https://www.faz.net/-gzg-4ab2

Kulturpreis : Positive Energien von Daniel für die SPD?

  • Aktualisiert am

Irgendwas fehlt in Frankfurt. Geld im Stadtsäckel? Das auf jeden Fall. Der schöne Titel Kulturhauptstadt? Daran denkt inzwischen niemand mehr. Optimismus, Dynamik? Sind längst Fremdwörter geworden. Man muß sich nur den Magistrat ansehen.

          Irgendwas fehlt in Frankfurt. Geld im Stadtsäckel? Das auf jeden Fall. Der schöne Titel Kulturhauptstadt? Daran denkt inzwischen niemand mehr. Optimismus, Dynamik? Sind längst Fremdwörter geworden. Man muß sich nur den Magistrat ansehen. Nächsten Monat steht zum Beispiel die Wiederwahl von Bürgermeister Joachim Vandreike an. Doch Moment mal. Vandreike? Bürgermeister? Genau, das sind doch die Stichworte zum Thema: Was fehlt Frankfurt?

          Vor geraumer Zeit wollte Vandreike noch Oberbürgermeister werden. War echt cool, wie der sozialdemokratische Kandidat damals im Mozartsaal der Alten Oper seine Show mit der Rapperin Sabrina Setlur abzog: Kulturpreis der Frankfurter SPD namens "Skyline", extra gestiftet, um... Selbstverständlich nicht, damit der Kandidat kurz vor der Wahl an der Seite eines Popstars glänzen konnte. Wer denkt auch an sowas? Vielmehr weil den Sozialdemokraten die Kultur bekanntlich zutiefst am Herzen liegt, besonders die Popkultur, da ist die SPD bärenstark, wie ihr Bundes-Pop-Beauftragter Sigmar Gabriel mir seiner höchst lobenswerten Attacke auf Dieter Bohlen und "Modern Talking" erst in der vergangenen Woche wieder einmal bewiesen hat.

          Doch zurück nach Frankfurt, zum Kulturpreis der SPD: "Skyline", 5000 Euro, alle zwei Jahre zu vergeben. Schauen wir mal in den Kalender. Preisübergabe an Sabrina Setlur am 15.Februar 2001, heute haben wir den 24.Juni 2003. Mensch, Bürgermeister Vandreike und Parteivorsitzender Franz Frey, da haben Sie offenbar etwas verschlafen. Nein? Ach so, Sie überlegen noch. Und es fällt Ihnen niemand so richtig Preiswürdiger ein. Klar, verstehen wir, ist wirklich nicht so einfach. Jemand, der den Genossen in den Ortsvereinen imponiert und auch noch echte Kunst macht: Das hört sich an wie die Quadratur des Kreises.

          Ist es aber gar nicht. Wir hätten da nämlich ein paar Vorschläge. Nein, nicht Dieter Dehm. Der hätte den Preis zwar allein schon deshalb verdient, weil er der SPD eine unvergessene Partei-Hymne mit solch wunderbaren Versen geschenkt hat: "Und sind wir schwach und sind wir klein, wir wollen wie das Wasser sein, das weiche Wasser bricht den Stein." Aber Dehm läßt sein Wasser ja jetzt bei der PDS, und ob man einen von der Konkurrenz...? Ohnehin ist die Frankfurter SPD gottfroh, daß der Barde jetzt im Osten seine Intrigen spinnt. Nein, Dehm kommt tatsächlich nicht in Frage.

          Aber vielleicht Daniel Küblböck? Der ist doch auch klein und schwach, und viel können tut er auch nicht, trotzdem hat er jetzt eine Platte herausgebracht, "Positive Energien". Wenn das keine Ermutigung für die SPD ist. Außerdem: "Positive Energien", die könnte die Partei jetzt wirklich brauchen, vom Bundeskanzler bis zu Stadtrat Vandreike. Was? Auf den Küblböck hält schon Popmaster Gabriel den Daumen drauf, von wegen eines noch zu stiftenden Kulturpreises der Bundes-SPD? Kann man auch wieder verstehen, weil der Küblböck idealiter das derzeitige Manko der SPD und gleichzeitig ihren Traum verkörpert: Besitzt nur bescheidene Fähigkeiten, aber hat's trotzdem zum Superstar gebracht.

          Thomas Anders, die Stimme seines Herrchens Dieter Bohlen, ist hingegen noch frei. Das Verhältnis der beiden jetzt in Scheidung lebenden Sangesbrüder ähnelt dem zwischen Bundeskanzler und SPD während des Streits um die Agenda 2010. Ohne ihn wäre Anders vermutlich als viertes Mitglied bei den "Flippers" gelandet, trumpfte dieser Tage Bohlen ähnlich selbstbewußt auf wie sonst immer Schröder gegenüber seiner Partei, wenn er sie in regelmäßigen Abständen wissen läßt: Ohne mich säßet ihr als Nichtse auf der Oppositionsbank. Insofern leuchtete es jedem ein, wenn die Frankfurter Partei, ohnehin seit Jahren geübt in der hohen Kunst des Leidens, einem Looser wie Anders in guter sozialdemokratischer Solidarität mit einem ermutigenden Preis beispringen würde.

          Ja, schon kapiert. Es muß ein Preisträger aus der Region sein. Da kommt eigentlich nur einer in Frage, Ballettchef Billy Forsythe, denn er hat unzweifelhaft Großes für die Frankfurter Kultur vollbracht und leistet jetzt noch Größeres - indem er sich vom Tanzboden macht und der Stadt Ausgaben in Millionenhöhe erspart. Denn Sparen ist doch in diesen harten Zeiten die höchste denkbare Kulturleistung. Wer wüßte das besser als die Sozialdemokraten, die immer großzügig verteilt, wenn auch nur umverteilt haben aus fremdem Besitz. Jetzt heißt es in guter Freudscher Tradition Triebverzicht leisten, eisern sparen also und ... jawohl, das ist die Patentlösung für die Frankfurter SPD. Einfach den Kulturpreis einsparen. HANS RIEBSAMEN

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.