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Zum Gedenken an Ror Wolf : Subtile Collagen

  • -Aktualisiert am

Sonor: Christian Brückner ist die Stimme, die Ror Wolf nach eigenem Bekunden beim Schreiben seiner Werke im Ohr hatte. Bild: Wonge Bergmann

Christian Brückner erweckt die Texte des im Februar verstorbenen Wort- und Collagen-Künstlers Ror Wolf mit seiner Robert-de-Niro-Synchronstimme in der Frankfurter Alten Oper zum Leben – und macht damit steht den Eindruck, direkter Beobachter der geschilderten Ereignisse zu sein.

          2 Min.

          Die Kombination von literarischen Texten und improvisierter Musik hat eine gewisse Tradition, nicht nur in den Vereinigten Staaten, dem Mutterland des Jazz. Auch Michael Wollny hat seinen langjährigen Duo-Partner Heinz Sauer seinerzeit durch eine Lesung kennengelernt. Seitdem sind der Pianist und der Saxophonist immer wieder mal mit dem Schauspieler und Sprecher Christian Brückner, Synchronstimme von amerikanischen Filmstars wie Robert De Niro, Harvey Keitel und Martin Sheen, aufgetreten. In der Alten Oper gab es nun eine Premiere zu erleben, nämlich die Begegnung des Wollny Trios mit Brückner, der Texte des im Februar verstorbenen Wort- und Collagen-Künstlers Ror Wolf zum Leben erweckt.

          Es ist nicht nur die markante, punktuell angerauhte Stimme Brückners, die seine Darbietung von anderen Lesungen abhebt. Brückner scheint tatsächlich in die literarischen Figuren zu schlüpfen und erweckt auch als Erzähler stets den Eindruck, direkter Beobachter der geschilderten Ereignisse zu sein. Dabei wird er nie theatralisch, bewahrt sich vielmehr einen eher lakonischen Tonfall und reflektiert dadurch geschickt Ror Wolfs hinterlistigen Humor. Hinzu kommt Brückners persönliches Timing. Bewusst ignoriert er zuweilen Punkte und Satzenden, dafür legt er an anderen Stellen minimale Kunstpausen ein, als würde er über den Fortgang sinnieren. Das Heben und Senken der Stimme suggeriert emotionale Bewegung, und selbst in leisen Momenten wandelt Brückner präzise auf dem schmalen Grat zwischen Natürlichkeit und klar verständlicher Artikulation.

          Huschende Klaviertupfer und helles Beckenklingeln

          Die Dramaturgie des gemeinsamen Auftritts scheint zunächst vertraut, wenn Brückner und die Band abwechselnd sprechen und spielen. Nach einer Weile wird klar, dass die Texte keine fortlaufende Geschichte erzählen, dass sich die Wort- und Musik-Blöcke von im Schnitt rund fünf Minuten Länge als einzelne Kapitel verstehen. Mal nehmen sie aufeinander Bezug, mal stehen sie für sich.

          Geschickte Zuspiele: Das Michael Wollny Trio und Christian Brückner auf der Bühne der Alten Oper.
          Geschickte Zuspiele: Das Michael Wollny Trio und Christian Brückner auf der Bühne der Alten Oper. : Bild: Wonge Bergmann

          Im letzten Drittel des 75 Minuten langen Programms geschieht, worauf mancher insgeheim gehofft haben mag, nämlich eine zeitweise Verzahnung von Klängen und Dichtung. Das Trio fällt Brückner nicht etwa ins Wort, sondern setzt subtil mit huschenden Klaviertupfern, fragmentarischen Motiven und hellem Beckenklingeln ein. Einen weiteren Wechsel später nehmen die Musiker hingegen offensiv die Erregung des Textes auf, setzen sie in nervöser Rhythmik, schnellen Tempi und mit eindrucksvollen Crescendi fort.

          Die musikalischen Qualitäten des Michael Wollny Trios wurden oft beschrieben und können auch an diesem Abend wieder begeistern. Viele Passagen sind frei improvisiert, hier kann die Band durch traumwandlerisch sichere Interaktionen brillieren. Ihre Dynamik variiert nadelfeine Nuancen, atmosphärische Passagen und energiegeladene Expressionen, die klangliche Spannweite reicht von eleganten Tönen bis zu dissonanten Abstraktionen, etwa wenn Wollny in die Saiten des Flügels greift oder die Saiten mit verschiedenen Gegenständen zum Scheppern bringt.

          Sein mit überraschenden Wendungen gespicktes Spiel wechselt nahtlos zwischen aufleuchtenden Melodien, die von Spätromantik oder Pop inspiriert sein können, fließenden Linien und komplexen Pirouetten sowie atemberaubenden Ausbrüchen in beinahe grenzenlose Freiheit. Letztere eint das Trio, dabei vertritt der sensible Schlagzeuger Eric Schaefer zuweilen eine rockige Haltung.

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          Bisweilen scheint auch mal eine abstrahierte Blues-Erinnerung vorbeizuwehen, im Kontrast dazu setzt Christian Weber auf dem Kontrabass gezielt erweiterte Spieltechniken aus der Neuen Musik ein. Etwa wenn er mit dem Bogen an unüblichen Stellen streicht, Saiten knirschen und krachen lässt oder mit beiden Händen auf dem Griffbrett kleine Glissandi erzeugt. Zwei Zugaben des Trios verlängern das Konzert auf eineinhalb Stunden, wohl jeder im Großen Saal hätte gern noch länger gelauscht.

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