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Kunst-Archiv Darmstadt : Aufbruch in die Gegenstandslosigkeit

Das Kunst-Archiv in Darmstadt zeigt die Ausstellung „Geste, Abstraktion und Informel“. Es ist die erste große Schau, die abstrakte Werke aus den sechziger Jahren von Darmstädter Künstlern zeigt.

          3 Min.

          Auch Etzel Klomsdorff hat sein Damaskus-Erlebnis gehabt. Jedenfalls ist in einer Vitrine des Kunst-Archivs in Darmstadt von dem Künstler ein mit der Schreibmaschine geschriebener, leicht vergilbter Text zu lesen, in dem er schildert, wie er eines Morgens aufwachte und „wie der gute Heilige Paulus“ eine Bekehrung erlebte. Klomsdorff erblickte „das Licht der Welt“ und vertrieb fortan „den Teufel der Gefühlchen-Malerei“, der ihm nur noch als „große Lüge“ erschien.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Klomsdorff, 1985 in Auerbach an der Bergstraße gestorben, hatte an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin studiert. Auf Vermittlung des Malers Peter Steinforth war er 1961 nach Darmstadt übergesiedelt, wo er bald zu den experimentellsten Künstlern zählte. Das Licht der Welt, das er erblickt hatte, war nicht nur farbig, es stellte sich auch als punktuell dar, wie seine Bilder im Kunst-Archiv zeigen. Überwiegend sind es farbige Hartfaserplatten, auf die Klomsdorff direkt aus der Tube gedrückte dicke Farbtupfer setzte, einen nach dem anderen. Es ist, als blicke man auf einen mit Muscheln übersäten Strand oder auf eine mit Kratern überzogene Mondlandschaft.

          Auflösung des Realismus

          Der „Pointillist“ Klomsdorff ist einer von 14 Künstlern, die das Kunst-Archiv in seiner Ausstellung „Geste, Abstraktion und Informel. Malerei und Skulptur in Darmstadt um 1960“ präsentiert. Es ist das erste Mal, dass in diesem Umfang in Darmstadt Werke von Künstlern gezeigt werden, die sich, wie der Vorsitzende des Vereins Kunst-Archiv, Claus Netuschil, sagt, „mit starken Positionen der Abstraktion etablierten“. Dieser zweite Aufbruch habe sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Die erste kulturelle Zäsur habe nach 1945 in der völlig kriegszerstörten Stadt besonders der Musik, der Literatur und dem Theater gegolten. Relativ und zeitverzögert gegenüber anderen Regionen seien dann die gestischen Maler, die Abstrakten und die Informellen aufgetaucht, um den Realismus aufzulösen.

          Während sich andernorts Künstlergruppen wie „SPUR“, CoBrA“, „Wir“ oder, wie in Frankfurt, „Quadriga“ bildeten, haben in Darmstadt Netuschil zufolge Einzelkünstler gewirkt, die mit der Ausstellung erstmals gewürdigt würden. Zu ihnen zählen neben Klomsdorff und Steinforth auch Roswitha von Blumenthal, Bruno Erdmann, Helga Föhl, Paul Fontaine, Wolf Hoppe, Georg von Kovats, Bernd Krimmel, H.O. Müller-Erbach, Robert Preyer, Charlotte Prinz, Gotthelf Schlotter und Fritz Vahle. Die meisten von ihnen kamen in den zwanziger Jahren zur Welt, alle haben den Zweiten Weltkrieg erlebt und als Kinder oder Erwachsene die „große Lüge“ der Nazi-Zeit.

          Gegenüberstellung von Malerei und Zeichnungen

          Im Kunst-Archiv hat Netuschil Malerei und Skulptur ansprechend inszeniert. Gleich zu Beginn stößt der Besucher auf eine Bronzearbeit Schlotters, der als Bildhauer vor allem durch seine Tierplastiken Ansehen und Bekanntheit erwarb. Aber die von ihm 1960 und 1961 geschaffenen Skulpturen deuten nur ansatzweise Körperlichkeit an, das Hauptaugenmerk des Künstlers scheint auf dem Eindruck von Dynamik gelegen zu haben. Auch Kovats, von dem drei Großplastiken auf dem grünen Rasen vor dem Literaturhaus stehen, ist ein Vertreter der Abstraktion.

          Für den 1997 gestorbenen Künstler war der Weg zur Reduktion der Form aber nicht zeitbedingt, sondern ein natürlicher Prozess, keine Verarmung, sondern eine „Auffüllung nach der bildnerischen Seite hin“. Den Plastiken von Kovats, Schlotter oder Föhl, die Eisenelemente so wild zusammenfügt, als stehe eine Koralle im bewegten Meer oder ein brennender Dornbusch in der Wüste, hat Netuschil Malerei und Zeichnungen gegenübergestellt. Steinforth liefert die meisten und unterschiedlichsten Arbeiten. Sie reichen von Tuscheblättern über Kreidezeichnungen und Ölgemälden bis zu einem Buntglasfenster in Blau, dessen Formen floral anmuten.

          Ist den Künstlern auch der Zug ins Abstrakte zu eigen, unterscheiden sie sich im Umgang mit der Farbe deutlich. Blumenthal trägt dunkle Ölfarbe mit der Walze breitflächig auf, Müller-Erbach spachtelt monochrome rotbraune Farbe auf die Leinwand in einer Intensivität, dass tiefe Reliefstrukturen entstehen, Prinz jedoch schafft poetisch verspielt-farbige Landschaftsformen, denen sie zuweilen keck Sand zumischt. Die „Erschreckten Badegäste“ von Krimmel wiederum sind ein Ölbild, das in Farbigkeit zu ertrinken scheint. Die Arbeit des ehemaligen Leiters des Instituts Mathildenhöhe deutet schon den nächsten Aufbruch an. Denn trotz der expressiven Farbgebung schälen sich aus der Komposition zwei etwas erschrocken dreinblickende Gesichter heraus, so als habe der Betrachter die Badenden beim Umkleiden beobachtet.

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