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William Forsythe im Gespräch : „Frankfurt war einmal die Tanzstadt Deutschlands“

  • Aktualisiert am

William Forsythe: „Frankfurt ist optimal” Bild: ddp

Vor 20 Jahren ist „Impressing the Czar“ in Frankfurt uraufgeführt worden: William Forsythes Stück aus den goldenen Zeiten des Balletts Frankfurt wieder im Schauspiel zu sehen. Ein Gespräch über Tanzgeschichte und Tanz in der Zukunft.

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          Vor 20 Jahren ist „Impressing the Czar“ in Frankfurt uraufgeführt worden: William Forsythes Stück aus den goldenen Zeiten des Balletts Frankfurt wieder im Schauspiel zu sehen. Ein Gespräch über Tanzgeschichte und Tanz in der Zukunft.

          Sie haben einmal gesagt: Wir können nicht anders als voranschreiten. Sonst versteinern sich die Dinge. Nun aber kommt „Impressing the Czar“ wieder nach Frankfurt, ein Stück, das vor genau 20 Jahren uraufgeführt wurde.

          Oh, es gibt einige Stücke, an denen ich 20 Jahre gearbeitet habe. Zum Beispiel „Artifact“. Das ist nicht so außergewöhnlich. „Impressing the Czar“ war uns nicht mehr möglich, weil die Tänzer der Company seit einiger Zeit eher auf einer Contemporary-Schiene waren. Es wäre nicht einfach gewesen, das wieder auf die Beine zu bringen. Das ist viel einfacher mit einer Kompanie, die mit Tänzern besetzt ist wie Kathryn Bennetts, das Koninklijk Ballet van Vlaanderen. Außerdem ist es ein Ballett, das unheimlich kompliziert zu spielen ist. Kathy hat dieses Stück jahrelang mit mir geprobt – so hatte ich keine Bedenken, dass es in die richtige Richtung geht. Kathy hat auf der ganzen Welt Stücke von mir einstudiert.

          Es steht im Programm, dass das Stück überarbeitet ist?

          Ja natürlich. Ich habe es schon überarbeitet, und vor diesem Auftritt werde ich wieder Dinge ändern und vor New York sicher wieder.

          Hat sich das Stück sehr verändert?

          Nein, das ist nur choreographische Eitelkeit! (Lacht.) Manches passt mir einfach nicht mehr.

          Es gibt demnächst „Steptext“ vom Kirov-Ballett in Wien, im Staatsballett Berlin tanzt man „The vertiginous thrill of exactitude“. . .

          . . . ja, ich lizenziere nun schon seit fast 30 Jahren Stücke in aller Welt.

          Was bedeutet dann so ein Begriff wie Werk für Sie?

          Ich habe keine innere Notwendigkeit, Stücke zu wiederholen. Heutzutage wirkt zum Beispiel „Czar“, das seinerzeit so fortschrittlich war, nicht mehr so. Das Stück wird von Kompanien in Russland und Paris und anderswo nachgefragt. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen.

          Inwiefern?

          Wegen der Annäherung an den Tanz. „Czar“ war immer populär, aber die Direktoren haben das dem Publikum nicht zugetraut. Im Allgemeinen wird das Publikum beim Ballett in seiner Aufnahmefähigkeit und Intelligenz unterschätzt. Das ist nicht so beim zeitgenössischen Tanz.

          „Impressing the Czar“ hat natürlich dieses satirische, lustige Element.

          Es ist pures Entertainment, es hat keine große Botschaft, aber große Kostüme. Damals war das Ironie. Wir dachten: „Wir machen etwas, das so aussieht, als wäre es ein abendfüllendes Handlungsballett.“

          Wie sehen Sie „Czar“ heute?

          Es war für bestimmte Künstler gemacht, vor allem Kathy Fitzgerald. Sie ist eine unglaublich intelligente Darstellerin. Es gibt so wenige Schauspieler-Tänzer. Das Stück ist so, weil ich mit Personen wie ihr gearbeitet habe.

          Das ist ja jetzt auch sehr wichtig, in der Forsythe Company: Dass genau diese Personen mitarbeiten. Vieles ist Gemeinschaftsarbeit.

          Ja, das ist so. Wir sind jetzt 18 Tänzer und eher ein Ensemble. So hätten wir es eigentlich nennen müssen: „Forsythe Ensemble“. Das wäre für die Art der Arbeit adäquater.

          Würden Sie das noch ändern?

          O nein! Es war schon schwer genug, von Ballett Frankfurt zu Forsythe Company zu wechseln, ein Branding, eine Identität zu etablieren.

          Alle trauern noch dem Ballett Frankfurt hinterher . . .

          Wir auch – aber das ist eine ganz andere Denkweise. Es war ein Stadtballett. Ich bewundere die Arbeit, die wir gemacht haben. Manchmal, wenn ich Videos sehe, denke ich: „Wow!“ Wir waren verdammt gut. Die Qualität, die wir erreicht hatten, sieht man sehr selten. Aber das liegt an der Qualität der Tänzer, die ich damals gehabt habe. Das war wirklich einmalig. Wir waren das zeitgenössische Ballett schlechthin.

