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Schauspiel Frankfurt : Kinder, Garten, Theorie

Ganz in Gold: Katharina Bach personifiziert das Geld in „Jedermann (stirbt)“. Bild: Arno Declair

Es gibt ein Leben abseits der Bühne: Wie Ensemblemitglieder des Frankfurter Schauspiels mit ihren unfreiwilligen Corona-Ferien zurechtkommen.

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          Ohne Bühne leben: Auch das geht. Weil es derzeit gehen muss. Christoph Pütthoff, Matthias Redlhammer und Katharina Bach, vom Shutdown des Frankfurter Schauspiels betroffene Ensemblemitglieder, jammern jedenfalls nicht über ein unausgefülltes Leben. „Pütti“, wie ihn Freunde und Fans nennen, genießt die freie Zeit mit seiner Familie, Redlhammer weiß die Muße des romantischen Taugenichts zu schätzen, und die junge Kollegin vertreibt sich die Zeit mit theatertheoretischen Video-Konferenzen.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alle drei beteiligen sich an der „Lyrischen Hausapotheke“, täglichen Lesungen auf der Website des Sprechtheaters. Katharina Bach, Kind des hiesigen Schauspiel-Studios, steht unmittelbar vor dem Karrieresprung an die Münchner Kammerspiele: „Dass ich mich jetzt nicht mit einem Nick-Cave-Abend verabschieden kann, ist unglaublich bitter.“

          Das ist die einzige Klage, die ihr über die Lippen kommt. Verständlich nach acht erfolgreichen Jahren am Frankfurter Schauspiel. Schon in der „Box“ war sie als ungewöhnliche Nachwuchsbegabung aufgefallen. Dann arbeitete sie sich durch die hiesigen Kammerspiele ins große Schauspielhaus vor, wo sie zuletzt als „Geld“ und „Charity“ in „Jedermann (stirbt)“ gefeierte Auftritte hatte.

          Sie lässt sich nicht unterkriegen von einem Virus namens Corona. „Man ist ein Hoffnungsmensch, und ich bin auch ein Phasenmensch“, sagt sie, „angepasst an sechs- bis achtwöchige Probenzeiten.“ Die bezahlte Arbeitslosigkeit empfinde sie auch als solch eine Phase. Mit der Kollegin Lisa Stiegler am Münchner Residenztheater und der früheren Reese-Dramaturgin Claudia Lowin hält sie seit vier Wochen sonntägliche Video-Konferenzen ab.

          Wächter im antiken Gewand: Christoph Pütthoff in Jan-Christoph Gockels Fassung der „Orestie“ von Aischylos.

          Gesprochen wird unter anderem über „das ideale Theater“. Dazu schreibe Claudia Lowin gerade ein Pamphlet. „Was ist Theater, was will Theater, wie mittelalterlich sind noch immer die Strukturen“, zählt Bach die Themen auf. Für sie ist der Beruf der Schauspielerin intellektuell aufgeladen. Gerade hat sie mit Begeisterung Essays von Siri Hustvedt gelesen und macht sich Gedanken über ihre „doppelte Realität, die gespielte und die echte“. Dann kommt sie auf einen Internet-Zugang des Leipziger Schauspiels zu sprechen. Dort könnten sich via Zoom 40 bis 50 Zuschauer in eine Inszenierung einwählen und anschließend darüber diskutieren. Ein neues Theaterformat? Jedenfalls überlegt sie mit ihren beiden Kolleginnen, ebenfalls Gäste zu ihrer Video-Konferenz einzuladen.

          Und doch: „Mir fehlen die Körper.“ Auch die Korrespondenz mit den Gesichtern der Menschen auf der Straße, die jetzt Maske tragen müssen. Darüber habe sie gerade mit einem Buchhändler geplaudert. „Stücke lese ich gar nicht gern, ich brauche die Leute auf der Bühne“, gesteht sie. Braucht sie die Bühne auch als Ventil? „Total“, bricht es aus ihr heraus. „Die Bühne reißt mich aus meiner eigenen Lebensinfragestellung. Ich brauche den emotionalen Rausch, um aus meiner Persönlichkeit rauszugehen, meine ganzen Ichs rauszulassen, das hat eine unglaubliche Reinigungskraft.“ Und geht sogleich über zum nächsten Thema: die Geflüchteten im Lager Moria auf Lesbos, um die sie sich sorgt. „An einer Demo des Projekts Shelter durfte ich nicht teilnehmen, weil ich keinen Mundschutz hatte.“ Dabei muss sie jetzt dauernd niesen, weil sie allergisch auf Pollen reagiert.

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