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Jüdische Künstlerinnen : Gefeiert, verfolgt, vergessen

Ruth Cahn „Frau im lila Kleid“, 1920er Jahre Bild: Privatsammlung M. Kopp

Vier jüdische Künstlerinnen feierten im Frankfurt der zwanziger Jahre Erfolge, mit dem Aufstieg der Nazis endeten ihre Karrieren abrupt. Nun endlich kann man ihre faszinierenden Werke neu entdecken.

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          Am Anfang hatte sie nicht viel: nur ein Geburts- und ein Sterbedatum – und eine Handvoll faszinierende Zeichnungen im Stil des Expressionismus, die am Beginn der neunziger Jahre für das Museum angekauft wurden. Wer war diese Rosy Lilienfeld, von der sie stammten? Welche Rolle spielte sie im Frankfurter Kulturleben der „Roaring Twenties“? Wie wurde sie wahrgenommen? Und warum vergessen?

          Alexander Jürgs
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eva Sabrina Atlan, Kuratorin des Jüdischen Museums in Frankfurt und heute stellvertretende Direktorin des Hauses, machte sich, vor beinahe 15 Jahren, auf die Suche. Im Hessischen Landesarchiv fand sie Spuren. Berichte, die Ärzte über die psychisch labile Lilienfeld verfasst hatten, eine Fotografie ihres Ateliers im Städelschen Kunstinstitut, eine Liste von Gegenständen, die Lilienfeld anfertigen musste, bevor sie Deutschland verließ.

          Im österreichischen Verlag Richard Löwitt war ein Buch der Künstlerin mit Illustrationen zu Martin Bubers von der ostjüdischen Mystik inspirierten „Baalschem“-Erzählung erschienen: In kontrastreichen, aber doch harmonischen Zeichnungen setze Lilienberg die Ge­schichte um. Ganz anders, expressiver und verstörender, waren ihre Nachtbilder, die sie in Tusche angefertigt hatte: Szenen voller Skelette, alptraumhaft, Auseinandersetzungen mit den eigenen, inneren Dämonen. Und dann waren da noch ihre Stadtbilder: Häuserfassaden, Straßenbahnen, Ost- und Westhafen, die Synagoge am Börneplatz.

          Mit der NS-Zeit endeten ihre Karrieren

          Dieser Rosy Lilienfeld wollte die Kuratorin unbedingt eine Ausstellung widmen, mehr als ein Jahrzehnt lang hat Atlan daran gearbeitet, immer mehr fand sie heraus über den Lebensweg der Künstlerin, der im Konzentrationslager Auschwitz bitter endete. Herausgekommen ist nun trotzdem eine andere Schau: Nicht nur Lilienfeld wird darin vorgestellt, sondern gleich vier jüdische Künstlerinnen, die im Frankfurt der zwanziger Jahre für Furore sorgten, die eigene Ateliers hatten, sich in Salons und intellektuellen Kreisen zuhause fühlten und in namhaften Galerien, teils auch im Ausland, ausstellten. Mit der NS-Zeit endeten ihre Karrieren jäh.

          Zwei von ihnen, Ruth Cahn und Erna Pinner, überlebten den Holocaust im Exil. Die anderen beiden, Rosy Lilienfeld und Amalie Seckbach, starben in Konzentrationslagern der Nazis. Die Werke von allen Frauen gerieten in Vergessenheit. Daran soll die Ausstellung mit dem programmatischen Titel „Zurück ins Licht“ nun etwas ändern.

          Auf vier Kabinette sind die beeindruckenden Werke der Künstlerinnen aufgeteilt, jedes steht symbolisch für eines der Ateliers der Frauen. Von Ruth Cahn sieht man ausdrucksstarke Frauenporträts in kräftigen Farben. Ihr Strich ist lebendig, sie arbeitet mit klaren Linien. In Paris hatte sich Cahn den „Fauves“ angeschlossen, in der bekannten Galerie Dalmau in Barcelona hatte man eine Einzelausstellung für sie eingerichtet. Etwas abseits des Kabinetts sind auch noch ihre Stadtmalereien zu sehen. Präzise, aber doch mit Schwung setzte sie den Palmengarten oder das Trainingsgelände der Frankfurter Eintracht am Riederwald in Szene.

          Rosy Lilienfeld, Vermutlich Selbstbildnis, 1922 Bilderstrecke
          Zurück ins Licht : Jüdische Künstlerinnen werden wiederentdeckt

          Amalie Seckbach hatte erst spät, nach dem Tod ihres Mannes, des Architekten Max Seckbach, zur Kunst gefunden. Sie sammelte asiatische Zeichenkunst, ihre Sammlung galt als spektakulär. Schließlich begann sie, bei Präsentationen ihrer Kollektion, auch einige Plastiken auszustellen, die Aufsehen erregten. Der belgische Künstler James Ensor lud sie zu einer gemeinsamen Ausstellung ein, bald malte Seckbach auch. In der Schau sieht man einige der Kopf-Miniaturen, die sie aus Gips formierte. Und auch die eindringlichen, traurigen Porträts, die sie später, im Getto von Theresienstadt, bis kurz vor ihrem Tod zeichnete.

          Reisen in den Nahen Osten, Afrika und Südamerika

          Erna Pinner war nicht nur Zeichnerin, sondern auch Verlegerin. Und, vor allem, Reisende. Mit ihrem Partner Kasimir Edschmid zog es sie in den Nahen Osten, nach Afrika und Südamerika. Unterwegs zeichnete und fotografierte sie, aus ihren Erlebnissen entstanden die Bücher „Eine Dame in Griechenland“ und „Ich reise durch die Welt“. Dabei entsprach die elegante, weltmännische Pinner durch und durch dem Rollenmodell der „neuen Frau“. Und sie skizzierte Tiere, mit wenigen Strichen, beinahe comichaft, auch im Frankfurter Zoo.

          Im Oktober 1935 glückte Pinner die Flucht nach London, wo ihr Cousin lebte und Transporte organisierte, um jüdische Kinder aus Deutschland zu retten. Im britischen Exil gelang ihr auch ein Neustart: Pinner wurde Zeichnerin für zoologische Publikationen. Eine ganz Reihe von ihr gezeichneter und geschriebener Bücher ist erschienen. Nach Deutschland und Frankfurt kehrte sie nicht zurück.

          Auch eine zeitgenössische Künstlerin ist in der Ausstellung zu sehen: Die in Bremen lebende Elianna Renner beschäftigt sich in einer dreiteiligen Video-Installation mit den Biografien von Ruth Cahn und Amalia Seckbach auf überraschende Weise. Sie lässt die Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck eine Art Totengebet für die verloren gegangene Sammlung von Seckbach sprechen und die Künstlerin in einem fiktiven Zoom-Talk zu Wort kommen. In einer Performance mit der Tänzerin Gertrud Schleising spürt sie den künstlerischen Anfängen von Ruth Cahn nach. Renners Videos sind humorvoll, um die Ecke gedacht, regen zum Nachdenken an.

          Und die Werke von vier Künstlerinnen, die von einem mörderischen Regime brutal verfolgt wurden, die lange vergessen wurden, lassen sich nun endlich wieder entdecken. Das ist die beachtliche Leistung dieser Schau. Dafür haben sich die jahrelangen Recherchen gelohnt.

          Zurück ins Licht, bis 17. April 2023, Jüdisches Museum, Frankfurt, Berta-Pappenheim-Platz 1, Dienstag bis Sonntag 10-17 Uhr, bei Veranstaltungen bis 19 Uhr.

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