          Wenn über die Lage des Tanzes in Frankfurt gesprochen wird, reden alle vom Fehlen eines festen Balletts hier.

          Unseren Vertrag können wir nicht ändern. Wir haben 25 bis 30 Vorstellungen pro Jahr in Frankfurt, es gibt nicht mehr Platz in der Disposition des Bockenheimer Depots. Um 60 Vorstellungen hier zu machen, müsste ich ein breiteres Programm anbieten, also auch mehr Tänzer haben, und das wäre eine andere Arbeit: Alles hängt voneinander ab.

          In Frankfurt scheint man sich ja einig zu sein, dass es weitergeht. Der Kulturdezernent hat angekündigt, dass er die Company weiter fördern will.

          Er selbst kann ja nicht entscheiden, was auf Landesebene passiert. Wir hoffen, dass es so wird.

          Bei der letzten Premiere saßen ja viele Politiker im Publikum . . .

          Gut!

          Ist das nicht kompliziert, wenn die Verwaltung der Company in zwei Städten ist wie in Dresden und Frankfurt?

          Wir sind bestens organisiert. Wir haben ein tolles Team dort. Die ganzen Leute im Festspielhaus Hellerau sind fit, die Stimmung ist sehr gut dort, wir haben großen Respekt. Man fühlt sich zu Hause. Und das Publikum dort ist neugierig und gebildet.

          Und das Publikum in Frankfurt?

          Die kennen uns schon. (Lacht.) Frankfurt ist optimal.

          Dieses Publikum bekommt im Moment ja nicht viel zu sehen außer Ihnen.

          Ja, aber Dieter Buroch vom Mousonturm macht doch schon viel und will noch mehr tun. Er hat zwar nur eine kleine Bühne, er ist ja hier wie ein Held.

          Was halten Sie von der Idee, mehr Gastspiele zu zeigen?

          Das ist super. Es gibt ein Publikum dafür.

          Neulich war das Nederlands Dans Theater in der Jahrhunderthalle, da waren fast 2000 Leute.

          Fabelhaft. Das soll so sein. So viel wie möglich sollte zu sehen sein. Dann bleibt das Publikum kritisch.

          Das tut auch Ihnen gut, wenn die Leute viel anschauen?

          Auf jeden Fall, es war zum Beispiel super damals, als S.O.A.P. hier war.

          Das ist ja Wasser auf die Mühlen des Tanzlabors, das derzeit mit Mitteln der Bundeskulturstiftung hier eine neue Tanzszene aufbauen will.

          Das war hier schon einmal aufgebaut, in einer langjährigen Arbeit von Mousonturm und TAT. Hier wurden große Produktionen ermöglicht von Jan Lauwers, Jan Fabre, VA Wölfel, auch der Wooster Group. Frankfurt war mal die Tanzstadt Deutschlands

          Glauben Sie, dass man das wiederherstellen kann?

          Das kostet viel Mühe. Und es ist eine Frage, ob die Talente hierbleiben. Die müssen das Gefühl haben, dass sie hier gewollt sind.

          Der Nachwuchs ist Ihnen wichtig?

          Ja, wir unterstützen das voll und ganz, unter anderem auch an der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Aber es muss Jobs geben. Wozu machen wir dann diese Ausbildungen? Wir haben mehr und mehr Studenten und immer weniger Jobs. Wir brauchen eine Landschaft. Und die muss mit der Ausbildung zusammenwirken. Ich sehe so viele talentierte Leute, die keinen Job haben. Das ist einfach unglaublich. Bei mir sitzen ständig Tänzer mit Tränen in den Augen, weil sie keine vernünftige Arbeit bekommen. Ich habe natürlich nur wenig Platz.

          Früher hieß es, mit 35 ist Schluss. Ihre Tänzer sind ja völlig entgegen dem Klischee auch älter . . .

          Ja, ich sage, mit 49 ist Schluss. (Lacht.) Das hat sich allgemein verändert: Die ganze Physiotherapie und Sportmedizin hat sich verändert. Wir wissen alle viel mehr über den Körper.

          Sie werden nächstes Jahr 60 Jahre alt. Was planen Sie in der Zukunft?

          Ich betone die Ausbildung sehr. Ich entwickle ein neues großes Internetprojekt, das mir sehr viel Freude macht. Es ist sehr aufregend – mit großen Partnern, Universitäten und Choreographen.

          Worum wird es gehen?

          Es geht um choreographische Praxis. Wir versuchen, den Tanz zu gewissen Wissensbereichen zu führen und umgekehrt.

          Das klingt nach einem Projekt, das Theorie und Praxis verbindet?

          Ja. Ich mache das erste Kapitel, danach lade ich Choreographen wie Trisha Brown oder Anne Teresa de Keersmaeker ein. Es geht um das Teilen von Wissen. Man sollte, wie auch bei anderen Wissenschaften, seine Forschung publizieren. So kann auch das Publikum lernen, Tanz effektiver zu lesen.

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