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Youngblood Brass Band : Witz, Biss und Hinterlist

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Gleißend: David Henzie Skogen (rechts), Zach Lucas und weitere Mitglieder der Youngblood Brass Band Bild: F.A.Z. - Felix Seuffert

Wie es im nächsten Jahr weitergeht mit „Jazz im Museum“, ist unklar. Noch aber macht das Historische Museum Frankfurt seinen Hof zur Bühne. Zum Beispiel für die Youngblood Brass Band.

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          Bläserensembles haben viele Fans, über Generationen und Stilgrenzen hinweg. Das gilt für zackiges Hochzeitsgeschmetter vom Balkan ebenso wie für Brass Bands amerikanischer Tradition. Deren Wurzeln liegen in New Orleans, in den zum Mardi Gras oder zu Beerdigungen aufmarschierenden Gruppen, die Bläser und Perkussion auf die Straße bringen. Seit Jahrzehnten sind Brass Bands, ungeachtet ihres vermeintlich altmodischen Klanges, auch unter jungen Leuten populär, und das keineswegs nur in der schwarzen Community.

          Was der Überlieferung nach die Mauern von Jericho einstürzen ließ, zündet auch im 21. Jahrhundert. Im nahezu ausverkauften Hof des Historischen Museums Frankfurt wackeln zwar nicht die Wände, wenn die Youngblood Brass Band in die Hörner bläst, ihre ansteckende Energie greift dennoch unausweichlich um sich. Sie lässt sitzende Zuhörer mitwippen und mit dem Kopf nicken, während andere euphorisch hüpfen und tanzen.

          Modernität und Distanz zu Stereotypen

          Das spezielle Charisma der Band basiert auf ihrer Modernität und ihrer Distanz zu Stereotypen. Mitte der neunziger Jahre in Madison, Wisconsin gegründet, kann sich die bis heute – mit einer Ausnahme – weiße Band stilübergreifend austoben, weil sie nicht in einer bestimmten Szene verwurzelt ist. Allenfalls formal den Originalen vom Mississippi-Delta ähnlich, orientiert das neunköpfige Ensemble sich eher an den musikalischen Entwicklungen der vergangenen dreißig Jahre. Echte Dixieland-Adaptionen sind rar im Repertoire, ein ursprünglicher Trauermarsch bleibt ein Einzelstück. Ebenso knapp und umso hinterlistiger zitiert die Band bisweilen jüngere Popgeschichte. Das Thema von Coolios „Gangsta’s Paradise“ dient indes hauptsächlich als Sprungbrett für verschiedene druckvolle Soli.

          Umso mehr haben es die selbst geschriebenen Stücke in sich, allen voran der potentielle Hit „Nuclear Summer“ von „Is That A Riot?“, dem bislang letzten Album. Bigbandartig anschwellende Bläsersätze alternieren mit intensivem Sprechgesang, Tempowechsel münden in heftige Steigerungen, explosives Engagement wurzelt in spürbar echter Erregung. Wer den Songtext im Booklet nachliest, zweifelt nicht an der Ernsthaftigkeit, mit der Bandleader David Henzie Skogen hier Kriegstreibern die Leviten liest. Skogens fließend akzentuierte Raps befeuern auch andere Stücke, ihre ausgefeilte Rhythmik, Musikalität und Geschwindigkeit kann mit den besten Hiphoppern konkurrieren. Der hauptamtliche Snare-Trommler Skogen ist indes klug genug, sich aller genretypischen Klischees und Gesten zu enthalten, zumal er etwas zu sagen und nicht nur Platitüden zu dreschen hat.

          An der Grenze der Raserei

          Der sarkastische Rap-Song „Bone Refinery“ spielt mit der konsequenten Reduktion auf pochende Bassbeats und dazwischenfahrende minimale Bläserspitzen, marschiert damit gewissermaßen auf den Straßen Brooklyns. Andere Stücke sind von New Yorks Funk-Groove besessen, zwischendurch leuchten knappe, mitunter auch recht freie Solos auf. In Einzelimprovisationen moduliert besonders Saxophonist Zachary Lucas mit viel Phantasie verschlungene Linien oder sprunghafte Abstraktionen.

          Gleißende Trompetenfanfaren kreuzen sich mit Melodien der ebenfalls doppelt besetzten Posaunen, Harmonien überschneiden sich und zerfallen in kontrapunktische Phrasen, Hochtonartistik duelliert sich mit sonoren Motiven. Pumpende Basslinien des riesigen Sousaphons grundieren die Dynamik, knallige oder versetzte Metren der drei Perkussionisten treiben das präzise eingespielte Nonett zuweilen bis an die Grenze der Raserei.

          Die verwegene Youngblood Brass Band verheißt, was die von Markus Gardian und Dieter Buroch kuratierte Reihe „Jazz im Museum“ in den kommenden Wochen noch bieten wird: zeitgemäßen Jazz mit Substanz, Tiefe und individuellem Charakter. Ein spannendes Programm zum voraussichtlichen Abschied, denn der Spielort steht 2009 wegen des Museumsumbaus wohl nicht mehr zur Verfügung. Eine Alternative wird noch gesucht, bis dahin stellt Veranstalter Buroch vom Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm fest: „Im Grunde ist der Hof im Historischen Museum für unsere Reihe unersetzlich.“

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