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Kabarett auf dem Parkplatz : Zum Hupen

Auto-Didaktiker: Kabarettist Urban Priol bei der Premiere der Stage-Drive-Kulturbühne auf dem Parkplatz der Jahrhunderthalle Bild: Maximilian von Lachner

Urban Priol eröffnet die an ein Autokino erinnernde Stage-Drive-Kulturbühne vor der Jahrhunderthalle Frankfurt. Es ist eine gelungene Premiere.

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          Sie parken mit Abstand am besten!“ Derlei dürften gerade die Fahrerinnen und Fahrer sogenannter Sport Utility Vehicles (SUV) in der Rhein-Main-Region selten hören, entsprechen ihre Einparkkünste doch sehr oft nicht dem Ausmaß ihrer Fahrzeuge. Auf dem großen Parkplatz rechts der Jahrhunderthalle Frankfurt spielen am Freitagabend allerdings weder mangelndes Raumgefühl noch mangelnde Rücksichtnahme gewisser Verkehrsteilnehmer eine Rolle, wird doch jedes Fahrzeug so auf einen Stellplatz eingewiesen, dass sowohl ein ausreichender Sicherheitsabstand zum nächsten Auto gewahrt als auch darauf geachtet ist, dass die großen Gefährte den Insassen von Kleinwagen nicht die Sicht versperren, denn an diesem Abend steht eine besondere Premiere an: die Einweihung der Stage-Drive-Kulturbühne.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So nennt sich ein neues Kulturangebot, das es in dieser Art in Hessen noch nicht gegeben hat und das beispielhaft auch für andere Bundesländer sein könnte, dem von der Corona-Pandemie besonders hart getroffenen Kulturzweig der Live-Unterhaltung eine Perspektive aufzuzeigen. Ans Prinzip eines Autokinos angelehnt, aus seinem Auto heraus ein Programm zu verfolgen, sollen auf der Kulturbühne in den nächsten Wochen Comedians und Kabarettisten, Bands und DJs auftreten. Auf zwei jeweils 50 Quadratmeter großen LED-Leinwänden ist ihr Tun auch in den hinteren Parkreihen gut zu sehen, derweil ihre Darbietungen über eine eigene UKW-Frequenz auf die Autoradios der Besucher übertragen werden. Nun ist dies aber kein Film, sondern Wirklichkeit und für einen Künstler vermutlich ein ganz eigene Herausforderung, von einer Bühne herab nicht in erwartungsfrohe menschliche Gesichter, sondern auf die Kühlerhauben von 300 Autos zu blicken, die auf der Fläche vor der Stage-Drive-Kulturbühne Platz gefunden haben.

          Priols übliches Politiker-Bashing

          Der Aschaffenburger Kabarettist Urban Priol ist zwar in seiner langen Karriere noch nie vor Autos aufgetreten, obwohl er als Sammler von Oldtimern ja durchaus ein innigeres Verhältnis zu Karossen aller Art hat. Aber er ist ein erfahrener Fernsehmann und es gewohnt, in eine Kamera zu sprechen, was ihm diese Premiere erleichtert haben dürfte, für die er unter dem Motto „Lockdown, Shutdown und Showdown der wundersamen Wirrsinnswochen im pandemischen Politzirkus“ eine persönliche Corona-Bilanz zusammengestellt hat, in der es aber nicht nur um eigene Erfahrungen im wegen unterschiedlicher Verordnungen mitunter skurril anmutenden hessisch-bayerischen Grenzverkehr, sondern natürlich besonders um die Landes- und Bundespolitik und ein wenig auch um die Weltpolitik geht.

          Das gerät, wie bei Priols Politiker-Bashing üblich, mal so subtil wie mit der Spitzhacke verabreicht, aber auch durchaus virtuos, wenn er etwa die Aussagen der führenden deutschen Virologen und Epidemiologen im Stil der legendären ARD-Bundesligakonferenz samt den sprachlichen Charakteristika der Fußballreporter präsentiert. Er spielt damit geschickt auf den vom früheren FC-Liverpool-Trainer Bill Shankly geprägten Satz „Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!“ an und kommt zur bitteren Erkenntnis, dass im Fall von Corona, wo es wirklich um Leben und Tod geht, eine internationale Geberkonferenz nötig ist, um Mittel in Höhe von nicht einmal acht Milliarden Euro zusammenzubekommen, um nach einem Impfstoff zu forschen.

          Da ist Applaus angebracht, der im Auto allerdings nur eine ähnliche Wirkung wie der einsame Torjubel vor dem Transistorradio hat. Bleibt also nur die Hupe, um Zustimmung oder Gelächter auszudrücken, was manchmal ein geschlossenes Hupkonzert bedeutet und manchmal auch einen versetzten Kanon, wenn hie und da der Groschen etwas später fällt. Und falls zu lange gar nicht gehupt wird, erzählt Priol einfach etwas von Verkehrsminister Andreas Scheuer, was ihm im besonderen Parkplatz-Autokino-Kulturbühne-Setting fast schon automatisch gehupte Zustimmung einbringt.

          Nach zwei alkoholfreien Weißbier und gut 80 Minuten Rückblick auf wirre Viren-Zeiten ist Schluss auf dem binnen einer Viertelstunde geräumten Parkplatz, auf dem die freundlichen Ordner schnell noch einem liegengebliebenen Fahrzeug Starthilfe geben, derweil man in Richtung Straße rollt, mit Urban Priols Abschiedsworten „War echt ein Erlebnis!“ im Ohr und der melancholischen Erkenntnis, dass diese Darbietungsform auf längere Zeit der einzige Ersatz für Brettlbühne, Club und Live-Konzert sein wird.

          Auf der Stage-Drive-Kulturbühne gibt es vorerst bis Juli Programm. Informationen unter www.jahrhunderthalle.de

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