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Kurhessische Kirche : Klamme Missionare

Im Angesicht des Mitgliederschwunds: Die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann wünscht sich mehr Zuwendung zum Menschen. Bild: dpa

Die kurhessische Landeskirche muss lernen, mit weniger auszukommen. Denn die sinkenden Mitgliederzahlen machen Einsparungen dringend nötig.

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          Die Evangelische Kirche in Kurhessen-Waldeck will angesichts sinkender Mitgliederzahlen und nötiger Einsparungen eine „missionale Kirche“ sein. Dafür hat sich die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann während der Herbstsynode in Hofgeismar ausgesprochen. Wichtig sei weniger eine Bekehrung der Menschen als eine Zuwendung hin zu ihnen, sagte die seit September amtierende Bischöfin.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Blick der Kirchen habe sich bislang oft zu sehr auf den Erhalt von Strukturen gerichtet. „Christus hat nicht gesagt: Macht die Kirche groß und stark.“ Vielmehr habe er die Christen in die Welt gesandt, um seine Botschaft von der Liebe und Gnade weiterzugeben, äußerte Hofmann. Wichtig sei die Frage, wo die kirchliche Botschaft heutzutage besonders gebraucht werde. Von den Kirchengemeinden in Thüringen, von denen einige auch zum eigenen Gebiet zählen, könne man lernen, wie Kirchen mit knappen Ressourcen auskommen könnten.

          „Die fetten Jahre sind vorbei“

          Zur finanziellen Lage und zum Doppelhaushalt 2020/2021 äußerte sich Vizepräsident Volker Knöppel mit den Worten: „Die fetten Jahre sind vorbei.“ Bis 2060 werde die Zahl der Kirchenmitglieder in Kurhessen-Waldeck laut einer Prognose um 56 Prozent sinken. Dadurch sänken die Steuereinnahmen im Vergleich zum Jahr 2017 um 17 Prozent. Rechne man Teuerungen und Personalkostensteigerungen mit hinein, sei für das Jahr 2060 sogar ein Kaufkraftverlust von 60 Prozent zu erwarten.

          Während der Etat für das nächste Jahr bei einem Volumen von knapp 274 Millionen Euro ein Defizit von 4,6 Millionen Euro aufweist, rechnet Knöppel für 2021 bei einem Etatvolumen von rund 276Millionen Euro mit einem Minus von 6,4Millionen Euro. „Wir leben in den beiden kommenden Haushaltsjahren insofern über unsere Verhältnisse“, sagte Knöppel. Das Minus müsse aus Rücklagen ausgeglichen werden. Für das Jahr 2018 nannte er ein Bilanzergebnis von knapp 8,9 Millionen Euro. Die Synode hatte 2015 beschlossen, bis 2026 rund ein Viertel ihres Haushalts einzusparen.

          Streichung im Bereich Musik

          Die Synode beschloss außerdem ein neues Konzept für die hauptamtliche kirchenmusikalische Arbeit, das Kürzungen an den Kantorenstellen vorsieht. So sollen bis 2026 von der 53 hauptamtlichen Kantorenstellen 40 bleiben. Weil zudem neue Schwerpunkte auf Popularmusik und das Musizieren mit Kindern und Jugendlichen gesetzt werden sollen, trifft die Streichung vor allem die Gemeindekantorate. Sie sollen nach und nach wegfallen und durch Bezirkskantorate ersetzt werden. Die dort beschäftigten Kantoren sollen sich teils in einer Gemeinde, teils in einem weiter gefassten Kirchenkreis engagieren. Für den Kirchenkreis Hanau etwa sind nach Informationen dieser Zeitung statt der bisher 3,5 Vollzeitstellen nur noch zwei vorgesehen–eine davon für ein neues „Stadtkantorat“, das so auch für Kassel und Marburg geplant ist.

          Die kurhessische Landeskirche hat etwa 800.000 Mitglieder. Das Gebiet umfasst im Süden die Kirchenkreise Gelnhausen, Hanau und den Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim sowie im Osten die thüringische Enklave rund um Schmalkalden. Es deckt sich ungefähr mit dem Areal des katholischen Bistums Fulda. Der Sitz der Landeskirche, die sich EKKW abkürzt, ist in Kassel.

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