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KZ-Außenstelle in Walldorf : Das Grauen im Keller unter der Küchenbaracke

Mitte der Neunziger entwickelte sie eine kleine Ausstellung über das Lager. Im Rathaus allerdings, „damit jeder die Ausstellung sehen kann“, und nicht im Museum, wohin „doch immer nur die gleichen Spezialisten kommen“. Horváth war dabei, wollte allerdings unerkannt bleiben. Auch einige Schüler einer Mörfelden-Walldorfer Schule besichtigten die Ausstellung und fragten Rühlig im Anschluss, ob sie an der weiteren Recherche teilnehmen könnten.

Rühlig sucht Überreste des KZ

Dieses Engagement von Schülern beeindruckte Margit Horváth bis zu ihrem Lebensende sehr. Ihr Sohn entschloss sich nach ihrem Tod 2001, den Grundstock eines Fonds für das Erinnern an das Außenlager bereitzustellen. Rühlig nahm die Aufgabe in die Hand, das Geld der „Margit-Horváth-Stiftung“ zu verwalten. Sie entwickelte einen historischen Lehrpfad in dem Waldstück, in dem das Lager 1944 bestand, und wirkte bei einem Film mit dem Titel „Die Rollbahn“ mit, der die Geschichte des Außenlagers nachzeichnet. Einen wichtigen Teil nimmt bis heute aber auch die Arbeit mit Jugendlichen ein. Dass dazu auch Grabungsarbeiten gehören, ist einem Überraschungsfund von Cornelia Rühlig zu verdanken.

Die Leiterin der Stiftung wollte nicht glauben, dass es überhaupt keine Überreste des Lagers mehr gebe. Immer wieder lief sie durch das Waldstück, in dem das Lager 1944 bestand. Der Keller unter der Küchenbaracke, von dem ihr so viele Überlebenden erzählt hatte, könne doch zum Beispiel nicht spurlos verschwunden sein, dachte sie. Bald fand sie die Stelle und begann nach Überresten zu suchen.

Internationale Jugendcamps klären auf

Seit 2005 veranstaltet Rühlig nun mitten im Wald Jugendcamps, bei denen allmählich die Grundmauern des Kellers ausgegraben wurden. Wenn die Jugendlichen mit ihren Schaufeln am Werk waren, bemerkte Rühlig bei ihnen eine ungeheure Identifikation mit dem Ort und der Situation der ungarischen Jüdinnen. Einige wollten, obwohl sie Durst hatten, nichts trinken, um Qualen der ungarischen Jüdinnen von damals nachzuempfinden.

Bei den internationalen Jugendcamps kommen Roma, Deutsche und Israelis zusammen. Jeder von ihnen habe einen eigenen Blick auf den Holocaust, der sich zuweilen stark unterscheide, sagt Rühlig. Sich gegenseitig zuzuhören, seine Sicht zu hinterfragen sei dann besonders wichtig. „Genau das heißt für mich lernen. Man muss sich seiner eigenen Denkweise und Identität bewusst werden“, sagt sie.

Ein Ort der Mahnung

Kurz vor der Gedenkfeier „70 Jahre KZ Außenstelle Walldorf“ im November diese Jahres hatten sie es geschafft. Auf einer Waldlichtung befindet sich nun ein großes Loch mit dem Grundmauern des Kellers. Von den Wohnbaracken ist nichts mehr erhalten. Einziges sichtbares Zeichen des Lagers sind nur noch diese paar Steinhaufen. Für heutige Generationen sollen sie nach Ansicht der Einundsechzigjährigen ein beispielhafter Ort dafür sein, was passieren könne, wenn man sich nicht gegen gesellschaftliche Konventionen richtet. Es sei eine Mahnung, auch den heutigen Verhältnissen kritisch gegenüber eingestellt zu sein.

Besonders wütend wird Rühlig, wenn sie sich heutige Formen von Diskriminierung ansieht. Als Beispiel nennt sie die Gruppe der Sinti und Roma, denen viele nachsagen, per se kriminell zu sein. Ethnische Gruppen haben nach Ansicht von Rühlig aber keine Eigenschaften. Bei solchen Äußerungen werde sie richtig ungemütlich, sagt sie. Eine Diskriminierung, wie sie anhand des Außenlagers Walldorf sichtbar wurde, dürfe sich in der Geschichte nie mehr wiederholen. Dafür möchte sie eintreten, solange sie lebt.

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