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Kunsthalle Mainz : Im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation

Kraftvolles Statement: Die Kunsthalle Mainz zeigt in drei großen Räumen Julian Charrières beeindruckende Werkgruppe „An Invitation To Disappear“.

          Was ist eigentlich aus den Hausmeistern geworden? Aus den Schrecken aller Schüler in den siebziger, den herzensguten Geistern der neunziger Jahre, wie man sie mit den Rauschs auch an der Städelschule in Frankfurt kannte? Oder gar aus jenem ein wenig übereifrigen Handwerker, der 1986 eher unfreiwillig Kunstgeschichte schrieb? Und damit seit mittlerweile 30 Jahren jedem Kunstverächter als Paradebeispiel dient für eine spinnerte, dem Normalsterblichen angeblich nicht mehr zu vermittelnde moderne Kunst. Nun, sollte der Düsseldorfer Hausmeister, der einst Beuys’ Fettecke fein säuberlich entfernte, noch irgendwo in Diensten stehen: In Mainz in der Kunsthalle hätte der wackere Putzmann dieser Tage ordentlich zu tun.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Jammer aber, so lässt sich schon zur Ouvertüre dieser „Einladung zum Verschwinden“ konstatieren, wäre sein schrubbendes Bemühen allemal. Nicht weil es besonders appetitlich wäre, wie die drei zu backsteingroßen Blöcken geformten Tonnen Palmöl, die Julian Charrière palettenweise in die Kunsthalle gewuchtet hat, nun in den nächsten Wochen vor sich hinbröckeln, flüssig werden schon an manchen Stellen und mitunter hübsche Pfützen bilden. Als Auftakt zur „An Invitation to Disappear“ überschriebenen Ausstellung des jungen Künstlers aber darf man das ein ebenso kraftvolles wie programmatisches Statement nennen. Skizziert doch der Schüler von Olafur Eliasson hier mit präzisen Strichen jenes Spannungsfeld, auf dem sich seine Kunst immer schon entfaltet.

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          Ob er nach Island, auf das Bikini-Atoll oder nach Südostasien reist, stets interessiert sich Charrière für die Schnittstelle von Natur, Kultur und Zivilisation; für das, was dort passiert, wie sich die Parameter unentwegt verschieben und die Wahrnehmung verändern. „Reisen als Kunststrategie“ nennt das der in Berlin lebende Künstler, und in der Tat war eine Reise auch der Anlass für die aktuelle, eigens für die Ausstellung entwickelte Werkgruppe, für die ihm die Kunsthalle die drei großen Schauräume überlassen hat. Eine veritable Exkursion möchte man das nennen, auf den Spuren großer Entdecker wie Alfred Russel Wallace nach Indonesien und zum Vulkan Tambora, dessen Ausbruch vor 200 Jahren das Weltklima veränderte.

          Ein nachgerade sprichwörtlich und, behauptet die Kunstgeschichte, in der Romantik und namentlich bei Turner glühend Malerei gewordenes Jahr ohne Sommer war die Folge. Was das mit den drei Tonnen vor sich hin tropfendem Palmöl zu tun hat? Nun, die wilde unbezähmbare Natur, die Charrière zu durchwandern in durchaus romantischer Entdeckerlust aufgebrochen war, sie existiert im Grunde gar nicht mehr. Die „Einladung zum Verschwinden“, wie denn auch die Übersetzung von Tambora lautet, behauptet zwar noch immer ihre Gültigkeit und dampft und brodelt als tiefer Krater vor sich hin. Der Regenwald aber ist längst für unser Wohlbefinden abgeräumt. Stattdessen säumten nicht enden wollende Plantagen den Weg des Künstlers, deren Ertrag in Kosmetika, Nahrungs- oder Putzmitteln Verwendung findet. Und als Biodiesel.

          Viel Mut in der Ausstellung

          Auch in der Kunsthalle treibt nun Palmöl die selbstgebaute Kühlmaschine an, und stellt mithin die Kunst Charrières den eigenen Anteil an der Erderwärmung aus. Soweit, so komplex und durchaus widersprüchlich die offen, nie aber plakativ vor dem Betrachter sich entfaltenden Verweise. Bemerkenswert aber ist „An Invitation...“ weniger, weil die Ausstellung derlei Zusammenhänge in aufklärerischer Absicht präparierte. Das kann man schließlich auch im „Spiegel“ lesen. Als Künstler geht es dem 1987 geborenen Schweizer noch stets um Bilder. Um Bilder freilich, die Charrière in Mainz mit einem Gespür für Rhythmus und Dramaturgie inszeniert, wie man es bei einem noch so jungen Künstler nicht eben häufig findet. Und mit einer Menge Mut.

          Lässt er doch den zweiten Saal vor allem leer. Nichts findet sich nach dem fetttriefenden Auftakt als eine gewaltige, mit vor sich hin blubberndem Biopalmöl betriebene Lavalampe. Und eine Wandarbeit. Eine rund zehn Meter messende, mit Holzkohle und Vulkanasche geschaffene Zeichnung des Urwalds, wie ihn vor 160 Jahren noch Alfred Russel Wallace in seinen von der Reise mitgebrachten Lithographien sah. Das ist alles, und einmal mehr steht der Betrachter buchstäblich mittendrin im Spannungsfeld von Natur und Zivilisation, Forscherdrang und Reiselust, Lifestyle, romantischer Sehnsucht und düsterer Dystopie.

          Und darf sich endlich eingeladen fühlen, in diesem vom Künstler aufgerissenen Panorama träumend, chillend, feiernd zu verschwinden. Zwar liegt man nun zum Ende dieses Rundgangs bequem vor einer Leinwand und schaut der Sonne dabei zu, wie sie allmählich untergeht. Hört man zunächst Grillen zirpen, Frösche quaken, Vögel zwitschern, während die Kamera in den folgenden 75 Minuten durch die Palmenplantage auf eine von Scheinwerfern und gewaltigen Boxentürmen umstandene Lichtung fährt. Und dann hört man es hämmern, wummern, dröhnen und zieht bald schon irgendwer erbarmungslos die Regler auf. Allein, kein Mensch lässt sich bei dieser wilden Party blicken. Und wie es aussieht, kommt auch niemand mehr.

          An Invitation to Disappear

          Die Ausstellung in der Kunsthalle Mainz, Am Zollhafen 3–5, ist bis 8. Juli dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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