frau Beatrice Dastis, die Geschäftsführerin, das verfallene Gebäude und den Park für sich erobert. 2005 hat die Stadt Wiesbaden es ihnen in Erbpacht überlassen, „verlängert bis 2072“, prangt auf einer der Skizzen, auf denen Schenk festhält, wie der Freudenberg funktioniert: als Mischung aus kultureller Einrichtung, anthroposophischer Einkehr, Seminarort, Gastronomie und Kommune, die ganz offensichtlich ihren Mann nährt. Finanziert wird sie aus dem Erlös der verschiedenen Aktivitäten und mit Spenden.

          Eintrittspreis selbst abwägbar

          Vor allem im Sommer ist der riesige Park samt Spielplatz eine Attraktion für Erwachsene und Kinder. Wer die Annehmlichkeiten und Erlebnisstationen vollauf nutzen will, muss für seine Eintrittskarte zahlen, wobei der profane Obolus auf Freudenberg lieber „Ereigniskarte“ genannt wird. Eine Familie kann sich aussuchen, ob sie für zwei Erwachsene und zwei Kinder lieber 35, 40 oder 50 Euro zahlt, je nach „Wert-Schätzung“. Dann können die Kinder am Feuer Stockbrot backen, während die Erwachsenen bei den Gong-Konzerten im Untergeschoss des Hauses auf dem Boden liegen und spüren, wie die Schwingungen in der Magengrube kitzeln. Man muss ja nicht gleich, wie der Gong-Künstler versichert, daran glauben, dass die Klänge Krebs heilen können.

          Schon immer gehören Goethes Farbenlehre, seine botanischen Forschungen und sein Zusammendenken von Natur, Kunst und Mensch zu dem Parcours, der seit den neunziger Jahren im Gebäude und im Park entstanden ist. An einer Lichtstation im Keller können Besucher das Prinzip des weißen und farbigen Lichts ausprobieren, in einem anderen Raum hängen Prismen von der Decke herab und zaubern beim Durchsehen Regenbogen. Überall stehen Mitarbeiter, die erklären, helfen, erläutern und in dem aufgehen, was die Prinzipien des Hauses sind. Alles wird selbst hergestellt, viele Möbel, die Ausstellungsstücke, die Texte und Bilder.

          „Immerwährende Baustelle“

          Heruntergekommen und vom Schwamm befallen war das von Paul Schultze-Naumburg entworfene Anwesen vor 20 Jahren, entworfen als Liebesnest für den britischen Maler James Pitcairn-Knowles und seine französische Geliebte Marie Guérinet, die er bald verließ. Eine schöne, traurige Geschichte, schöner als die spätere Karriere des Hauses als Erholungsheim, Militärquartier und zugemauerte Halbruine. Als „immerwährende Baustelle“ ist es anzusehen, eine eigene Denkmalstiftung ist mittlerweile in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gegründet. Das Gebäude atmet den Charme des Unfertigen, der mit schönen Accessoires inszeniert wird.

          Für „Laf ju Göhte“, das Thema des diesjährigen Sommer-Parcours, haben die Mitarbeiter, es sind gut 80, sich allerhand neue Stationen ausgedacht, die an Goethe und seine Naturerkundungen heranführen sollen. Die Goethepflanze etwa wuchert munter im Eingangssalon, ein paar Meter weiter kann das Zeichnen von Schattenrissen im Gegenlicht geübt werden. Ausgebaut worden ist auch eine langjährige Attraktion, der Barfußpfad. Er soll „Menschen von 3 bis 103“ dazu bringen, wieder einmal genau zu fühlen, was sich unter ihren Sohlen verbirgt, zu spüren, wie es ist, wenn man auf einen Stein, ein Holz, eine Buchecker tritt. Was das mit „Laf ju Göhte“ zu tun hat? Auf den ersten Blick nichts. Aber auf dem Freudenberg gewinnt man schnell den Eindruck, dass alles mit allem zu tun hat, wenn man erst einmal alle seine 28 Sinne nutzt. Und Goethe ist ja auch gern und oft gewandert. Vielleicht sogar barfuß.

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