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KZ-Außenstelle in Walldorf : Das Grauen im Keller unter der Küchenbaracke

Ausgegraben: Jugendliche haben seit 2005 den Keller der Küchenbaracke des Außenlagers Walldorf freigelegt, bald soll ein Dach das Fundament schützen. Bild: Cornelia Sick

1944 mussten jüdische Frauen in Walldorf Zwangsarbeit leisten. Noch in den Siebzigern leugneten manche Walldorfer die Existenz des Lagers. Seitdem hat sich einiges getan. Auch dank der Arbeit von Cornelia Rühlig.

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          Der Keller unter der Küchenbaracke war das Schlimmste. Wenn Überlebende an das Lager zurückdenken, erzählen sie mit Schrecken und stockender Stimme von dem kalten Raum ohne Fenster, in dem sie eingesperrt, misshandelt und geprügelt wurden. Cornelia Rühlig hat mit vielen von ihnen gesprochen. Als Leiterin der Margit-Horváth-Stiftung befasst sich die Einundsechzigjährige mit der KZ-Außenstelle in Walldorf. 1700 jüdische Frauen und Mädchen aus Ungarn mussten in den Herbstmonaten des Jahres 1944 hier Zwangsarbeit leisten. 50 Frauen starben an Entkräftung und Krankheit oder wurden zu Tode geprügelt.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wie stark sich Mörfelden-Walldorfer mittlerweile mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, zeigte sich an der Gedenkfeier, mit der an die Einrichtung des Außenlagers vor 70 Jahren erinnert wurde. Hunderte Menschen strömten auf die Waldlichtung, auf der die Grundmauern des Kellers als sichtbares Zeichen für das 1945 gesprengte Außenlager in den vergangenen neun Jahren ausgegraben wurden. Gemeinsam gedachten sie der Frauen, die dort 1944 am Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main Zwangsarbeit leisten mussten. Das heutige Bewusstsein war aber keineswegs immer gegeben. Noch vor vierzig Jahren hätten sich viele Mörfelden-Walldorfer der Erinnerung am liebsten entzogen - bis drei Jugendliche das Lager „wiederentdeckten“.

          Unbequeme Fragen für die Bewohner

          1972 fahren die jungen Kommunisten Alfred Arndt, Herbert Oswald und Gerd Schulmeyer von der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) in das Konzentrationslager Buchenwald und besichtigen dessen Baracken. Sie laufen durch eine Ausstellung auf dem Gelände und finden eine Karte des Deutschen Reiches. Darauf sind alle Konzentrations- und Außenlager eingezeichnet. Im Osten entdecken sie Buchenwald. Dann blicken sie auf Hessen, wollen wissen, wo das ihrer Heimatstadt nächstgelegene Lager stand. Sie finden ein kleines Lagerzeichen und daneben in winzigen Buchstaben das Wort Walldorf, den Namen ihrer Heimatstadt.

          Organisatorin des Jugendprojekt: Cornelia Rühlig

          Zurück in Mörfelden-Walldorf, fragen sie nach. Warum niemand über das Außenlager gesprochen habe? Was dort genau passiert sei? Sie stoßen auf Ablehnung, Wut, einige Bewohner leugnen gar, dass es je ein solches Lager gegeben habe. Die Jugendlichen werden als Nestbeschmutzer beschimpft. Einen Gedenkstein für die 1700 jüdischen Frauen und Mädchen halten viele für undenkbar.

          Bald verschwanden die Spuren des KZ

          Die drei Jugendlichen beginnen zu recherchieren. Im Bundesarchiv finden sie die Deportationslisten von Auschwitz nach Walldorf. Beinahe ausschließlich ungarische Mädchen und Frauen im Alter von 14 um 46 Jahren wurden von der sogenannten „Organisation Todt“ für das Jahr 1944 angefordert, bis im Rhein-Main-Gebiet für die Firma Züblin Zwangsarbeit zu leisten. Sie sollten beim Aufbau des Flug- und Luftschiffhafens Rhein-Main helfen. Dessen Bau galt als „kriegsentscheidend“.

