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Kunst von Rudi Weissbeck : Störrische Mischwesen

  • -Aktualisiert am

Locker: Rudi Weissbeck in seinem Atelier Bild: Marcus Kaufhold

Der Frankfurter Künstler Rudi Weissbeck bewegt sich mit seinen Arbeiten im Randgebiet von Fotografie und Malerei. Dabei versucht er, sich von einer Arbeit zur nächsten zu widersprechen.

          3 Min.

          Es ist schon erstaunlich. Denn es gibt tatsächlich Wege, das für viele nicht einfache Jahr 2020 passabel zu finden. „2019 war das schlimmste Jahr, seitdem ich auf dem Planeten bin“, sagt der Künstler Rudi Weissbeck. Ein enger Freund sei an einer Drogenüberdosis gestorben, sein Vater habe Krebs bekommen, zudem sei sein Großvater verstorben. Das vergangene Jahr hat ihn Kraft gekostet: „Es war schwer für mich, Kunst zu machen.“ 2020 empfindet Weissbeck daher als Besserung: „Weil es nicht so schlimm werden kann wie letztes Jahr.“

          Inzwischen hat sein Vater die Krebserkrankung überstanden, und Weissbeck hat sich wieder gefangen: „Ich achte mehr auf mich.“ Der 1986 geborene Künstler warnt schon im Treppenhaus des Frankfurter Atelierhauses „Basis“, sein Studio sei ziemlich klein. Der Raum im vierten Obergeschoss ist tatsächlich recht beengt, und er wirkt provisorisch eingerichtet, als stünde in Kürze ein Umzug bevor. Der kleine Arbeitstisch mutet improvisiert an. In einer Ecke türmt sich Luftpolsterfolie. Der Blick fällt zudem auf Acrylfarbtuben, Sprühfarbdosen, Behältnisse mit Bunt- und Filzstiften sowie einige leere „Club-Mate“-Flaschen. „Es ist eine Werkstatt für mich“, beteuert Weissbeck. Er komme täglich nachmittags ins Atelier und bleibe nicht zu lange: „Ich versuche, es bei kurzen, qualitativen Stunden zu halten.“

          „Ich wollte kein Pathos“

          Der Künstler trägt einen schwarzen Malerkittel. Er zeigt sich geistesgegenwärtig und humorvoll. Im nächsten Augenblick kann er aber auch ernst sein. Auf dem Arbeitstisch breitet er Dutzende kleine Farbfotoabzüge aus. Sie zeigen vor allem Schuhe in etlichen Konstellationen und Anordnungen. Immer wieder ist der Arbeitsplatz eines Schuhmachers zu sehen. Sein Großvater sei Schuster und Amateurfotograf gewesen, erzählt Weissbeck. Er habe seine Arbeit fotografisch dokumentiert. Mit diesen Aufnahmen habe er schon lange künstlerisch arbeiten wollen, sagt Weissbeck. „Ich wollte nach der ganzen schlimmen Zeit auf jeden Fall auch malen“, ergänzt er. Bei der Auseinandersetzung mit dem Tod seines Großvaters sei ihm eines wichtig gewesen: „Ich wollte kein Pathos.“

          „Solfège“: Rudi Weissbeck
          „Solfège“: Rudi Weissbeck : Bild: Rudi Weissbeck

          Weissbeck zeigt nun einige Bilder auf Hartschaumplatten, die seit Anfang Mai entstanden sind. Ihre abstrakt-geometrische malerische Grundierung gehe, erklärt er, auf Teppichmuster zurück – und auf die unter anderem in der ehemaligen Sowjetunion verbreitete Sitte, Teppiche als Wandschmuck aufzuhängen. Er komme aus einer ursprünglich schwäbischen, russlanddeutschen Minderheit, erklärt Weissbeck. Seine Familie stamme aus Georgien, er sei in Moldau geboren und im Alter von fünf nach Deutschland gekommen. Neben abstrahierten Teppichmusterzitaten sind auf den Hartschaumplattenbildern auch paarweise aufgeklebte Schuhfotografien aus dem großväterlichen Nachlass zu sehen. Weissbeck hat überdies einige rätselhaft anmutende grafische Formelemente aufgetragen. Einige Formen seien tagebuchartig, sagt er und deutet auf einen Bildausschnitt, der Pillen zeigt, die sein Vater während der Chemotherapie einnehmen musste.

          Keine auf Anhieb erkennbare künstlerische Handschrift

          Auch Stoff- oder Lederreste aus der Werkstatt seines Großvaters fanden als konkrete Objekte Eingang in die Arbeiten. Die Bilder erweisen sich als störrische Mischwesen, die sich einer eindeutigen Einordnung in gängige Diskurse verweigern. Sie sind irgendwo im Randgebiet zwischen Fotografie und Malerei angesiedelt. Weissbeck möchte die Medien erklärtermaßen entgrenzen und vermischen. Seine Werke bezeichnet er als „Gegenstände zur Reflexion“. Gegen eine auf Anhieb erkennbare künstlerische Handschrift habe er sich immer gewehrt, betont Weissbeck. Sein unbequemes Credo: „Ich habe versucht, mir von einer Arbeit zur nächsten zu widersprechen.“ Er präsentiert sich als ein intellektuell ambitionierter Künstler, der trotz seiner Fähigkeit zur Ironie das Verkopfte nicht immer zu umschiffen vermag.

          Weissbecks Affinität zur Theorielektüre geht auf das Studium an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung zurück. „Es hat mit der HfG und mir gepasst“, sagt er rückblickend. Weissbeck absolvierte den wissenschaftlichen Teil seiner Abschlussarbeit bei der Philosophin Juliane Rebentisch. Seine künstlerische Ausbildung erhielt er bei Martin Liebscher und Gunter Reski. „Mehr Fotografie als Malerei“, so fasst Weissbeck seine Prägung an der HfG zusammen. „Nach dem Studium wollte ich mich von der straighten Fotografie wegbewegen“, erinnert er sich.

          Im Atelier: Acryfarben, Spraydosen und leere Getränkeflaschen
          Im Atelier: Acryfarben, Spraydosen und leere Getränkeflaschen : Bild: Marcus Kaufhold

          Für seine weitere künstlerische Entwicklung erschien ihm Frankfurt als geeigneter Ort. Weissbeck lobt die regionale Kunstszene: „Es passiert super viel cooles Zeug.“ Es finde zwar nicht so viel wie in anderen Städten statt, die Angebote in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet seien aber umso hochwertiger. Anfangs habe er damit zu kämpfen gehabt, dass die Szene sehr von der Städelschule geprägt sei. „Man merkt schon, dass es ein Club ist“, sagt er. Das gelte aber auch für die HfG.

          Inzwischen ist Weissbeck wahrnehmbar in der Frankfurter Kunstszene angekommen. Ende August möchte er seine Hartschaumplattenbilder im Projektraum der „Basis“ zeigen. Im September werde er während der Berliner „Art Week“ ausstellen, kündigt Weissbeck an. Für die Zukunft formuliert er ein bewusst bescheidenes Ziel: „Am wichtigsten für mich ist es aktuell, dass ich bei der Kunst bleibe.“ Seine Realität sei prekär, gesteht der Künstler.

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