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Kurioses aus dem Wahllokal : „Können Sie mir beim Ankreuzen helfen?“

Herausforderung: Schon für informierte Bürger und versierte Wähler ist der Bogen zur Verfassungsreform keine einfache Sache Bild: dpa

Und führe den Wahlvorstand nicht in Versuchung: Eine hilflos im Wahllokal einer mittelhessischen Kommune stehende Seniorin osteuropäischer Herkunft ist nicht nur mit dem Wahlzettel überfordert. Was zu interessanten Fragen und Bemühungen führt.

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          Mit Dauerwellen steht sie, gewandet in eine graue Daunenjacke, in der Schlange vor den Wahlkabinen. Ein Mann aus dem Wahlvorstand in der mittelhessischen Stadt, deren Namen nichts zur Sache tut, händigt gerade einem Mann den gelblichen Wahlschein zur Landtagswahl und den grünlichen Bogen aus, auf dem sie Wählerinnen und Wähler über die geplanten Verfassungsänderungen befinden dürfen. Gleich ist die Rentnerin in der Daunenjacke dran. Und sie wird immer nervöser. 

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was hat sie nur? Sie tippt der Frau vor sich, die auch auf die Wahlunterlagen wartet, auf die Schulter und hält ihr das Wahlschein-Muster zur Verfassungsänderung hin. „Können Sie mir beim Ankreuzen helfen?“, fragt sie mit osteuropäischem Akzent. Kopfschütteln. „Das darf ich nicht.“ Die Frau in der Daunenjacke guckt verzweifelt. Ob sie noch nie etwas vom Wahlgeheimnis gehört hat? Dass sie schon einmal alleine in einer Wahlkabine war und ohne Anleitung ihre Stimmen abgegeben hat, scheint unwahrscheinlich. Und so unwirklich.

          Flehender Blick zum Wahlvorstand

          Nächster Versuch: Sie wendet sich an einen Mann aus dem Wahlvorstand: „Können Sie mir bitte helfen?“, fragt sie mit beinahe flehendem Blick. Sie will wählen, weiß aber offenbar nicht, was und wen. Der Wahlvorstandsmann guckt irritiert. „Das ist eigentlich nicht üblich.“ Ob sie denn niemanden habe, der mit ihr in die Kabine gehen könne. „Wie bitte?“, denkt sich der wartende Wähler.

          Der zögernde Wahlstandsmann blickt zu einem anderen Wahlhelfer, der schüttelt kurz mit dem Kopf. Derweil versucht eine Wählerin der Frau in der Daunenjacke zu erklären, was sie tun kann. „Hier“, sagt sie und zeigt auf die erste Reihe auf dem gelblichen Schein, „können Sie eine Partei ankreuzen und mit der zweiten Stimme den Kandidaten wählen, der Ihnen am besten gefällt.“ – „Genau umgekehrt“, tönt es von weiter hinten aus der länger werdenden Schlange der wartenden Wählerinnen und Wähler. Dann erklärt die hilfsbereite Frau der Hilfslosen noch kurz den Schein für die Verfassungsänderungen.

          „Soll ich jetzt da wählen?“

          Dann wird eine Wahlkabine frei – doch die Frau in der Daunenjacke bleibt wie angewurzelt stehen. Daraufhin bedeutet ihr ein Wähler hinter ihr, sie könne nun ihre Kreuzchen machen. „Soll ich jetzt da wählen?“, fragt sie ihn. „Das müssen Sie wissen“, entgegnet er. Das Protokoll verzeichnet vereinzeltes Lächeln in der Schlange der Wartenden. „Können denn Sie mir auch nicht helfen?“, versucht es die mutmaßliche Spätaussiedlerin abermals. „Das darf ich nicht“, sagt der Wähler und geht seinerseits in die Wahlkabine.

          Als er zwei Minuten später seine Wahlscheine in die dafür vorgesehene blaue Tonne mit dem dunkelgrauen Schlitz im Deckel wirft, steht die Senioren in der Daunenjacke noch immer vorne in der Schlange. Hilfslos mit den Wahlscheinen in den Händen.

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