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Kunsthalle Darmstadt : Von krummen Nägeln, Gold und Diebesgut

Von Fäden umsponnen: Sofi Zezmers „Cross Section LS1“ aus dem Jahr 2016 Bild: Sofi Zezmer

Die 38. Jahresausstellung der Darmstädter Sezession zeigt junge, frische Kunst. Dabei stammen die Exponate der „radikalen Künstler“ meist aus Berlin.

          3 Min.

          „Die radikalen Künstler Darmstadts haben sich zu einer Sezession zusammengeschlossen, haben die längst erforderliche Reinigung von bourgeoiser Verschmutzung vollzogen.“ Na, das waren noch Zeiten, mochte man sich eingedenk dergleichen wild entschlossener Zeilen in den vergangenen Jahren schon mal denken. Zeiten mit mehr Mut zum Risiko, mehr Wut im Bauch und bilderstürmerischem Furor auch der Avantgarde. Zu der waren sie zweifellos zu zählen, jene Künstler, die 1919 das Manifest der Darmstädter Sezession als erste unterzeichnet haben. Schriftsteller wie Kasimir Edschmid und Carlo Mierendorff waren dabei, der Bildhauer Bernhard Hoetger oder die Maler Ludwig Meidner und Max Beckmann.

          Eine kleine Überraschung

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allein, das ist inzwischen ziemlich lange her. Und die „radikalen Künstler“, die radikale Kunst vor allem, mochte man in den Präsentationen der Vereinigung in den vergangenen zwanzig Jahren gelegentlich schon mal vermissen. Insofern mag man die nunmehr 38. Jahresausstellung in der Kunsthalle Darmstadt fraglos eine kleine Überraschung nennen.

          Zwar wird sich León Krempel mit der so lapidar wie sanft ironisch „Lokale Gruppe“ überschriebenen Schau unter den langjährigen Sezessionisten womöglich nicht eben viele neue Freunde machen. Immerhin darf man die Ausstellung durchaus spröde nennen; zählen von gerade einmal 15 eingeladenen Künstlern nur elf tatsächlich zu den rund 100 Mitgliedern der Sezession, und gibt es – sieht man von Peter Ruehles „Namedropping“ einmal ab – keine klassische Malerei zu sehen, wie sie die Jahresausstellungen ansonsten reichlich geschmückt hatte.

          Vorwiegend junge Künstler

          Aber so ist das eben, wenn man einem Kurator freimütig „Carte Blanche“ einräumt. Denn sieht man von Vera Röhm und Nikolaus Heyduck, von der Frankfurter Fotografin Laura Padgett auch oder dem bemerkenswerten Auftritt des 85 Jahre alten Klaus Staudt einmal ab, hat Kunsthallendirektor Krempel vorwiegend junge Künstler eingeladen. Und die leben, als sei das nicht genug des Bruchs mit lieb gewordenen Konventionen, keineswegs in Darmstadt und Umgebung, sondern beinahe alle in Berlin. Positionen etwa wie die der Österreicherin Maria Anwander, deren Serie „My Most Favourite Art“ aus nichts anderem besteht als aus Diebesgut, genauer: als aus Dutzenden Ausstellungsschildchen mit Namen, Titel und Entstehungsjahr der bezeichneten Arbeit, der Technik vielleicht und der jeweiligen Sammlung, zu der das Werk gehört. Die Künstlerin hat sie aus Museen in der ganzen Welt entwendet.

          Ruben Aubrechts „Practice makes Perfect“ überschriebene Arbeit scheint derweil ihres Titels eigenes Dementi vorzustellen geradeso, wie sie den wiederum selbst Kunst gewordenen Gültigkeitsbeweis antritt. Wiewohl die Übung, die sprichwörtlich den Meister macht, in Anbetracht der reichlich krummen Nägel auf den ersten Blick dann vielleicht doch nicht recht zu helfen scheint. Johannes Vogl hat unterdessen gar mit einem Bolzenschussgerät rund zwei, drei Dutzend Goldnuggets in die strahlend weiße Wand geschossen, wovon indes nichts kündet als eine Handvoll Patronenhülsen und das eine oder andere tiefe und von hübsch flüchtigen Schmauchspuren gerahmte schwarze Loch. Kurzum: Spröder geht es im Grunde kaum.

          Und doch ist jede einzelne dieser Arbeiten nichts weniger als ein Versprechen. Auf ein Bild, auf eine Welt vielleicht und auf ein unbekanntes Universum, wie sie zu entwerfen allein die Kunst vermag. Was die Positionen verbindet freilich, ist derweil kaum mehr als eine bevorzugt konzeptuelle Haltung. Ein Ansatz, der das eigene Tun, der also Raum und Kontext, den Ort, das Ausstellen selbst und den Kunstbetrieb zum eigentlichen Thema hat. Und die Tatsache, dass Vogl wie Aubrecht, Anwander geradeso wie Susann Maria Hempel oder Mirja Nicola Ruhmke in den vergangenen Jahren Preisträger der Darmstädter Sezession gewesen sind. Das scheint wenig, genügt aber doch, die Schau zu tragen.

          Und alsbald schon wird der geneigte Kunstbetrachter verführt: Dazu, den auf den ersten Blick so spröden künstlerischen Rahmen, den von Anwanders dreist geklauten Täfelchen, von Ruhmkes beiläufigen, eine ganze Wand füllenden Notizen oder der minimalistischen Klanginstallation Nikolaus Heyducks aufgeschlagenen Resonanzraum mit eigenen und immer neuen Bildern auszumalen. Denn darum geht es, heute wie vor 100 Jahren. Und „Reinigung“ hin, „bourgeoise Verschmutzung“ her: Edschmid, Meidner, Beckmann, darf man mit Fug und Recht vermuten, hätten angesichts all der frischen Positionen ihre helle Freude an der guten alten Sezession.

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