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Lärmschutztunnel : Zeitdruck für Einhausung der A661 wächst

Eine Autobahn, die unsichtbar werden soll: In diesem Abschnitt soll die A661 erweitert und überbaut werden. Bild: Etienne Lehnen

Das Land drängt zur Eile: Will die Stadt die Chancen für einen Tunnel über der A661 wahren, muss sie sich jetzt entscheiden. Doch die Römer-Koalition hofft immer noch auf Geld aus Berlin.

          Vor zehn Tagen wurde es voll im Ernst-May-Saal des Stadtplanungsamts. An dem großen Tisch saßen lauter kluge Leute, die sich mit dem Bau von Autobahnen auskennen. Der Landesbetrieb Hessen Mobil, der die A661 verbreitern und möglichst bald mit einem zeitaufwendigen Planänderungsverfahren beginnen will, hatte seine Vertreter geschickt. Das Stadtplanungsamt stellte den Stand der Debatte um das beiderseits der Autobahn geplante Ernst-May-Viertel dar, in dem bis zu 3800 Wohnungen entstehen sollen. Externe Fachleute präsentierten eine Machbarkeitsstudie, ob die Autobahn 661 für diesen Zweck überbaut werden kann. Und aus Hamburg waren Planer angereist, die über ein ganz ähnliches Projekt berichteten.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Hansestadt wird derzeit die Autobahn 7 verbreitert. Um die Bevölkerung in den angrenzenden Stadtteilen vor Lärm zu schützen, wird ein großer Teil der Strecke in einem Tunnel geführt. In drei Abschnitten bekommt die A7 „Hamburger Deckel“, die begrünt werden sollen. Auf einer Länge von 3,7 Kilometern wird die Autobahn künftig eingehaust. 1,62 Kilometer davon bezahlt der Bund. Die Stadt Hamburg beteiligt sich finanziell und ergänzt die Strecke um zwei Kilometer. Der erste Teil des Autobahndeckels ist schon fertig. Im Stadtteil Schnelsen freuen sich die Bewohner über die Ruhe und die neu gewonnene Lebensqualität, wie im „Hamburger Abendblatt“ zu lesen ist: „Es ist herrlich. Die Autobahn war ja schlimmer als die Berliner Mauer. Die hat dermaßen die Stadt geteilt.“

          Mangelnde Beteiligung in Frankfurt

          Auch in Frankfurt zerteilt eine Straße das Stadtgebiet. Die Autobahn 661 schneidet die Stadtteile Seckbach, Bornheim und Nordend voneinander ab. Frankfurt plant deshalb eine Einhausung. Doch das Projekt kommt nicht recht voran. Denn anders als in Hamburg will sich der Bund kaum in nennenswerter Höhe beteiligen, weil sich der Schallschutz auch günstiger durch den Bau von Lärmschutzwänden herstellen ließe. Frankfurt bliebe auf einem Großteil der Kosten für den Autobahndeckel sitzen.

          Nun drängt Hessen Mobil, das die Autobahn in diesem Abschnitt ohnehin ausbauen will, zur Eile. Der Landesbetrieb will den vierstreifigen Ausbau, zu dem noch ein „Verflechtungsstreifen“ und eine neue Auffahrtsrampe an der Friedberger Landstraße hinzukommen, jetzt vorantreiben. Um die Bevölkerung vor Lärm zu schützen, wären acht bis zehn Meter hohe Lärmschutzwände nötig. Den Vorentwurf für dieses Projekt will Hessen Mobil noch im ersten Quartal beim Bundesverkehrsministerium einreichen. Dann beginnt ein aufwendiges Planänderungsverfahren, das mehrere Jahre dauert. Will Frankfurt die Chance auf eine Einhausung wahren, müssen die Stadtverordneten diese jetzt beschließen. Denn haben die Planungen für den Autobahnausbau einmal begonnen, würde das Verfahren nicht mehr nachträglich für die Einhausung geöffnet. Endgültig soll die A661 sogar auf sechs Fahrspuren ausgebaut werden. Die Einhausung muss schon entsprechend breit sein.

          Mehr Wohnungen dank Lärmschutz

          Das Stadtplanungsamt hat lange verschiedene Varianten geprüft. Am Ende blieb nur eine sinnvolle Lösung übrig: Die Autobahn soll auf 1080 Metern Länge zwischen der Friedberger Landstraße und dem sogenannten Galerie-Bauwerk an der Seckbacher Landstraße eingehaust werden. In diesem Fall könnten zu den im Ernst-May-Viertel geplanten 3000 Wohnungen noch rund 800 weitere hinzukommen – durch eine Erweiterung der Festeburg-Siedlung und durch eine Verlagerung des Blumengroßmarkts. Ohne einen Autobahntunnel wären diese 800 Wohnungen aus Lärmschutzgründen nicht realisierbar.

          Die Einhausung soll einmalig 151,2 Millionen Euro kosten. Hochgerechnet auf eine Planungs- und Bauzeit von zehn Jahren – 2020 bis 2025 Planfeststellungsverfahren, 2025 bis 2029 Bau der Einhausung, 2030 Inbetriebnahme – summiert sich der Betrag allerdings auf rund 350 Millionen. Der Sprecher des Planungsdezernats hält dies für den „schlimmsten Fall“, falls Fördergeld und Synergieeffekte gänzlich ausblieben. Die Summe falle jedoch nicht auf einen Schlag an, sondern würde auf viele Jahre verteilt. Das Planungsdezernat hält die Einhausung trotz der hohen Kosten für sinnvoll. „Das ist eine gute Idee, denn der Gewinn für die Stadt ist größer. Unser Ziel ist es: Wenn das Ernst-May-Viertel gebaut wird, soll auch die Einhausung kommen.“

          Die Römer-Koalition steht nun unter Druck. Sie muss in wenigen Wochen einen Beschluss fassen – oder das Projekt beerdigen. Die CDU hat sich schon im vergangenen Jahr dafür ausgesprochen, die Einhausung notfalls im Alleingang zu finanzieren. Auch die Grünen sind bereit, mit einem Beschluss Planungsmittel freizugeben. „Wir wollen in den nächsten Wochen zu einer Entscheidung kommen“, sagt der Stadtverordnete Wolfgang Siefert (Die Grünen). Er appelliert an den Bund, sich an der Finanzierung zu beteiligen – zumindest in der Höhe, die für einen Lärmschutz bei einem sechsspurigen Ausbau nötig wäre.

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