https://www.faz.net/-gzg-9radi

Frankfurt und Offenbach : Der gute Geist steckt im Detail

Verborgene Infrastruktur: Ein Gang im Hochbehälter Boehlepark in Frankfurt von 1901 steht für den gestalterischen Aufwand. Bild: Matthias Matzak

„Willkommenshaltung für die Zukunft“: Ein neues Buch erklärt in groben, anschaulichen Zügen, unter welchen Bedingungen Frankfurt und Offenbach zu Industriestädten wurden und ist mehr als eine historische Abhandlung.

          2 Min.

          „Früher war alles schlechter“, heißt eine kleine, hübsche Rubrik im Magazin „Spiegel“, in der jede Woche an einem Beispiel gezeigt wird, dass sich die Welt entgegen landläufiger Meinung nicht auf dem absteigenden Ast befindet. So viel ist allerdings sicher, die Entwicklung der Industriearchitektur wird in der Artikelserie niemals auftauchen, denn auf diesem Gebiet ist der Befund eindeutig: Noch nie war die Baukultur für Unternehmen aller Art auf einem derart deprimierenden Niveau wie derzeit.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das gilt für Produktionsstätten genauso wie für Bauten der Energiegewinnung, des Handels und der Verkehrsinfrastruktur. Die Bauherren verzichten in den meisten Fällen auf jeden Gestaltungsanspruch, stattdessen unterwerfen sie sich dem Diktat von Sparsamkeit und Pragmatismus. Man betrachte nur einmal das Frischezentrum am Bad Homburger Kreuz und die zahlreichen Rechenzentren, die derzeit in Frankfurt und Umgebung errichtet werden. Dass man gerade mit größeren Bauten eine ästhetische Verantwortung für den öffentlichen Raum trägt, wird verdrängt.

          Wichtige Beispielgebäude

          Wie beeindruckend stehen im Vergleich dazu viele Bauten aus der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts da. Daran erinnert ein neues Buch, das sich der Industriekultur in Frankfurt und Offenbach widmet. Der Architekt DW Dreysse, der Stadt- und Regionalplaner Peter Lieser und der Fotograf Matthias Matzak haben es gemeinsam konzipiert.

          In acht Abschnitten werden die Entstehungsbedingungen der Industriestadt Frankfurt-Offenbach bis zum heutigen Tag geschildert. Und es werden wichtige Beispielgebäude vorgestellt, darunter bekannte wie etwa die Technische Hauptverwaltung der Farbwerke Hoechst von Peter Behrens und die Festhalle von Friedrich von Thiersch, aber auch unbekanntere wie die Grundwasserfassungsanlage des Wasserwerks Hinkelstein, geplant vom Tiefbauamt.

          Die Hellerhofsiedlung im Gallusviertel entstand in zwei Phasen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in den zwanziger Jahren.

          Wie überhaupt der Aufwand beeindruckt, mit dem auch das Innere von Anlage gestaltet wurde, die für die Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Er wurde eben nicht nur für die Schaufront von Fabriken wie den Adlerwerken im Gallus betrieben. Indem Matzak und der mit einem guten Dutzend Bildern vertretene Nikolaus Thomas oft Ausschnitte der Gebäude wählen, stärken sie den Blick für die Details – konstruktive genauso wie dekorative.

          Mut zu großen Entwicklungslinien

          Es wäre interessant, den sozialpsychologischen Mechanismen nachzuspüren, die hinter der heutigen Geringschätzung von äußerer und innerer Form in der Arbeitswelt – abgesehen von den immer aufwendigeren Bürolandschaften – stecken. Diese Frage steht jedoch nicht im Mittelpunkt des Buches, das sich vielmehr als reich bebilderte Industriegeschichte der Doppelstadt Frankfurt-Offenbach versteht.

          Die alte Turbinenhalle des Heizkraftwerks West erhielt in den siebziger Jahren einen neuen Leitstand.

          Wer gediegene historische Abhandlungen gewohnt ist, wird womöglich enttäuscht sein. Die Texte sind in Interviewform gehalten, Dreysse antwortet auf die gemeinsam entwickelten Fragen und zwar in einem ungeschliffenen Duktus. Doch man liest sich schnell ein. Dreysse, der an der Entwicklung der Route der Industriekultur beteiligt war, hat den Mut, die ganz großen Entwicklungslinien zu ziehen und Gebäudetypologien herauszuarbeiten, der Historikern oft fehlt.

          Spezialisten werden viel zu kritisieren haben, dafür ist der Laie dankbar für die roten Fäden, die Dreysse zu spinnen weiß, etwa wenn er als Bedingung für den Aufschwung des Flughafens „eine typische Frankfurter Eigenschaft“ nennt – „eine Willkommenshaltung für die Zukunft“.

          Weitere Themen

          Gut fürs Binnenklima

          Eintracht-Spieler Chandler : Gut fürs Binnenklima

          Die Flankenkönige der Fußball-Bundesliga spielen für Eintracht Frankfurt. Präzise, langgezogene Flanken zu schlagen, gehört auch zum Rüstzeug von Timothy Chandler. Allerdings sitzt er derzeit meist auf der Bank.

          Topmeldungen

          Laut einem Zeitungsbericht vertagt Volkswagen die Entscheidung über ein Werk in der Türkei.

          Bericht: : VW vertagt Entscheidung über Werk in der Türkei

          Ursprünglich hatte VW der Türkei einen Vertragsabschluss über das Werk für Oktober in Aussicht gestellt. Aufgrund der Invasion türkischer Truppen im Norden Syriens könnte der Deal möglicherweise platzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.