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Weinanbau : Neuer Wein aus alten Sorten

  • -Aktualisiert am

Ulrich Martin Jung vermehrt in seiner Rebschale alte Weinsorten, um die Rebstöcke itneressierten Weinbauern in ausreichender Zahl anbieten zu können. Bild: Frank Röth

Samtrot und Hartblau und Adelfränkisch: Solche längst vergessenen Reben findet ein Wissenschaftler in deutschen Weinbergen, manches entdeckt er auch im Wald. Ulrich Martin sorgt dafür, dass Winzer etwas davon haben.

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          Die Frühjahrssonne lässt Andreas Jung blinzeln, als er die Objekte seines Museums der Artenvielfalt betrachtet. Die Kirchturmuhr schlägt Mittag, sonst ist es still. Der Wissenschaftler trägt Arbeitsschuhe und Cargohosen und blickt über 2500 Quadratmeter einer weltweit einmaligen Sammlung. Die Rebstöcke, die sich in Weingarten im Landkreis Germersheim dem Himmel entgegenstrecken, machen die jahrhundertealte Weinbaugeschichte Europas schmeckbar.

          Jung, ein 58 Jahre alter Geobotaniker, Pflanzensystematiker und Genetiker, hat in mehr als 800 historischen Weinbergen in Deutschland rund 320 vergessene Rebsorten aufgespürt und identifiziert. 130 von ihnen galten bislang als ausgestorben. In der Parzelle am Weingartener Schlossberg hat Jung seine Funde ausgepflanzt. Es sind aktuell 117 Sorten mit Namen wie Adelfränkisch, Räuschling, Heunisch, Arbst, Süßschwarz, Samtrot und Hartblau. Mit Hilfe von Rebstock-Patenschaften, die Weinfreunde aus dem Rhein-Main-Gebiet übernommen haben, kann der Wissenschaftler den Weinberg in der Pfalz pflegen und vergrößern.

          Nur vier Sorten Wein

          Heute wachsen auf etwa der Hälfte der rund 100 000 Hektar deutscher Weinbaufläche nur noch vier Sorten: Müller-Thurgau und Riesling beim Weißwein, Dornfelder und Spätburgunder beim Rotwein. Bedeutung haben insgesamt noch etwa 20 Sorten. Im 19. Jahrhundert war das noch völlig anders. „In der Zeit zwischen 1800 und 1870 standen etwa 500 Sorten hier in den Weinbergen“, hat Jung ermittelt. 2013 hat er das Projekt „Historische Rebsorten“ gegründet. Sein Partner dabei ist der Rebenzüchter Ulrich Martin aus dem rheinhessischen Gundheim.

          Ulrich Martin vermehrt in seiner Rebschule in Hörweite der Autobahn 61 die Funde von Jung, um die Rebstöcke interessierten Weinbauern in ausreichender Zahl anbieten zu können. „Insgesamt pflegen wir aktuell einen Bestand von 320 Rebsorten. Sie sollen angebaut und von den Winzern verstanden werden. Nur so verhindern wir, dass sie wieder aussterben“, sagt Martin. Inzwischen stünden die Sorten Adelfränkisch, Kleinberger, Grünfränkisch, Räuschling und Weißer Traminer mit je 1200 Stöcken im Weinberg, andere Sorten mit mehreren hundert Stöcken.

          Die Wiederentdeckung ist ein Generationenprojekt. Denn es dauert Jahre, bis Martin aus einem Fund von wenigen Edelreisern so viele Ableger vermehrt hat, dass es sich für Weingüter überhaupt lohnt, sich für sie zu interessieren. Und pflanzt ein Betrieb sie aus, dauert es weitere drei Jahre bis zur ersten Ernte. Inzwischen produzieren ein paar Spitzenbetriebe Wein aus den vergessenen Sorten, Schloss Reinhartshausen im Rheingau, Max Ferdinand Richter an der Mosel und Ellwanger in Württemberg. Jonas Kiefer aus Worms und das Gut Gutzler in Gundheim bauen die ausgestorbenen Rebsorten weltweit erstmals sortenrein in ihren Kellern aus, um sie im Glas schmeckbar zu machen.

          Auch der Züchter Martin will mit dem Material, das ganz andere, ungewöhnliche Aromen liefere, im Keller arbeiten. Vom nächsten Jahr an will er 4,2 Hektar Weinberge mit historischen Sorten bewirtschaften und, wenn alle Flächen im Ertrag stehen, etwa 30 000 Liter in den Verkauf bringen. Jeder Wein werde eine Nummer tragen, die auf den dokumentierten Rebstockfund von Andreas Jung verweise. Jeder wisse dann, woher der Tropfen stamme, den er trinke. „Wir wollen den Weingenießern verständlich machen, wo der Ursprung des Weins und seiner Kultur ist, den sie im Glas schmecken.“

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