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"Wiesbadener Kunstsommer" : Herrenlose Koffer: Galerien verwandeln Kurpark in Skulpturenpark

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Daß die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, ist eine gern zitierte Weisheit. Für Kürbisse aber gelten offenbar andere Regeln. Erst recht, wenn die sich nicht nur gegen Wind und Wetter und allerlei hungriges Getier, sondern als Natur buchstäblich im Rahmen der Kunst behaupten sollen.

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          Daß die dümmsten Bauern die dicksten Kartoffeln ernten, ist eine gern zitierte Weisheit. Für Kürbisse aber gelten offenbar andere Regeln. Erst recht, wenn die sich nicht nur gegen Wind und Wetter und allerlei hungriges Getier, sondern als Natur buchstäblich im Rahmen der Kunst behaupten sollen. Das mag Konflikte geben, trumpft die Natur groß auf. Neun durchbrochene Stahlkugeln unterschiedlicher Größe hat Vollrad Kutscher im Wiesbadener Kurpark auf ein Humusbett gesetzt, innerhalb deren als eine Art "work in progress" die Kürbisse bis zum Herbst wachsen und reifen sollen. Doch nicht nur die Arbeit des vom Happening und der Aktionskunst kommenden Frankfurter Künstlers wird sich im Rahmen des "Wiesbadener Kunstsommers" immer wieder in einem neuen Licht zeigen.

          Denn so, wie sich der Park im jahreszeitlichen Rhythmus darstellt, geradeso werden sich die Arbeiten der acht Künstler in je neuem Licht präsentieren. Zum dritten Mal seit dem Jahr 2000 hat die Stadt nun den Kultursommer ausgerufen, und die Idee, den Kurpark in diesem Jahr mit der Interessengemeinschaft der Wiesbadener Galerien in einen Skulpturenpark zu verwandeln, hat Charme; um so mehr, als eine ganze Reihe der von den acht beteiligten Galerien ausgewählten Künstler ihre Werke gezielt für diese Präsentation in der Natur geschaffen haben. Vom 2. Mai an bis weit in den Oktober hinein kann man auf Spaziergängen die Arbeiten der beteiligten Künstler in Augenschein nehmen. Flankiert wird die Ausstellung von Mitte Juli an von einer mit der Volkshochschule veranstalteten Sommerakademie sowie einem Symposion zum Thema "Skulptur Zeit" zum Abschluß des "Kunstsommers".

          Bis dahin mag man schauen, was die Kürbisse so machen, ob Werner Pokornys stählerne, in prekärer Lage sich behauptenden kommunizierenden Häuser noch stehen, oder ob Auke de Vries' bunte, zwischen den Bäumen scheinbar federleicht schwebende "Bilabo" sich unbemerkt davongemacht hat. Immer wieder ermöglicht der Rundgang neue Wahrnehmungen, öffnen sich überraschende Blickachsen auf die mit Bedacht und Fingerspitzengefühl plazierten Skulpturen. Ein-, Aus- und Durchblicke ermöglichen stets auch die mit der Kettensäge aus geschwärztem Eichenholz gefertigten Arbeiten Armin Göhringers. Hier aber, im Skulpturenpark, sind die Schnitte sparsam gesetzt, und die unmittelbare Nachbarschaft einer mächtigen Eiche scheint die naturhafte, erdverbundene Wirkung noch zu unterstreichen.

          Gleich hinter dem Kurhaus hat der von Ulrike Buschlinger vertretene Andreas von Weizsäcker seine gußeisernen Taschen und Koffer abgestellt. Schwer sind diese Koffer, randvoll mit Erinnerung vielleicht, wie so oft in Weizsäckers Kunst, abgewetzt und schäbig, daß man mutmaßen möchte, der Besitzer habe seinen kostbarsten, notwendigsten oder schlicht einzigen Besitz immer bei sich getragen, bis ihn eines Tages die Kräfte verlassen haben. Auch Eva Ohlows aufgeschlagene stählerne Bücher kommen gewichtig daher, verweisen doch die geometrischen, sich auf Pythagoras, Archimedes und Euklid beziehenden Zeichensysteme der aufgeschlagenen Seiten auf grundlegende Fragestellungen der Philosophie.

          Thomas Reifferscheids "Throne" thematisieren hingegen das sanfte und spielerische Unterlaufen der Geometrie. Ganz auf das Material konzentriert, auf Oberflächen, Kantenverläufe und Flächenspannung, arbeitet er aus dem harten Stein seinen Kuben heraus. Nimmt man die stumme Aufforderung an, sich niederzulassen am Rande des Weihers, leuchtet von weitem schon Guenter A. Werners bis an den Rand mit sonnengelber Farbe gefülltes Ruderboot. Daß der von der Galerie Hafemann vertretene Künstler von der Malerei kommt, überrascht nicht. Hier aber, inmitten der Natur, erscheint das sanft schaukelnde Boot beinahe als im Raum sich materialisierender Impressionismus.

          CHRISTOPH SCHÜTTE Ein Informationsheft mit Lageplan liegt aus. Führungen finden jeden Sonntag um 12 Uhr statt. Der in den beteiligten Galerien erhältliche Katalog kostet zehn Euro. Weitere Informationen im Internet unter www.wiesbadener-kunstsommer.de

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