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Im Gespräch: Wilhelm Genazino : „Wer gewinnt, ich oder das Buch?“

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„Einen richtigen Ort gibt es nicht”: Wilhelm Genazino vor dem Literaturhaus Frankfurt Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Gerade ist Wilhelm Genazino 65 Jahre alt geworden. Am Freitag hat sein Theaterstück „Lieber Gott, mach mich blind“ Premiere in Frankfurt. Fragen an den Träger des Büchner-Preises.

          Gerade ist Wilhelm Genazino 65 Jahre alt geworden. Am Freitag hat sein Theaterstück „Lieber Gott, mach mich blind“ Premiere in Frankfurt. Fragen an den Träger des Büchner-Preises.

          Ihr erstes Theaterstück erlebt seine Frankfurter Erstaufführung. Was hat Sie am Schreiben für das Theater fasziniert?

          Es ist dieses unglaubliche Ergebnis, dass das Papier lebendig wird. Wenn die Aufführung gut ist, kann man eigentlich gar nicht mehr verstehen, dass das alles irgendwo nur auf dem Papier steht. Einerseits kommt alles aus dem Kopf, das ist die erste Stufe. Die zweite Stufe ist die Schreibmaschine, und die dritte Stufe ist das Theater. Diese Transformation des Textes finde ich sehr irritierend.

          Mittlerweile haben Sie mehrere Theaterstücke verfasst.

          Ich arbeite zurzeit an einem neuen und merke, dass ich der Sache nicht völlig sicher bin. Das ist dieses Kampfgefühl. Als Autor drückt man das Material immer mehr an die Wand. Man hat das Gefühl, so, jetzt hat es keine Chance mehr, jetzt hab ich das vollständig im Griff. Aber bis zu diesem Zeitpunkt ist es unentschieden. Im Grunde ist das bei jedem Text so, auch ein Roman steht bis zum zweiten Drittel auf der Kippe. Man denkt dann, wer gewinnt, ich oder das Buch oder das nichtgeschriebene Buch. Das kann auch sein, dass das nichtgeschriebene Buch am Ende übrigbleibt. Damit muss man rechnen.

          Aufgeführt wird Ihr Stück im Frankfurter Autoren Theater. Ist es an diesem Ort richtig?

          Einen richtigen Ort gibt es nicht. Der Ort wird richtig durch das, was dort geschieht. Das Frankfurter Autoren Theater ähnelt sehr den Theatern, die ich als Jugendlicher besucht habe. Das waren häufig solche merkwürdigen Zimmertheater oder Kellertheater. Das gibt mir ein gutes Gefühl. Dieses Improvisierte und nicht auf Hochglanz Herausgeputzte passt auch zum Stück.

          Sie wohnen seit langem in Frankfurt. Ist die Stadt für Sie Heimat oder Zufall?

          Schwierige Frage. Zufall ist es, weil ich Anfang der siebziger Jahre als Redakteur der Zeitschrift „Pardon“ hierherkam und seitdem, mit einer kleinen Abwesenheit in Heidelberg, durchgehend hier war. Und natürlich verwandelt man sich eine Stadt dann auch an. Aber für mich ist eigentlich gar nicht das städtische Gefüge das Ausschlaggebende, sondern ein Dutzend Menschen, die ich hier kennengelernt habe. Die stehen dann für die Stadt. Wenn ich sage, mir gefällt Frankfurt, meine ich eigentlich diese zwölf Personen. Es gibt natürlich auch städtische Momente, die mir die Stadt selber liebenswert machen.

          Welche denn?

          Zum Beispiel, dass man das Stadtgebiet von Frankfurt innerhalb von zehn Minuten durchqueren kann. Das gefällt mir, dieses Kompakte, gleichzeitig aber auch dieses große Kulturangebot. Das ist übrigens auch nicht überdimensioniert, kann also gut benutzt werden, ohne dass man dauernd das Gefühl hat, man bleibt als Unterlegener zurück. Ich war jetzt in München in der Alten Pinakothek. Wenn man anschließend noch in die Neue Pinakothek geht, ist man eigentlich erledigt. Das wäre mir dann wieder zu viel. Ich hätte sofort das Gefühl, du hast die Sache künstlich abgekürzt, um ihr überhaupt standhalten zu können. Gegen die Alte Pinakothek ist das Städel ein kleines Museum. Man schaut nicht nur einzelne Bilder an, sondern hat ein Museumsdurchgangserlebnis. Wenn das einigermaßen stimmig abgeschlossen werden kann, so dass man das Gefühl hat, so, jetzt habe ich das Museum irgendwie intus, dann ist das gut. Man hat nicht dieses Defizitgefühl wie in New York oder Wien, von Paris ganz zu schweigen, wo man immer als defizitärer Tourist herauskommt. Man kann noch so gebildet sein, man kommt doch irgendwie als kleiner ausländischer Wurm dabei heraus. Das ist nicht so furchtbar interessant.

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