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Zwei Kurzopern starten : „Wir zeigen, wie Gefühle manipuliert werden“

Dem Naturalismus auf der Spur: Stefan Solyom und Sandra Leupold Bild: Frank Röth

Sandra Leupold und Stefan Solyom berichten über „L’oracolo“ und „Le Villi“ an der Oper Frankfurt. Die Regisseurin und der Dirigent lassen eine kritisch differenzierte Einstellung zur naturalistischen Stilrichtung erkennen, der vor allem Leonis 1905 in London uraufgeführter Einakter zugerechnet wird.

          Mit dem italienischen Verismo, sagt Stefan Solyom, verhalte es sich in etwa so wie mit den Satellitenbildern bei Google Earth im Internet: Man sehe die Oberfläche einer Realität, könne sich in ein Bild hineinzoomen, aber die Menschen und ihre Probleme nicht erkennen. Diese Einschätzung Solyoms teilt Sandra Leupold und meint sogar, der Verismo zeige nur „vermeintlich Echtes, ein Abbild“. Die Regisseurin und der Dirigent, die für die Produktion der Kurzopern „L’oracolo“ von Franco Leoni und „Le Villi“ von Giacomo Puccini verantwortlich sind, die am Sonntag von 18 Uhr an in der Oper Frankfurt Premiere haben, lassen eine kritisch differenzierte Einstellung zur naturalistischen Stilrichtung erkennen, der vor allem Leonis 1905 in London uraufgeführter Einakter zugerechnet wird.

          Guido Holze

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als sie das fast kaum bekannte Werk vor zwei Jahren zum ersten Mal auf CD hörte, erinnert sich Leupold, sei sie schockiert gewesen: „Als ob mich ein Pferd träte.“ Allerdings habe sie sich zu dieser Zeit gerade in der Endphase ihrer Inszenierung von Debussys „Pelléas et Mélisande“ am Staatstheater Mainz befunden, so dass ihr die Effekte Leonis recht grell erschienen.

          „Deutschland sucht den Superstar“

          Das Ertönen einer Schiffshupe und eines Hahnenschreis, das Röcheln von Sängern oder die Sprechpassagen findet Leupold bezeichnend für „die Zeit, in der die Belcanto-Oper stirbt“. Inmitten des rasanten technischen Fortschritts werde damals auch das Musiktheater „immer schneller“. Die Folge: „Die Selbstverständlichkeit des Wirkens gerät der Oper abhanden.“ Der Niedergang der Gattung werde spürbar, glaubt die Regisseurin.

          Sie meint, in dieser Zeit den Beginn einer zunehmenden „Gier nach Wahrheit, nach Echtem“ wahrzunehmen, die mit der Fotografie anfing, sich im Film fortsetzte und schließlich, immer schneller, zum Fernsehen und zum Internet führte. Formate wie „Big Brother“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder Reality-Shows, „in denen Laien-Schauspieler vermeintlich Echtes darstellen“, haben sie vor diesem Hintergrund auch bei ihrer Inszenierung beschäftigt.

          Sehr schnelle Wechsel

          Die Bühnen- und Kostümbildnerin Heike Scheele hat für die beiden Kurzopern, die Neupold zufolge inhaltlich nichts miteinander zu tun haben, ein Fernsehstudio und zum Teil realistische China- und Schwarzwald-Kostüme entworfen. Moderatoren vermitteln zwischen den Spielszenen, der Chor spielt als Live-Publikum auf der Bühne. Auf diese Weise könnten die Zuschauer im Saal sehen, „wie ein Publikum und Gefühle manipuliert werden“. Die Gemeinschaft auf der Bühne wähle dazu in „L’oracolo“ jemanden aus, „der die Rolle des Schufts übernimmt“: Cim-Fen, Inhaber einer Opiumhöhle in San Franciscos Chinatown. Leupold räumt ein, dass man somit weit über das hinausgehe, „was in den Stücken ist“.

          Solyom, seit kurzem Generalmusikdirektor in Weimar, bekräftigt diese Gedankengänge von der Musik her. Bei Leoni gebe es sehr schnelle Wechsel im musikalischen Geschehen: „Nichts dauert zu lange, alles ist dramaturgisch sehr effektiv.“ Mit Pentatonik, Glockenspiel und anderem zeichne er „vorurteilsvoll“ ein Bild von Chinatown. Puccini unterdessen verirre sich in seinem Frühwerk manchmal noch formal.

          Nicht gezeigt

          So verwende er Zutaten aus dem „dramaturgischen Setzkasten“, wenn er zum Finale des ersten Akts ein großes Gebet mit Chor und Solisten nur aus dem Anlass in Szene setze, dass Roberto sich für zwei Tage vom Schwarzwald aus nach Mainz begeben soll. Was dort mit dem jungen Mann geschieht, wird normalerweise von einem Sprecher in gereimten Versen referiert, die in der Partitur ohne irgendeine Anweisung stehen. Das soll auch diesmal nicht gezeigt werden: „Den Sündenpfuhl Mainz muss sich jeder denken“, lächelt Leupold.

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