          Von 23. August bis 24. November 1944 existierte das Außenlager des elsässischen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, fanden die drei Jugendlichen heraus. In sechs Baracken wohnten die Frauen bis zu ihrer weiteren Deportation, die von den 1700 ungarischen Frauen nur 300 überlebten. Wochen nach dem Krieg sprengte man das Lager am Stadtrand von Walldorf. Kurz darauf wurde das Gelände wiederaufgeforstet. Bald gab es keine sichtbaren Spuren mehr von den Geschehnissen im Herbst 1944.

          Leugnen wurde immer schwieriger

          Vor allem Augenzeugen von damals springen den Jugendlichen bei ihrer Aufklärung bei und erzählen von ihren Erinnerungen. Einer dieser Augenzeugen berichtet, dass er im Herbst 1944 mit seinem Rad im Wald nahe Walldorf unterwegs war, um Fallobst zu sammeln. Auf einmal sah er zwei Häftlingsfrauen, die dort arbeiteten. Er gab ihnen ein paar Äpfel, musste jedoch flüchten, als ihn ein Wachmann anschrie, dass er verschwinden solle.

          Immer schwieriger wurde es bei solchen Stimmen, die Geschehnisse im Außenlager Walldorf am Stadtrand des Ortes kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges weiter zu ignorieren oder zu leugnen. 1980 erreichen die drei Jugendlichen mit Unterstützung der DKP, die in der Stadt bis heute Wahlerfolge erzielt, dass ein Gedenkstein aufgestellt wurde, um an die misshandelten und verstorbenen Mädchen und Frauen zu erinnern.

          Jüdin Horváth überlebte das KZ

          Das war der Abschluss von acht Jahren anstrengender Recherche. „Vieles war dadurch schon erforscht, ich hätte aber nicht gedacht, dass es noch so vieles über das Lager herauszufinden gab“, sagt Cornelia Rühlig. Die Verdrängung der NS-Zeit in einem großen Teil der bundesrepublikanischen Bevölkerung hat die Einundsechzigjährige bereits in der Schulzeit erlebt. Der Geschichtsunterricht an ihrem Gymnasium in Esslingen brach mit der Weimarer Republik ab. Alles danach sei nur Chaos, erklärte man ihr. 1973 machte sie ihr Abitur, ohne überhaupt einmal über die NS-Zeit gesprochen zu haben.

          Diesen Mangel machte sie in ihrem Arbeitsleben später mehr als wett. 1984 begann sie als Stadthistorikern in Mörfelden-Walldorf zu arbeiten. Rühlig reizte das Arbeiten in der „Peripherie“, wie sie sagt. In den ersten Jahren in Mörfelden-Walldorf beschäftigte sie sich allerdings kaum mit dem Außenlager. Zu grundlegend schienen ihr die Recherchen der drei Jugendlichen. Das änderte sich, als sie einige Jahre nach ihrer Ankunft in Mörfelden-Walldorf die ungarische Jüdin Margit Horváth kennenlernte, eine der Überlebenden des Außenlagers Walldorf.

          Mehr Schüler wollen recherchieren

          Bis dahin hatte Horváth mit kaum jemanden über das gesprochen, was sie im Außenlager in den Herbstmonaten 1944 erlebt hatte. Erst im Gespräch mit Rühlig öffnete sich Horváth, und es „sprudelte aus ihr heraus wie aus einem Wasserfall“, sagt Rühlig. Das war der letzte Anstoß für sie, sich stärker mit dem Außenlager zu befassen.

          Mitte der Neunziger entwickelte sie eine kleine Ausstellung über das Lager. Im Rathaus allerdings, „damit jeder die Ausstellung sehen kann“, und nicht im Museum, wohin „doch immer nur die gleichen Spezialisten kommen“. Horváth war dabei, wollte allerdings unerkannt bleiben. Auch einige Schüler einer Mörfelden-Walldorfer Schule besichtigten die Ausstellung und fragten Rühlig im Anschluss, ob sie an der weiteren Recherche teilnehmen könnten.

