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Händels Oper „Tamerlano“ : Wo des Cowboys Peitsche knallt

Augen auf! Szene aus „Tamerlano“ im Bockenheimer Depot in Frankfurt Bild: Monika Rittershaus

Hier läuft eine Party der makabren Art: Händels Oper „Tamerlano“ in R. B. Schlathers Inszenierung im Bockenheimer Depot in Frankfurt.

          2 Min.

          Wohlig will es einem schon nicht werden, als man durch die neu angelegten Gänge im Bockenheimer Depot in Frankfurt in den mit hohen weißen Wänden hermetisch anmutenden Zuschauerraum mit Neonbeleuchtung tritt. Auf der Bühne dieses von Paul Steinberg entworfenen Bunkers steht ein großer Käfig, dessen Tür ein munter hereintänzelnder Typ mit Schnauzbart, Brille und Cowboyhut wortlos aufschließt und dann zum Auftritt herbeiwinkt: Unter Applaus schreitet geordnet das Frankfurter Opern- und Museumsorchester herein und lässt sich widerstandslos wegsperren. Der Cowboy lässt keinen Zweifel daran, dass das hier sein Spiel wird. Er ist nämlich „Tamerlano“ und damit quasi der Gastgeber dieses Opernabends, für den er mit seinem Namen bürgt.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass er in Händels Stück von 1724 eigentlich ein siegreicher Tartarenfürst in Kleinasien um das Jahr 1400 sein soll, spielt dabei keine Rolle in seiner von der Oper Frankfurt ermöglichten Party der makabren Art. Vielmehr hat der amerikanische Regisseur R. B. Schlather in Tamerlano einen Landsmann erkannt, einen ziemlich irren allerdings, wie sich bald zeigt: Der Cowboy knallt gut gelaunt mit der Peitsche in der Luft herum und spendiert später sogar Dosenfreibier für freiwillige wie unfreiwillige Gäste. Zu letzteren zählt Bajazet, im Original der von Tamerlano besiegte türkische Emir, der erst als kultivierter Anzugträger und später im orangenen Guantanamo-Overall von derlei Hafterleichterungen im Wechsel mit Demütigungen längst die Schnauze voll hat, zumal er hinnehmen soll, dass der tyrannische Spaßvogel jetzt seine Tochter Asteria heiraten will.

          Wechselspiel von Bühnenillusion und Realität

          Der damit umrissene riskant respektlose Regie-Ansatz geht am Ende auf. Denn die Figuren kommen den Zuschauern nahe, nicht nur im wörtlichen Sinne, indem sie sich im Wechselspiel von Bühnenillusion und -desillusion, Fiktion und Realität teils unter sie mischen. Vielmehr wird fühlbar, wie sehr die Personen des Stücks und wie oft alle zum Zuschauen verdammt sind. Das Lachen bleibt einem dabei am Ende im Halse stecken. Spätestens, als Tamerlano sein wahres Gesicht zeigt, sich Hut, Perücke und Bart herunterreißt und offen seine Mordlust bekennt.

          Der Countertenor Lawrence Zasso geht in der exzentrisch angelegten Rolle voll auf und legt das Wilde, Aberwitzige der Partie nicht nur in den rasenden Koloraturen mit Bravour frei. Als starker Gegenspieler stellt ihm Yves Saelens als Bajazet einen oft wutentbrannt kräftigen, aber auch kultiviert feinen Tenor entgegen – bis zur letzten Verzweiflungstat. Die ungeheure, lange Sterbeszene nach dem Gift-Selbstmord inszeniert R. B. Schlather mit Händels Mut aus, und dank Saelens gerät das so eindringlich, dass einleuchtet, dass selbst Tamerlano geschockt ist und einsieht, dass er mit allen zum Verlierer seines Spiels geworden ist. Ein „Lieto fine“ fühlt sich anders an, wie das in der Frankfurter Produktion nach und nach bis auf die puren Singstimmen reduzierte Schlussensemble noch verdeutlicht.

          Das Ganze resultiert aus der geschlossenen Leistung aller auf stimmlich wie darstellerisch höchstem Niveau: in jeder Hinsicht und technisch so perfekt wie emotional beteiligend Elizabeth Reiter als Asteria und ihr zur Seite der Countertenor Brennan Hall, der als Andronico auch in dem ihm von Tamerlano angetragenen Outfit eines Footballplayers zwecklos gegen diesen anrennt und die Ausweglosigkeit stimmlich spüren lässt, sowie Cecelia Hall, die als etwas divenhaft auftretende und vokal passend brillierende Prinzessin Irene ebenfalls nur ein Spielball ist. Koordiniert wird das alles über teils große Distanzen zu den Sängern hinweg und mit wenig direktem Blickkontakt von dem früheren Frankfurter Kapellmeister Karsten Januschke, der das auf alten Instrumenten spielende Opern- und Museumsorchester zu energiegeladenem, scharf akzentuiertem, oft tänzerischem oder geradezu perkussivem Spiel befeuert, historisch informiert und deshalb mit erlaubter Freiheit.

          Weitere Vorstellungen am 11., 14., 16., 20., 22. und 24. November

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