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Kultureller Jahresrückblick : Unsere Besten

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Wer sich mit der konzentrierten Form des Lieds beschäftigt, dringt ins Herz der Romantik vor. Wie stark es bis heute schlägt, zeigte im Oktober Christian Gerhahers Liederabend mit seinem Klavierpartner Gerold Huber im Mozart-Saal der Alten Oper. In ihrem klug disponierten Programm, das um Liebe und Lebenslust, Krankheit und Tod kreiste, stellten der derzeit beste lyrische Bariton und sein ihm seit Schulzeiten vertrauter Pianist die Uraufführung von fünf Liedern Jörg Widmanns neben Werke Robert Schumanns. Es war die beste denkbare Werbung für die wegen mangelnden Zuspruchs vorübergehend eingestellten Liederabende in Frankfurts Konzerthaus. Am 14. März sind dort Ian Bostridge und Julius Drake zu hören, am 10. Mai Christine Schäfer und Erich Schneider.

Guido Holze

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Selten waren Erwartungen an ein Nachwuchstalent so hoch wie bei Jake Bugg. Im Frankfurter Zoom Club wurde der junge Brite ihnen glänzend gerecht: glasklar das Timbre, makellos das Gitarrenspiel, zeitlos das Stilgemisch. Jugendlichen Elan zeigt auch Cliff Richard. Wie gut er noch bei Stimme ist und wie gelenkig er tanzt, ist am 30. Mai bei seinem Gastspiel in der Frankfurter Festhalle zu erleben. Es steht im Zeichen seines kürzlich erschienenen 100. Albums „The Fabulous Rock ’n’ Roll Songbook“.

Michael Köhler

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Erich Kästner dichtete: „Je üppiger die Pläne blühen, um so verzwickter wird die Tat.“ Insofern ist es schön, dass der üppige Plan einer „B3 Biennale des bewegten Bildes“ Frankfurt bereichert hat, zumal in Sachen Videokunst. Ihre Pläne für die hessischen Staatstheater stellen demnächst gleich drei neue Intendanten vor. Bleibt zu hoffen, dass die drei „Alten“, Manfred Beilharz (Wiesbaden), Matthias Fontheim (Mainz) und John Dew (Darmstadt), dem Publikum ein Schlussfeuerwerk bieten, ehe die „Neuen“, Uwe Eric Laufenberg, Markus Müller und Karsten Wiegand, von September an zeigen, was ihre Handschrift sein soll. Mit Bangen blicken Tanzfans auf den Plan, in Darmstadt und Wiesbaden ein gemeinsames „Hessisches Staatsballett“ zu bilden. Ob der Tanz in der Region ausnahmsweise einmal nicht bluten, sondern neu blühen darf? So gemischt die Gefühle diesem Experiment gegenüber auch sind, das mit Stelleneinbußen anhebt: Es dürfte im neuen Jahr ruhig mehr mutige kunstpolitische Entscheidungen geben, die nicht nur mit Sparzwängen herumdoktern. Beschlüsse mit einem Plan für die Zukunft und Sinn für Strukturen. Ohne etwas vage „Kulturelles“ mit Kunst zu verwechseln und die Kunst gegen das „Soziale“ aufzurechnen.

Eva-Maria Magel

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Das Beste auf der Bühne waren Andrea Breths Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ im Schauspiel Frankfurt und das Heine-Projekt des Theaters Willy Praml, eine fast fünfstündige Suche nach dem alten jüdischen Frankfurt rund um den Börneplatz mit Heines Erzählung „Der Rabbi von Bacherach“ als poetischem Vademecum. Freuen kann man sich darauf, dass die „Fliegende Volksbühne“ im neuen Jahr gleich zweimal an den 100. Geburtstag Arno Schmidts erinnert. Am 30. Januar spricht Jan Philipp Reemtsma im Cantate-Saal über Schmidts Haltung zu Wieland, Herder und Goethe, am 1. März lesen Andrea Dewell, Michael Quast und Bernd Rauschenbach den Funkdialog, den der romantische Wortmetz über Ludwig Tieck verfasst hat.

Claudia Schülke

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Thomas Kapielski hat es gewusst: Früher war schöner, heute ist besser. Das gilt auch für die Reste der Frankfurter Off-Szene. Vielleicht werden wir ja sentimental, aber früher, in den neunziger Jahren, ging es auch ohne Heizung, mit nichts als Flaschenbier, Kunst, Musik und Jägermeister in irgendeinem Schuppen. Und doch gibt es sie noch, die unermüdlichen Aktivisten. Annette Gloser, die ohne Geld eine neue Ausstellungsreihe aus dem Ärmel schüttelt, in den Schaufenstern der ehemaligen Burg-Drogerie. Anja Czioska, die seit Jahren die gleichen, inzwischen auch nicht mehr ganz jungen Städelschulabsolventen einlädt. Trotzdem kommt, wie dieses Jahr in der Offenbacher Ölhalle, meist eine sehenswerte Ausstellung heraus. Oder der Kunstverein Familie Montez, der wie kaum ein anderer Ort für das Konzept von Kunst und Party steht, mit dem Mirek Macke derzeit freilich mangels eigener Räume quer durch Deutschland zieht. Im neuen Jahr soll das Montez unter den Bögen der Honsellbrücke eine feste Adresse bekommen. Darauf darf man sich freuen.

Christoph Schütte

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