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Kunstausstellung in Darmstadt : Mit Tier und Tinte auf du und du

Mehr als Kleckserei: Die Zeichnung „Schnecke II“ stammt von 1962. Bild: Wolfgang Fuhrmannek, Nachlass Leo Grewenig GbR

Ein Künstler und die Welt, neu gesehen: Das Hessische Landesmuseum Darmstadt zeigt Leo Grewenigs „Tinten-Tiere“. Es gibt allerlei Wunderliches zu entdecken.

          2 Min.

          Leonardo, wer sonst, hat es schon immer gewusst. Wenn man einen Schwamm voller Farbe gegen die Wand werfe, so ist es vom Genie der Renaissance überliefert, hinterlasse er dort „einen Fleck auf der Mauer, in dem man eine schöne Landschaft erblickt“. Und er fährt fort: „Es ist wohl wahr, dass man in einem Fleck mancherlei Erfindungen sieht.“ Seither haben, um im Bild zu bleiben, Generationen von Künstlern mal zum Zeitvertreib, mal aus Übermut und manchmal auch aus blanker Verzweiflung einen Schwamm an die Atelierwand und Farbe aufs Papier geworfen. Mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Egal, ob es sich dabei um Justinus Kerners „Tintensäue“ oder um die Entwicklung des Rorschachtests, um die Zeichnungen von Victor Hugo und Gustave Moreau oder um den Surrealismus und das Informel handelt: Wenn auch vielleicht nicht gleich Leonardos Landschaft, so gab es in den absichtslos und voller Neugier aufs Blatt geworfenen Flecken doch stets allerlei Wunderliches zu entdecken.

          Abstrakte Klecksographien

          Wenn das Hessische Landesmuseum Darmstadt unter dem Titel „Tinten-Tiere“ nun eine starke Auswahl von Tuschzeichnungen Leo Grewenigs vorstellt, fügen die Blätter sich zunächst trefflich in die Tradition der „Klecksographien“ ein, wie es bei Kerner heißt. Und doch sind die überwiegend als Schenkung aus dem Nachlass des Künstlers in die Graphische Sammlung des Landesmuseums gelangten Arbeiten eine echte Überraschung.

          Immerhin kennt man den 1898 geborenen und 1991 gestorbenen Bauhausschüler Grewenig meist als gegenständlichen Maler mitunter ein wenig naiv anmutender Szenen, der in seinem Spätwerk mal an Klee und mal dekorativ an die Abstraktion anknüpfte.

          Die völlig eigenständige Werkgruppe der „Tinten-Tiere“ hingegen ist weitgehend unbekannt. Rund 200 solcher Zeichnungen sind von der Mitte der fünfziger Jahre an in Grewenigs Bensheimer Atelier entstanden. Vierzig kaum je gezeigte Blätter versammelt die fulminante Schau, mit der man Grewenig noch einmal gänzlich neu entdecken mag. Als einen Künstler, der sich, ein wenig verloren womöglich im von der Abstraktion beherrschten Kunstdiskurs der Nachkriegszeit, zeichnend aus einer tiefen Schaffenskrise zu befreien sucht. Und der, gerade auch im Vergleich mit manchen seiner tachistischen Zeitgenossen, in seinen Papierarbeiten eine völlig eigenständige Position zu entwickeln beginnt.

          Die Kombination macht's

          Zunächst sind ihm die Tuscheflecken vor allem Anlass, zur Feder zu greifen, die wuchernde und sich ins saugende Papier fressende Tinte zu bändigen und die Farbwolken buchstäblich in Form zu bringen. Es gilt, vage Assoziationen aufzunehmen, etwa bei den „Versteinerten Vegetabilien“ aus dem Jahr 1954. Schon bald aber vertraut er zusehends dem Experiment. Und dem kaum je gänzlich zu kontrollierenden künstlerischen Prozess.

          Nur ein bisschen Tinte, abstrakt verwischt: Leo Grewenigs Tuschzeichnung „Sterbende Schlange“ stammt aus dem Jahr 1963. Bilderstrecke

          Mal grundiert er seine Blätter mit Leimfarben, mal mit Terpentin, auf das er die wasserlösliche Tusche in dicken Tropfen aufbringt. Er setzt Pinsel, Federkiel und Schwämme ein, lenkt die Farbe mit dem Atem oder lässt sie einfach fließen und mäandern, eintrocknen, Inseln bilden und so weiter. „Urtier“, „Spinne“, „Heuschrecke“ und „Schwarze Blume“, sind die Arbeiten meist im Nachhinein vom Künstler selbst betitelt, und so mag man, ganz im Sinne Leonardos, in Grewenigs Papierarbeiten tatsächlich mancherlei Erfindungen entdecken. Allerdings nur, weil sie der Maler selbst in seinen Tuschezeichnungen nun einmal gern hat sehen wollen. Und manches Mal womöglich auch, weil das Landesmuseum die Ausstellung vielleicht ein wenig gar zu illustrativ um Exponate aus seiner naturkundlichen Sammlung erweitert hat. Um Mineralien, Schwämme und Insekten, deren wunderliche Formen man nun in der Kunst gespiegelt finden mag.

          Unterdessen sind Grewenigs letzte Blätter, die 1963 entstandenen „Lavierten Flecken“ etwa oder „Schwarzer Fleck“ aus dem Jahr zuvor, nun endlich vollkommen abstrakt. Genau in diesem Augenblick bricht Grewenig die Arbeit an der Werkgruppe ab. Poetischer aber als in den „Tinten-Tieren“ war seine Kunst womöglich nie.

          Die Schau im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1, ist bis zum 17. Februar zu sehen und dienstags bis freitags von 10 bis 18, mittwochs von 10 bis 20 sowie am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Katalog kostet 18,50 Euro.

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