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Irgendetwas ist anders: Die Gambistin Christine Vogel und die Violinistin Sophia Klinke spielen ihre Instrumente in der für sie natürlichen Haltung, indem sie mit der stärkeren linken Hand streichen. Bild: Domenic Driessen

Welt-Linkshändertag : „Wir musizieren mit links“

Vor genau einem Jahr, zum Welt-Linkshändertag am 13. August, haben die Frankfurter Profi-Musikerinnen Christine Vogel und Sophia Klinke ihre Website linksgespielt.de ins Leben gerufen. Sie ist mittlerweile die weltweit führende Plattform für linksspielende Musikerinnen und Musiker.

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          Für die Beatles war es sogar praktisch, dass Paul McCartney seinen E-Bass mit der linken Hand griff. Denn so konnte er mit John Lennon ins gleiche Mikrofon singen, ohne dass sie sich mit den Hälsen ihrer Instrumente ins Gehege kamen. Der Linkshänder Jimi Hendrix revolutionierte das E-Gitarren-Spiel, und Charlie Chaplin zog als Hobby-Cellist umso mehr Interesse auf sich, da er den Bogen links hielt.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit diesen drei populärsten Beispielen wollen sich zwei Frankfurter Profi-Musikerinnen, die sich vor einiger Zeit zufällig in einem Straßencafé kennengelernt haben, aber nicht mehr lange aufhalten – obwohl oder gerade weil sie für das Thema brennen, wie im Gespräch mit ihnen sofort spürbar wird: Christine Vogel spielt selbst Gambe linksherum, Sophia Klinke befindet sich als Linkshänderin an der Violine derzeit noch in dem langwierigen Umlernprozess. Ganz habe sie noch nicht das Spielniveau erreicht, das sie sich von Kindheit an unter Schwierigkeiten mit rechts erkämpfte, sagt sie.

          Nichts spricht dagegen, mit links zu spielen

          Gemeinsam haben die beiden Frankfurterinnen vor genau einem Jahr, zum Welt-Linkshändertag am 13. August, ihre Website linksgespielt.de ins Leben gerufen. Sie hat sich seither, nach ihren eigenen Angaben, zur „international führenden Plattform für linksspielende Profi-Musikerinnen und Musiker“ entwickelt. Unter der Überschrift „Wir musizieren mit links“ werden linkshändige Musiker mit Lebensläufen und Interviews auf der Seite vorgestellt, die in ihren Heimatländern, etwa in Mexiko, China, Indien, Argentinien oder in der Türkei, sehr erfolgreich sind. Vogel und Klinke wollen mit den Beispielen Mut machen, für Erfahrungsaustausch sorgen und zeigen, „dass nichts dagegenspricht, ein Instrument mit links zu spielen“, wie sie sagen.

          Diese Erkenntnis setzt sich demnach mehr und mehr auch in den klassischen Orchestern durch. Das alte Argument, nach dem es für linkshändige Musiker günstiger sei, mit rechts zu spielen, weil sie so bessere Chancen hätten, eine Anstellung im Orchester zu finden, wird durch die in ihren Berufen erfolgreiche „Linksgespielt“-Community entkräftet. Auch wenn ein Rechts- und ein Linkshänder im Orchester zusammen an einem Pult spielen, muss es demnach mit etwas gutem Willen keine Ellenbogenkämpfe und Platzgerangel geben.

          „Umlernen oder aufhören?“

          Schwierigkeiten kann es unterdessen immer noch bereiten, das richtige Instrument zu finden. Zwar können etwa bei den Streichinstrumenten einfach die Saiten in umgekehrter Reihe eingezogen werden, sodass sich die tiefen, dickeren Saiten zum Beispiel beim Cello oder bei der Gambe vom Betrachter aus rechts befinden. Auch der Steg, das kleine gewölbte und nur auf den Corpus aufgesetzte Holzstück, das die Saiten anhebt, kann ausgetauscht oder gedreht werden. Schwieriger wird es mit den Teilen im Inneren der Streichinstrumente: mit dem Stimmstock unter der höchsten Saite und dem Bassbalken unter der tiefsten Saite, weil sie geleimt sind – und zwar für die Linkshänder unter den falschen Saiten. „Es klingt aber oft trotzdem ganz gut“, finden Klinke und Vogel und plädieren dafür, es im Zweifelsfall auszuprobieren.

          Vogel hat unterdessen über einige Jahre hinweg nebenher Instrumentenbau-Kurse besucht und sich ihre jetzige Gambe selbst gebaut – eine enorme handwerkliche Leistung. Sie habe zunächst normal Cello zu spielen begonnen, und ihre erste Lehrerin habe ihr gesagt, es sei nicht so wichtig, mit welcher Hand sie den Bogen halte, erzählt die Musikerin. „Ein paar Wochen lang habe ich beide Hände probiert und dachte, es geht.“ So begann sie in Rechtshänder-Haltung.

          Als sie angefangen habe, außerdem Gambe zu spielen, habe ihr nach einiger Zeit der rechte Bogen-Arm aber so wehgetan, dass sie Ärzte konsultierte, ergebnislos. Dabei habe sie gut und nicht verkrampft gespielt: „Aber ich konnte die rechte Hand nicht so drehen wie es beim Gambespielen wichtig ist.“ Beim Studium in Leipzig, mit 20 Jahren, habe sie sich vor der Entscheidung gesehen: „Umlernen oder aufhören.“ Sie habe das 2010 erschienene Buch „Musizieren mit links“ von Walter Mengler gelesen und sich fürs Umlernen entschieden: „Man fängt bei null an. Dabei weiß man, wie es geht.“

          „Immer wie auf Stelzen gespielt“

          Im Unterricht mit den Dozenten sei es im Prinzip kein Problem, bestätigt auch Klinke: „Man sieht den Lehrer ja so, als sähe man sich selbst im Spiegel.“ Das funktioniere ganz gut, wenngleich es für die linkshändigen Schüler besser wäre, wenn von Greif- und Bogenhand gesprochen würde statt von rechter und linker. Klinke hatte ebenfalls jahrelang den Bogen rechts gehalten und auch mit der rechten Hand geschrieben. Erst mit 24 Jahren habe sie sich entschlossen, beides umzustellen. „Auch mein Schriftbild sieht jetzt viel besser aus.“ Als Geigerin habe sie in der für sie falschen Haltung zwar gut, „aber immer wie auf Stelzen gespielt“, sagt sie.

          Auch wenn sie jetzt noch nicht wieder so gut spiele wie vorher, mache ihr das Musizieren mit links doch viel mehr Freude, so viel sogar, dass sie nun zusätzlich noch Gitarre spielen lernt. Ihr erstes Orchesterkonzert steht für die freischaffende Musikerin, die ihr Studium in Hannover und Paris absolvierte, im November an: „Da spiele ich Mendelssohns ‚Paulus‘ linksherum.“

          Linkshändige Musiker geben am 13. August in der Frankfurter Innenstadt zwischen 10 und 12 Uhr Straßenkonzerte. Ein Konzert folgt von 19 Uhr im Gemeindesaal der Andreaskirche (Kirchhainer Straße 2). Der Eintritt ist frei.

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