          Rühlig sucht Überreste des KZ

          Dieses Engagement von Schülern beeindruckte Margit Horváth bis zu ihrem Lebensende sehr. Ihr Sohn entschloss sich nach ihrem Tod 2001, den Grundstock eines Fonds für das Erinnern an das Außenlager bereitzustellen. Rühlig nahm die Aufgabe in die Hand, das Geld der „Margit-Horváth-Stiftung“ zu verwalten. Sie entwickelte einen historischen Lehrpfad in dem Waldstück, in dem das Lager 1944 bestand, und wirkte bei einem Film mit dem Titel „Die Rollbahn“ mit, der die Geschichte des Außenlagers nachzeichnet. Einen wichtigen Teil nimmt bis heute aber auch die Arbeit mit Jugendlichen ein. Dass dazu auch Grabungsarbeiten gehören, ist einem Überraschungsfund von Cornelia Rühlig zu verdanken.

          Die Leiterin der Stiftung wollte nicht glauben, dass es überhaupt keine Überreste des Lagers mehr gebe. Immer wieder lief sie durch das Waldstück, in dem das Lager 1944 bestand. Der Keller unter der Küchenbaracke, von dem ihr so viele Überlebenden erzählt hatte, könne doch zum Beispiel nicht spurlos verschwunden sein, dachte sie. Bald fand sie die Stelle und begann nach Überresten zu suchen.

          Internationale Jugendcamps klären auf

          Seit 2005 veranstaltet Rühlig nun mitten im Wald Jugendcamps, bei denen allmählich die Grundmauern des Kellers ausgegraben wurden. Wenn die Jugendlichen mit ihren Schaufeln am Werk waren, bemerkte Rühlig bei ihnen eine ungeheure Identifikation mit dem Ort und der Situation der ungarischen Jüdinnen. Einige wollten, obwohl sie Durst hatten, nichts trinken, um Qualen der ungarischen Jüdinnen von damals nachzuempfinden.

          Bei den internationalen Jugendcamps kommen Roma, Deutsche und Israelis zusammen. Jeder von ihnen habe einen eigenen Blick auf den Holocaust, der sich zuweilen stark unterscheide, sagt Rühlig. Sich gegenseitig zuzuhören, seine Sicht zu hinterfragen sei dann besonders wichtig. „Genau das heißt für mich lernen. Man muss sich seiner eigenen Denkweise und Identität bewusst werden“, sagt sie.

          Ein Ort der Mahnung

          Kurz vor der Gedenkfeier „70 Jahre KZ Außenstelle Walldorf“ im November diese Jahres hatten sie es geschafft. Auf einer Waldlichtung befindet sich nun ein großes Loch mit dem Grundmauern des Kellers. Von den Wohnbaracken ist nichts mehr erhalten. Einziges sichtbares Zeichen des Lagers sind nur noch diese paar Steinhaufen. Für heutige Generationen sollen sie nach Ansicht der Einundsechzigjährigen ein beispielhafter Ort dafür sein, was passieren könne, wenn man sich nicht gegen gesellschaftliche Konventionen richtet. Es sei eine Mahnung, auch den heutigen Verhältnissen kritisch gegenüber eingestellt zu sein.

          Besonders wütend wird Rühlig, wenn sie sich heutige Formen von Diskriminierung ansieht. Als Beispiel nennt sie die Gruppe der Sinti und Roma, denen viele nachsagen, per se kriminell zu sein. Ethnische Gruppen haben nach Ansicht von Rühlig aber keine Eigenschaften. Bei solchen Äußerungen werde sie richtig ungemütlich, sagt sie. Eine Diskriminierung, wie sie anhand des Außenlagers Walldorf sichtbar wurde, dürfe sich in der Geschichte nie mehr wiederholen. Dafür möchte sie eintreten, solange sie lebt.

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