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Kunststoffhersteller Ticona : 120.000 Tonnen Beton und Schrott abtransportiert

War als Sicherheitsrisiko betrachtet worden, weil es in der Einflugschneise des Flughafens lag: das ehemalige Werk des Kunststoffproduzenten Ticona. Bild: Fricke, Helmut

Auf dem alten Areal des Kunststoffherstellers Ticona in Kelsterbach läuft das größte Abrissprojekt der vergangenen Jahre in Deutschland. Doch einige Gebäude bleiben stehen - für den neuen Besitzer Fraport.

          Sie schwärmen bisweilen noch von der technischen Meisterleistung, turmhohe Stahlkolonnen buchstäblich wie Bäume zu fällen. Doch verfolgen die Mitarbeiter des Kunststoff-Herstellers Ticona, die den sogenannten Rückbau des alten Werks in Kelsterbach begleiten und überwachen, die Arbeit des Abbruchunternehmens mit gemischten Gefühlen. So wie Uwe Briese: Bevor die Ticona die Produktion wegen des Baus der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen nach Höchst verlagerte und die Fabrik in „Keba“ aufgab, leitete er dort die Energieversorgung. Seit dem Sommer vergangenen Jahres führt er das 23 Mann starke Rückbau-Team der Ticona an. Im August feierte er sein 25. Dienstjubiläum. Mithin hat Briese einen großen Teil seines Arbeitslebens im ehemaligen Ticona-Werk verbracht, wie so mancher Kollege von ihm auch. „Wir haben mehr oder weniger geschluckt, als die Abbruchfirma damit begonnen hat, die Anlagen zu bearbeiten“, sagt er.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und die Abbruchfirma hat ganze Arbeit geleistet - das sieht sofort, wer in diesen Tagen über das alte Werksgelände geht und sich erinnert, wie es einmal aussah zwischen Main und Flughafen. Ob haushohe runde Tanks oder Fackeln zum Abflämmen von Gasen, Schornsteine oder Fabrikgebäude, fast alles ist verschwunden. 100 Gebäude sind dem Erdboden gleichgemacht worden, nur eine Handvoll steht noch, dazu das Wärterhäuschen an der früheren Zufahrt zum Werksgelände, das direkt unter der Einflugschneise der neuen Landebahn liegt. Fast nur noch frisch gepflügte Äcker statt Beton und Stahlkolonnen, so weit das Auge reicht. Allein das erst im Jahr 2004 fertiggestellte Verwaltungsgebäude der Ticona, das schon vom neuen Besitzer des Geländes, dem Flughafenbetreiber Fraport, genutzt wird, sowie drei Flachbauten bleiben dauerhaft stehen.

          117 Kilometer Elektroleitungen mussten weichen

          Die Mengen an Bauschutt und Schrott, die im Verlauf der Abbrucharbeiten angehäuft worden sind, muten gigantisch an. Bisher sind bei „dem größten Rückbauprojekt der vergangenen 15 Jahre in Deutschland“ 100.000 Tonnen Beton und gut 18.000 Metallschrott angefallen. 117 Kilometer Elektroleitungen mussten entfernt werden.

          Nur noch wenige Gebäude stehen auf dem alten Ticona-Gelände in Kelsterbach, das an vielen Stellen einer Ackerlandschaft ähnelt

          Derzeit erhebt sich noch ein metallgraues Silogebäude in der Mitte der Liegenschaft, doch seine Tage sind ebenfalls gezählt. Ende November wird auch dieser Zeuge eines halben Jahrhunderts Ticona in Kelsterbach niedergelegt, Stützen und Rohre werden schon entfernt. Ein halbes Jahr dürften die Arbeiter nach den Worten von Briese damit beschäftigt sein, um den Silo abzureißen.

          „Dazu hatten wir genau vier Wochen Zeit“ 

          Der Rückbau des Geländes ist in zwei Phasen eingeteilt. Unmittelbar nach dem Ende der Produktion im Juni 2011 entfernten Arbeiter sogenannte Flughindernisse, das waren hohe Schornsteine und Fackeln, außerdem musste ein Stockwerk eines Gebäudes abgetragen werden, wie Brise berichtet. „Dazu hatten wir genau vier Wochen Zeit“ - dies folgte aus dem Vertrag der Ticona mit Fraport. Im Anschluss daran folgte Phase zwei; offiziell begann sie am 1.September 2011. Für diese Phase hat Ticona das alte Areal in zehn Abschnitte eingeteilt, die nacheinander beackert werden mussten. Die vier größten Abschnitte sind von Aufbauten befreit, sie stehen laut Briese für 70 Prozent der gesamten Rückbaufläche. Derzeit werden Produktionsgebäude von den Arbeitern „heimgesucht“, wie der Projektleiter es formuliert.

          In dem Tochterunternehmen von Celanese stellen die Mitarbeiter in Höchst hauptsächlich den Kunststoff Polyacetal her.

          Das Besondere an den Abbrucharbeiten in Kelsterbach ist, dass dort nicht nur überirdisch das Gelände für eine Nachfolgenutzung vorbereitet wird. Vielmehr pflügen die Arbeiter auch den Untergrund durch und entfernen Keller und überflüssige Rohre. Der Hintergrund: Dank dieser Übereinkunft mit der Ticona erspart sich die Fraport AG, die sich die Verlagerung des Kunststoffwerks rund 670 Millionen Euro hat kosten lassen, zusätzliche hohe Ausgaben, bevor sie das Gelände neu nutzen kann. Da bestimmte Ver- und Entsorgungsleitungen wie etwa für Frisch- und Abwasser auch in Zukunft benötigt werden, müssen die Arbeiter behutsam und selektiv vorgehen, dürfen also nicht alle Rohre herausreißen.

          „Wir reden über wenige Quadratmeter“

          Im Laufe der Arbeiten sind auch Schadstoffe in einigen Gebäuden festgestellt worden, zum Beispiel in Fugenmassen, die in den sechziger Jahren gängig waren, aber heute nicht mehr verwendet werden. Unvorbereitet haben diese Funde jedoch die Ticona und den Abbruchdienstleister Liesegang nicht getroffen. Denn die Unternehmen konnten in vielen Fällen in die alten Bauunterlagen schauen, die der Kunststoff-Hersteller archiviert hatte. Schwieriger war es dagegen laut Briese, sich auf das vorzubereiten, was man in ehedem von der Hoechst AG errichteten Bauten fand - die entsprechenden Unterlagen waren nur schwer zugänglich, wie es heißt.

          Unter dem Strich hat es aber keine böse Überraschung bei den Bodenproben gegeben, wie ein Sprecher der Ticona-Muttergesellschaft Celanese versichert. Es seien zwar zwei sogenannte Verdachtsflächen mit Bodenverunreinigungen ermittelt worden. Doch da es sich um Rückstände aus der Produktion handele, seien die Stoffe bekannt. Zudem gebe es einen mit dem Regierungspräsidium Darmstadt vereinbarten Sanierungsplan. Und: „Wir reden über wenige Quadratmeter.“

          Bis Ende 2013 muss die Ticona das Gelände übergeben. Briese zeigt sich sicher, dass das gelingt. „Wir liegen im Plan.“

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