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Kammerspiele Frankfurt : Die Seuche raubt die Sicherheit

Liest Kleist: Wolfram Koch Bild: Imago

Das Schauspiel Frankfurt hat den Notbetrieb aufgenommen. Begonnen hat es mit einer Lesung von „Robert Guiskard“ in den Kammerspielen.

          2 Min.

          Der Herzog hat sich infiziert. Das darf er nicht. Unter den Normannen vor Konstantinopel wütet die Pest. Das Volk braucht Führung, es fürchtet sich vor der Seuche, es hat Zukunftsängste. Aber schließlich bleibt doch nicht länger verborgen, dass der Herr der „Normänner“, wie es bei Heinricht von Kleist heißt, auch erkrankt ist. Am Vorhaben, über Robert Guiskard ein Drama zu schreiben, scheiterte der Dichter, Fragment blieb, was ein Stück werden sollte, sein wichtigstes womöglich, eines jedenfalls, an das sich der Autor immer wieder heranwagte, von dem aber letztlich nur ein Bruchstück veröffentlicht wurde. Er verbrannte mehrere Fassungen. Es muss ihn gequält haben.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Unsicherheit allenthalben: Der Text scheint der für Pandemie-Zeiten angemessene, und mit ihm eröffnete nun folgerichtig das Frankfurter Schauspiel seinen Notbetrieb nach dem Shutdown. „Shut down“: So heißt auch ein Song der Beach Boys. Die Band hat allerdings zudem noch ein Instrumental namens „Shut down, Part II“ eingespielt, das in „Robert Guiskard. Geisterspiel, Trauerspiel, Fragment“ in den Kammerspielen erklang, wo Wolfram Koch zusammen mit dem Kleist-Biographen Peter Michalzik vor gut 20 Zuschauern las. Erst einmal raschelte und grummelte es jedoch aus dem Off, die Darsteller suchten die dunkle Bühne, schienen das eine oder andere umzuwerfen, bevor sie den Ort fanden, wo über viele Wochen hinweg nichts stattgefunden hatte. Erst einmal den Staub vom Tisch blasen, ein wenig Schmutz von den Brettern fegen, damit diese wenigstens ansatzweise wieder so etwas wie die Welt bedeuten, und danach geht es an einen Text, der anfangs nicht eben flüssig dahinperlt, aber doch, wie man alsbald merkt, in der spezifisch Kleist’schen Diktion die Lage geschmeidig umkreist.

          Viel Platz zwischen den Besuchern

          Da wäre ein Greis, der als Abgesandter des Volks in seinem Rücken Zutritt zum Fürsten verlangt, der in einem Zelt lagert, sowie seine Tochter Helena, sein Sohn Robert, sein Neffe Abälard und ein paar andere Personen. Ein Hauch von Inszenierung weht durch die Kammerspiele, eine Idee von großem Auftritt: Darstellende Kunst in Corona-Zeiten, reduziert, aber präsent. Zwischen den Theaterbesuchern, so sie nicht zusammengehören, sind jeweils drei Sitze frei, und jede zweite Reihe ist gänzlich unbesetzt. Das fördert die Konzentration ganz ungemein, dieser Abend fühlt sich wie etwas Kostbares an, das durch Geistesabwesenheit zu verschwenden nicht in Frage käme. Wie Koch Kleist spricht, ist allein schon eine wunderbare Erinnerung an bessere Theatertage.

          Gegen Ende des gerade einmal eine Stunde währenden Vergnügens tritt überraschenderweise Melanie Straub auf, um der Lesung eine weitere Wendung ins Theatralische zu geben. Eine Portion Pathos bei einer sonst ganz unpathetischen Veranstaltung machen die Zeilen nötig: „Versag uns nicht Italiens Himmelslüfte, / Führ uns zurück, zurück ins Vaterland!“ Die Normannen hatten nämlich Italien kürzlich unterworfen und sind dort offenbar rasch heimisch geworden. Was jeder, der hierzulande der Italien-Sehnsucht verfallen ist, nachvollziehen kann. So viel Aktualität war lange nicht im Schauspiel. Vor allem keine solch unaufgesetzte.

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