https://www.faz.net/-gzg-8onc8

Yacobson Ballet : Wehe, wer die Wilis nicht würdigt

Das ist der Fluch des letzten Tanzes! Albrecht (rechts) wird von Giselle totgetanzt – jedenfalls beinahe. Bild: Staatsballett / Veranstalter

Ein seltener Anblick: Das Yacobson Ballet aus dem russischen Sankt Petersburg gastiert mit Klassikern in der Region und beim Hessischen Staatsballett.

          2 Min.

          Am Ende stürzen Dutzende vor allem weiblicher Ballettfans an die Rampe, um Rosensträuße nach oben zu reichen. Und im Foyer fassen sich zwei klitzekleine Mädchen an den Händen, um in Winterstiefeln und ihren Festtagshängekleidern die zart gesprungenen Arabesquen der Wilis ausgelassen nachzuhüpfen. Zuvor haben sie, kreuzbrav, zwei Stunden lang „Giselle“ gesehen, das ganze Ballett, das schon vor 175 Jahren erstmals aufgeführt worden ist, in der von Marius Petipa 1887 überarbeiteten Fassung.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Yacobson Ballet aus Sankt Petersburg ist ganz orthodox, es fehlt kein einziges der vielen doppelt geschlagenen Entrechats. Und das akademische Sinfonieorchester Lemberg, wiewohl höchst ungeschickt durch Mikrofone verstärkt, die jedes Umblättern widerhallen lassen, verlangsamt an den wesentlichen Stellen minimal, um den Solisten die Möglichkeit für exakte Schritte zu geben – ebenso wie es beim Walzer auf die Tube drückt, dass die langen weißen Tutus nur so fliegen.

          Darmstädter IT-Unternehmen unterstützt die Tournee

          Das Gedächtnis einer ganzen Kunstform würde ausgelöscht, gäbe es klassische Ballette nicht mehr zu sehen. Nicht nur, weil Tanzschüler betrachten können, wie wunderbar sich all das Kleinteilige fügen kann, das sie sich mühevoll beibringen. Wohl keine andere so wandelbare Kunstform wie der Tanz hat so starke Wurzeln. Zu sehen allerdings sind die im Rhein-Main-Gebiet, das doch erst vor kurzem eine neue „Tanzplattform“ geschmiedet hat, seit Jahren nicht mehr – sieht man einmal von den traditionellen weihnachtlichen Gastspielen vor allem russischer Ensembles ab, die meist mit wenigen Kulissen und Musik aus der Konserve durch die Hallen touren.

          Dieses Jahr ist eine Compagnie unterwegs, mit der auch das Hessische Staatsballett am Staatstheater Darmstadt sich heute und morgen einmal die Klassik ins Haus holt: das Yacobson Ballet aus Sankt Petersburg. Ein Darmstädter IT-Unternehmen unterstützt die Tournee, die mit der Fassung von Vasili Vainonen auch einen für Kinder gut geeigneten „Nussknacker“ nach Darmstadt bringt. Seine hiesigen Stationen hat das Ballett in der Frankfurter Jahrhunderthalle mit „Giselle“ begonnen – hier so gut wie nie zu sehen. Schon gar nicht in einer derart klassischen Version, mit Grabstein links, Lilienstrauß rechts und einem Ensemble, das kanonisch abarbeitet, was klassischen Tanz ausmacht.

          Ja, es gibt da die erzählende Schnörkelgeste, die uns heute oft lächerlich erscheint, die halbstummen Tambourinschläge der Bauernhochzeit im gespielt ländlichen Ambiente. Aber eben auch jedes liebreizende Innehalten der zarten Giselle (Alla Bocharova) zwischen ihrer aberwitzigen Beinarbeit, die sensationellen Sprungvariationen von Albrecht (Andrey Sorokin) und Hilarion (Andrey Gudyma). Und die wundervollen weißen Tänze der Wilis, jener Geist gewordenen Jungfrauen, die vor der Hochzeit gestorben sind und zu denen sich die betrogene Giselle gesellt, um ihren einstigen Geliebten in den Tod zu tanzen. Mag sein, dass deshalb etliche von ihren ballettbegeisterten Frauen buchstäblich mitgenommene Herren auch während der Vorstellung telefonieren und Mails schreiben mussten – es war eine Art psychischer Notwehr. Doch auch sie stimmten in den enthusiastischen Applaus ein.

          Yacobson Ballet

          Das Leonid Yacobson Ballet Sankt Petersburg ist heute um 19.30 Uhr sowie morgen um 15 und 19.30 Uhr mit dem „Nussknacker“ am Staatstheater Darmstadt zu Gast. Von 27. bis 29. Dezember zeigt es eine Ballettgala im Kurhaus Wiesbaden.

          Weitere Themen

          Gautschen trotz Corona

          Johannisnacht in Mainz : Gautschen trotz Corona

          Die Johannisnacht in Mainz ist auch in diesem Corona-Jahr kein großes Spektakel. Auf Traditionen muss bei dem eingeschränkten Programm aber trotzdem nicht verzichtet werden.

          Pionierleistungen Video-Seite öffnen

          Upländer Molkerei : Pionierleistungen

          Die Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei. Katrin Artzt-Steinbrink, spricht über die eigenen Pionierleistungen und den Weg in die Zukunft.

          Das Brückenelend und seine Folgen

          Heute in Rhein-Main : Das Brückenelend und seine Folgen

          Die Sperrung der Salzbachtalbrücke hat die erwarteten Folgen gezeigt. Es hätte aber noch schlimmer kommen können. Hessen startet eine Kampagne zur Artenvielfalt. Die Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

          Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

          In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.
          Im Wahlkampf: Der Kanzlerkandidat der Union und CDU-Vorsitzende Armin Laschet

          Wahlprogramm der Union : Adenauer reicht nicht mehr

          Vielleicht wäre es Armin Laschet am liebsten gewesen, einfach Wahlkampfplakate mit den Worten „Keine Experimente!“ zu bedrucken – und abzuwarten, wie sich die Konkurrenz um Kopf und Kragen redet. Tatsächlich muss er mehr tun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.