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Stück über Hans-Jürgen Krahl : Bockenheimer Bücherhelden

Im Schauspiel Frankfurt erlebt der SDS-Anführer Hans-Jürgen Krahl, ein Schüler Adornos, eine Wiedergeburt. Im Monolog „Wut und Gedanke“ glänzt Vincent Glander in der Figur des Bockenheimer Revoluzzers.

          Ein nervöser Intellektueller. Belesen und analytisch brillant. Er steckt in einem abgetragenen schwarzen Cord-Sakko und um seine Beine schlotternden Hosen mit Pfeffer-und-Salz-Muster. Ein einsamer und imaginär doch stets auf die Gruppe bezogener Mensch inmitten von schwergewichtigen Bänden, der auch einmal die Galerie der Bücherei erklimmt, um von oben Heintjes „Mamma“ in der italienischen Originalfassung zu schmettern: Vincent Glander verkörpert Hans-Jürgen Krahl auf eine geradezu gespenstisch authentische Weise.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Als „Robespierre von Bockenheim“ tritt er auf eine Bühne, wo auch der echte Krahl zu Hause war. Der gespielte Revoluzzer erzählt von seinem Leben, doziert über den notwendigen Umsturz, zitiert Adorno und spricht über sein Verhältnis zu ihm, gibt Einblicke in die Gerichtsverhandlung, in der es um die Besetzung des Instituts für Sozialforschung 1969 geht.

          Im Gerichtssaal sehen sich Adorno und Krahl zum letzten Mal wieder, elf Tage danach stirbt der wichtigste Vertreter der älteren Frankfurter Schule. Manche sagen, an gebrochenem Herzen, weil seine Studenten, zuvörderst Krahl, ihn maßlos enttäuscht hätten. Wenige Monate später ist auch Krahl tot, er kommt bei einem Autounfall ums Leben.

          Schauspieler kämpft sich durch sperrigen Text

          In einem Raum des Bibliothekszentrums Geisteswissenschaften im IG-Farben-Haus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt, mithin in einer anderen Hochschulwelt als jener, in der Adorno und Krahl lebten, dieser aber doch auch täuschend ähnlich, kämpft sich ein einzelner Schauspieler grandios durch einen sperrigen Text, der zum Großteil auf autobiographischen, essayistischen, dokumentarischen Materialien aus den späten sechziger Jahren beruht.

          Die Szenerie auf dem Campus Westend ist nicht sehr weit entfernt vom Bockenheimer Institut für Sozialforschung, wo eine der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen akademischer Jugend und wissenschaftlichem Establishment während der Achtundsechziger-Revolte stattfand.

          Damals ahnte jedoch noch niemand, dass in nicht allzu ferner Zukunft das seinerzeit von den Amerikanern als Hauptquartier ihrer Streitkräfte in Europa genutzte Gebäude, wo der tief in den Nationalsozialismus verstrickte Chemiekonzern IG Farben einst seinen Firmensitz hatte, den Mittelpunkt eines Campus Westend bilden würde.

          Bühne aus Seminartischen

          Aber der Schauplatz des Ein-Personen-Stücks inmitten von Regalen voller Bücher lässt nicht viel ahnen von den elektronischen und sonstigen Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte. Etwa 50 Zuschauer sitzen an zusammengeschobenen Seminartischen in der Mitte des Raums, auf denen der Darsteller im Wesentlichen agiert.

          Streng und konzentrierter Geistesarbeit förderlich wirkt das Ambiente. In einem solchen sind sich die Kritische Theorie und ihre theoretischen Kritiker, die mit dem Denken der Praxis auf die Sprünge helfen wollten, einst begegnet.

          Christian Franke hat „Wut und Gedanke“ als Produktion des Frankfurter Schauspiels inszeniert, einen Monolog über den Philosophen und seinen Schüler, den „Nein-Sager“ Adorno, der seine Lehren nicht als Anleitung zum Aktionismus verstanden wissen wollte, und den SDS-Mann Krahl, der von seinem Lehrer forderte, sich an die Spitze der Revolution zu stellen. Weil er seine Werke als Aufforderung begriff, zunächst einmal das universitäre Umfeld und sodann die Gesellschaft radikal zu verändern.

          Unter der roten Fahne, die zu schwenken eigentlich der Arbeiterschaft zukomme, im „Spätkapitalismus“ jedoch erst einmal von der studentischen Jugend ergriffen werden müsse, um sodann den trägen Rest mitzureißen. Dies und noch viel mehr kommt an diesem Abend zur Sprache. Er vereinfacht nichts. Auch wenn es zur Auflockerung Studentenfutter mit Nüssen in der Schale oder einen Adorno-Comic zum Mitnehmen gibt.

          Auf die Besucher warten diverse Performance-Elemente. Das beginnt mit dem Hinauf- und Hinabsteigen breiter Universitätstreppen, bis das Publikum an die Stätte des Geschehens gelangt, und endet mit einem Menschen, der eine überdimensionierte Vogelmaske trägt und einen beim Verlassen des Gebäudes nach der Vorstellung in die großstädtische Nacht entlässt. Denn: „Wer noch an die Revolution denkt, ist ein Vogel“, heißt es am Schluss. Ein Regieeinfall, der uns etwas ratlos macht. Aber vielleicht soll das ja so sein.

          Weitere Vorstellungen

          Informationen zum Stück finden Sie unter www.schauspielfrankfurt.de

          Es gibt noch Karten für die Aufführungen am 18., 25. und 26. April.

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