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Rheingau-Taunus-Kreis : Marke Rheingau auf dem Selbsterfahrungstrip

  • -Aktualisiert am

Spalter: Die Rüdesheimer beanspruchen wegen der Drosselgasse für sich einer Sonderrolle im Tourismus des Rheingaus. Bild: dpa

Die Suche nach dem Kern der Marke „Rheingau“ ist schwierig – für sieben Kommunen muss ein gemeinsamer Nenner gefunden werden. „Kulturland Rheingau“ fehlt da noch die Zugkraft.

          Nein, als „eigen“ sehen sich Rheingauer nicht. „Wer eigen ist, der ist kein netter Mensch“, lautete eine der vielen kritischen Stimmen im Kiedricher Bürgerhaus, wo mehr als 100 Kommunalpolitiker, Unternehmer und Bürger gemeinsam nach dem Kern der „Marke“ Rheingau forschten. Die Rheingauer sehen sich vielmehr als „charaktervoll“, als „authentisch“, als „individuell“ oder als „originell“. Und ja, auch als „bodenständig“. Ein erst kürzlich hinzugezogener Wahl-Rheingauer formulierte, die Rheingauer seien „stur und stolz“. „Weltoffen und heimatverbunden“, schlug ein anderer Hinzugereister vor, fand mit dieser Charakterisierung aber wenig Widerhall.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Mit welchem Attribut geworben werden soll, ist noch nicht endgültig entschieden. Die Rheingauer sind auf dem Selbsterfahrungstrip, seit sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, im Wettbewerb der Regionen um die Gunst der Ausflügler zurückgefallen zu sein. Diesen Eindruck hat zwar nicht, wer an schönen Tagen in den Rheingau hinein und auch wieder heraus im Stau steht. Doch das sind Momentaufnahmen und zugleich die Folgen einer der großen Stärken der Region: der Nähe zum Rhein-Main-Gebiet. Würden die Bürger dieser Region bei der Weinauswahl ausschließlich zu Rheingauer Riesling greifen, dann wäre der Rheingau wohl ohne Sorgen. Doch dem ist nicht so.

          Kein großer Wurf

          Der Rheingau litt in der Vergangenheit unter der Zersplitterung von Marketing und Werbung für die kleine Weinregion, die nur drei Prozent der deutschen Rebfläche ausmacht. Einen einheitlichen Auftritt erschwerte bislang nicht nur der Egoismus der sieben Rheingauer Kommunen, sondern auch die Sonderrolle, die Rüdesheim mit seiner Drosselgasse für sich beansprucht. Bei touristischer Werbung aber ist für Experten unbestritten, dass die zumindest nach außen demonstrierte Einheit einer Region ein unverzichtbares Pfund ist.

          Vorbilder hat der Rheingau in dieser Hinsicht viele, beispielsweise Südtirol und die Wachau. Aber auch die innerdeutschen Konkurrenten wie die Pfalz und Rheinhessen, auf deren ungleich größeres Marketingbudget die Rheingauer stets mit Neid blicken, haben dem Rheingau inzwischen einiges voraus und vermitteln den Eindruck von größerer Geschlossenheit und Dynamik.

          Die Antwort heißt seit sieben Jahren „Kulturland Rheingau“. Dieser nicht eben überzeugende Slogan und eine stilisierte blau-grüne Welle mit einer grünen Rebe bilden zusammen die neue Wort-Bild-Marke Rheingau, mit der die Weinregion nach innen und außen optisch einheitlich auftreten will. Darauf hatten sich 2010 der Zweckverband Rheingau, die sieben Rheingauer Kommunen, der Landkreis, die Rheingau-Taunus Kultur und Tourismus GmbH sowie die Rüdesheimer Tourismusbranche geeinigt. Es waren allerdings kein mutiger Schritt und kein großer Wurf, aber immerhin der kleinste gemeinsame Nenner nach jahrelangen Diskussionen und einem mehrere Monate währenden Entscheidungsprozess.

          Rheingau mit vielen Stärken

          Die Entwicklung von „Kulturland Rheingau“ zu einer starken Dachmarke gilt seither als vorrangiges Ziel der Regionalentwicklung. Diese ist dank des Zweckverbands Rheingau gut in Gang gekommen. Zum zweiten Mal ist der Rheingau eine anerkannte Leader-Förderregion und erhält für touristische Projekte bis 2020 insgesamt zwei Millionen Euro von der Europäischen Union. Das vom Zweckverband organisierte Stadtumbauprogramm hat ferner dazu beigetragen, das Ortsbild an einigen Stellen spürbar zu verbessern. Und seit dem Umbau des Leinpfads zu einem kombinierten Rad- und Fußweg am Rhein gewinnt dieser als Regionalparkroute an Bedeutung.

          Doch die Markenbildung kommt seither nur zäh voran. Gutachter bescheinigten dem Rheingau, „keinen klaren Auftritt und kein klares Profil“ zu haben. Sie wiesen mehrfach auf ein zersplittertes Marketing und auf stark verbesserungswürdige Ortsbilder hin. Das traf den Nerv nicht weniger Kommunalpolitiker, die sich ebenfalls schön geschmückte Weindörfer nach dem Vorbild der Pfalz wünschen. Als unstreitig gilt aber, dass der Rheingau ebenfalls viele Stärken hat: die gute Erreichbarkeit, viele attraktive Veranstaltungen und viele Sehenswürdigkeiten, dazu eine schöne Landschaft und Weingüter von internationaler Strahlkraft.

          Bocksbeutel aus Franken als Idol

          Der Erfolg der Marke „hängt von uns allen ab“, sagte der Kiedricher Bürgermeister und Zweckverbands-Vorstand Winfried Steinmacher (SPD) beim jüngsten Schritt, den Markenbildungsprozess zu einem guten Ende zu führen. Ein solch gutes Ende wäre ein zugespitztes, klares Profil, das von allen touristischen Betrieben nach außen getragen wird. Ein Profil, das zugleich ein glaubwürdiges Qualitätsversprechen ist. Ob dazu die zwischenzeitlich identifizierten „Markenkernwerte“ wie sanft, entspannend, genussreich, erlebnisreich beitragen, muss sich erst noch weisen.

          Der Rheingau als „Genuss-Reich mit Tradition zwischen Wald, Wein und Rhein inmitten bodenständiger Menschen“, wie die Moderatoren des Markenprozesses das Zwischenfazit formulierten, erscheint aber eine eher diffuse Botschaft. „Genussreich Rheingau“ könnte allerdings ein Slogan mit stärkerer Wirkung sein als „Kulturland Rheingau“.

          Vielleicht würde dieser Strategiewechsel sogar dazu beitragen, dass mehr Unternehmen und Weingüter die 2010 als nationale Wort-Bild- und europäisch registrierte Marke „Kulturland Rheingau“ tatsächlich nutzen und auch ihre Prospekte, Preislisten, Hinweisschilder und Broschüren damit bedrucken. Der Wunsch, dass die Rheingauer Winzer in diesem Sinne einheitlich gestaltete Weinkisten nutzen, dürfte aber ebenso unrealistisch sein wie die Hoffnung, dass sich die grüne Rheingau-Flöte als gebietstypische Flasche mit hohem Wiedererkennungswert unter den Betrieben im Rheingau so durchsetzt wie der Bocksbeutel in Franken. Da sind die Rheingauer Winzer ganz eigen.

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