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Wissenschaft : Goethe-Universität bekommt Habermas-Archiv

Der Philosoph Jürgen Habermas will der Goethe-Universität sein Archiv überlassen. Bild: AP

Jürgen Habermas wird der Universität Frankfurt sein Archiv überlassen. Der Philosoph ist der Universität und der Frankfurter Schule eng verbunden.

          Jürgen Habermas wird der Universität Frankfurt sein Archiv überlassen. Das hat der Philosoph und Gesellschaftswissenschaftler in einem Schreiben an den Präsidenten der Universität, Werner Müller-Esterl, mitgeteilt. Habermas gilt als der bedeutendste lebende Philosoph deutscher Herkunft. Er ist der Universität und der „Frankfurter Schule“ eng verbunden, für deren Fortleben in der gesellschaftlichen Debatte er bis heute steht. Habermas, der 1956 bis 1959 bei Horkheimer und Adorno als Assistent am Institut für Sozialforschung gearbeitet hatte, lehrte von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1994 in Frankfurt Sozial- und Geschichtsphilosophie. Müller-Esterl sagte, die Universität habe die einmalige Chance, als Ort deutscher Kulturgeschichte und der „von Frankfurt ausgehenden Weltgeltung Wissenschaftsgeschichte zu schreiben“.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Archiv, das sich bisher in Habermas’ Wohnhaus am Starnberger See befindet, umfasst Entwürfe und Manuskripte zu den mehr als 50 Büchern des Gelehrten, außerdem seine Korrespondenz mit Wissenschaftlern. Es soll der Universität als sogenannter Vorlass übergeben werden. Müller-Esterl hat nach eigenen Worten am Rande der großen Habermas-Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek zum 80. Geburtstag des Philosophen, die das Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung an der Universität und dessen Leiter Wolfgang Schopf gestaltet hatten, Gelegenheit gehabt, mit Habermas über sein Archiv zu sprechen. Später habe er mit dem Philosophen darüber korrespondiert. Dank dessen wissenschaftlicher Schüler und Enkel, die an der Universität lehrten und unter anderem den Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Ordnungen“ leiteten, erfreue sich die Hochschule „guter Kontakte“ zu Habermas.

          Übergabe nicht vor 2010

          Schon vor einigen Wochen sei dessen Zusage eingetroffen. Da Habermas derzeit in den Vereinigten Staaten forsche, werde mit einer Übergabe nicht vor Anfang 2010 zu rechnen sein. Ein Vertrag werde noch ausgearbeitet, so Müller-Esterl; über „Kompensationen“, die gezahlt würden, werde auch verhandelt. Zudem brauche Habermas als aktiver Forscher einige Unterlagen für seine aktuellen Projekte. Müller-Esterl sagte, der Vorlass werde wissenschaftlich aufgearbeitet, „in enger Kooperation mit der Erschließung der bereits übernommenen Gelehrtennachlässe“. Schon heute befinden sich im Archivzentrum der Universitätsbibliothek die Nachlässe Horkheimers, Mitscherlichs, Pollocks und Löwenthals; das benachbarte Institut für Sozialforschung beherbergt den Adorno-Nachlass.

          Verhandlungen mit Suhrkamp-Verlag

          Die Universität verfüge dank der 2002 „vertraglich vereinbarten, außerordentlich erfolgreichen Erschließung des Peter-Suhrkamp-Archivs“ über Expertise in der Aufarbeitung wissenschaftlicher Nachlässe, so der Präsident. Der Suhrkamp Verlag will, wie berichtet, wegen seines Umzugs nach Berlin die Archive von Suhrkamp und Insel Verlag verkaufen. Die Universität, die schon Teile des Archivs der Peter-Suhrkamp-Stiftung und das Uwe-Johnson-Archiv besitzt, bemüht sich darum, Eigentümer dieser Archive zu werden. „Die Verhandlungen laufen noch“, sagte Müller-Esterl gestern dieser Zeitung.

          Habermas hatte sich in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung im Juni explizit für einen Verbleib des Suhrkamp-Archivs in Frankfurt ausgesprochen. Der Vorlass zum jetzigen Zeitpunkt könnte ein Zeichen sein, das Habermas in dieser Hinsicht setzt. „Wir wollen ganz klar sagen, dass in Frankfurt die gesamte Frankfurter Schule angesiedelt ist und Suhrkamp Herzstück dieser Geschichte ist“, hob Müller-Esterl hervor. Habermas habe auch angesichts der Ausstellung die Verbundenheit zu „seiner“ Universität und Frankfurt signalisiert.

          Großes öffentliches Interesse

          Der Präsident sieht die Universität derzeit in einer „glücklichen Lage“: 2014 solle am Campus Westend zusammen mit der neuen Universitätsbibliothek ein Archivzentrum eröffnet werden, das die Nachlässe der Forscher der Frankfurter Schule, das Schopenhauer-Archiv und weitere Archive beherbergen soll – und in dem auch Platz für das Suhrkamp- und Insel-Archiv vorgesehen ist, wie die Universität gestern mitteilte. Für die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser beiden Archive habe die Mainzer Akademie der Wissenschaften schon ihre Unterstützung zugesichert, außerdem könne die Universität als Eigentümerin dafür Drittmittel einwerben.

          In dem neuen Archivzentrum sollen die Fachleute der Uni-Bibliothek und der Universität forschen und auf einer großen Ausstellungsfläche und Publikumsveranstaltungen die Archivalien auch präsentieren. Der Erfolg der Habermas-Ausstellung und die Resonanz auf die „Hauslesungen“ des Peter-Suhrkamp-Archivs zeigen nach Ansicht Müller-Esterls, wie groß das öffentliche Interesse ist.

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