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Kurse für mutige Helfer : Für Zivilcourage braucht es keine Superhelden

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Grabkerze für Alptug Sözen: Der Jugendliche ist bei der Rettung eines Obdachlosen von einem Zug getötet worden. Bild: Daniel Vogl

Damit Zeugen von Konflikten oder Straftaten richtig eingreifen und nicht selbst zu Opfern werden, gibt es spezielle Kurse. Diese zeigen: Auch Helfen will gelernt sein - ist aber einfacher, als viele denken.

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          Ein voll besetzter Bus. Ein Fahrgast, der in der Enge eine Frau bedrängt. Oder jemand, der seine Füße provozierend auf einen Sitz legt. Andere Pendler bemerken das - tun aber nichts. Um solche und ähnliche Szenen zu verhindern, gibt es in Hessen Kurse für mehr Zivilcourage. Das Credo: Helfen kann so einfach sein. „Viele Menschen glauben, sie müssten ein Superheld sein. Aber das ist gerade nicht das, was wir wollen“, sagt Antje Suppmann vom Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen. „Es reichen oftmals kleine Dinge, um zu helfen. Etwa, den Notruf zu wählen.“

          Kriminalhauptkommissarin Suppmann ist für das Projekt „Gewalt-Sehen-Helfen“ tätig, das die Stadt Gießen zusammen mit der Polizei durchführt. „Zivilcourage heißt, aufmerksam sein, einen Konflikt feststellen und dann helfen“, sagt sie. „Wichtig ist, Öffentlichkeit für einen Vorfall herzustellen, andere darauf aufmerksam zu machen.“

          „Gewalt-Sehen-Helfen“

          Hessenweit bieten rund 20 Kommunen das Programm an, das die Stadt Frankfurt bereits 1997 ins Leben rief. In Rollenspielen können Interessierte dabei lernen, richtig einzugreifen. Dass sich dafür mehrere Partner zusammentun, sei wichtig, sagt Dominik Turski, der für die hessenweite Koordination von „Gewalt-Sehen-Helfen“ zuständig ist. Prävention wirke nur, wenn sie von vielen Seiten getragen werde.

          Die Polizei hat keine Daten darüber, wie oft Zeugen einer Gewalttat, von Pöbeleien, Nötigungen, Sachbeschädigungen oder anderen Vorfällen Zivilcourage zeigen oder lieber wegsehen. „Nur bei besonders positiven Ausnahmefällen erfahrt die Öffentlichkeit von gut gegangener Zivilcourage beispielsweise bei Preisverleihungen“, berichtet Harald Schmidt, Geschäftsführer bei der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. „Die Gründe für fehlende Hilfeleistung sind ganz unterschiedlich. Viele Menschen sind schlicht unsicher, weil sie nicht wissen, wie sie helfen sollen. Andere haben Angst, selbst zum Opfer zu werden.“

          Natürlich gebe es auch solche Fälle, sagt Schmidt. Die Mitarbeiter der Polizeilichen Kriminalprävention haben demnach im Jahr 2017 eine Umfrage unter Kollegen durchgeführt. In den 111 zurückgemeldeten Fällen zwischen 2012 und 2017 seien Helfer aber nicht automatisch selbst zum Opfer geworden. „Die Erhebung erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Sie zeigt aber, dass Helfer dann selbst Opfer werden, wenn sie körperlich dazwischen gehen.“ Es wurden demnach 43 solcher Fälle berichtet. „Davon haben 28 Helfer Verletzungen bei der Verfolgung oder Festnahme von Tätern erlitten.“

          Niemals sich selbst in Gefahr bringen

          So lautet die erste Regel nach Angaben der Wiesbadener Polizeihauptkommissarin Stephanie Held: Niemals sich selbst in Gefahr bringen und körperlich dazwischen gehen. Es reiche, aus der Distanz zu agieren. „Die allermeisten haben ein Handy und können die 110 rufen, wenn sich zwei prügeln. Das kann jeder. Das ist unter anderem, was wir mit Zivilcourage meinen.“ In der Landeshauptstadt haben sich Polizei, Kommune und Verkehrsbetriebe zusammengetan und 2011 das praxisnahe Programm „Zivilcourage - Ja! Aber wie?“ aufgelegt.

          Auch wenn die zu ergreifenden Maßnahmen immer von der Situation und der Persönlichkeit eines Helfer abhängen, gibt es weitere grundlegende Verhaltensregeln. Dazu gehören Held zufolge: Nicht den Täter, sondern das Opfer ansprechen, diesem eine Brücke bauen und aus der Situation holen. Man könne fragen: Brauchst du Hilfe? Oder so tun, als ob man die Person kennt. Zudem solle man sich Verbündete holen und diese direkt ansprechen und ihnen Aufgaben geben. Wichtig sei auch, rasch zu handeln, damit eine Situation erst gar nicht eskaliert - und das Opfer schnell weiß, dass es nicht alleine ist. Denn: „Zwei, drei Minuten können für ein Opfer sehr lang sein.“

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