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Kunst in Corona-Krise : Datensumpf und Influencer-Strand

Tut so, als könne er mittels Ohren- und Schwanzbewegungen kommunizieren: Der Unterhaltungsroboter AIBO war zwischen 2006 und 2012 im Handel. Bild: Sven Moschitz

Die aktuelle Ausstellung im Museum für Kommunikation findet vorerst nur im Netz statt. Das ist auch für den Direktor des Hauses eine neue Erfahrung – auch wenn sich die Schau ohnehin digitalen Themen widmet.

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          Es ist eine Eröffnungsansprache der etwas besonderen Art. Helmut Gold, Leiter des Frankfurter Museums für Kommunikation, richtet sich per Video an die Internetgemeinde: In seinen vielen Jahren als Direktor des Hauses habe er zwar erlebt, dass Ausstellungen eröffnet wurden, die noch nicht ganz fertig waren, aber noch nie, dass eine Schau fertig war und nicht eröffnet werden konnte. Zumindest nicht in der realen Welt. Aber mittlerweile gibt es ja auch eine digitale, und viele Zeitgenossen haben sich längst daran gewöhnt, dort Inhalte geboten zu bekommen und abrufen zu können. Das ist nun der Fall bei einer Schau, die sich ohnehin mit dem Thema beschäftigt, wie die digitalen Medien unser Selbstverständnis und unser Verhältnis zu anderen Menschen geändert haben.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie es sich gehört, ist der Titel mit einem Hashtag versehen: „#neuland: Ich, wir & die Digitalisierung“ stellt auf die von der Museumsstifung und der auch dieses Mal wieder beteiligten Nemetschek-Stifung bekannten Art und Weise zahlreiche Aspekte der schönen neuen Computerwelt vor. Wie üblich werden dabei mehr Fragen gestellt, als eindeutige Antworten geliefert. Jede und jeder ist zum Selbstdenken aufgefordert. Und das ist durchaus auch möglich, wenn man nur die nunmehr digital vorhandenen Angebote nutzt.

          Gegen das Diktat eines Lebens in vollkommener Schönheit

          Seit gestern Abend sind sie im Netz zugänglich. Neben der Einführung in die Schau findet sich dort ein „Expotizer“, der mit den wesentlichen Inhalten der Ausstellung vertraut macht und auch Gelegenheiten bietet, sich interaktiv zu beteiligen. Über die Webseite des Museums (www.mfk-frankfurt.de) führt gegenwärtig der einzige Eingang zu dieser Sonderausstellung, in der eine Landkarte entworfen wird, die den Kommunikationsfluss ebenso verzeichnet wie den Datensumpf. Der Strand der Influencer und der Big Data Jungle, der Hate Speech Vulkan und die Coast of Coding sind Teile einer virtuellen Geographie in einem Kontinent, den die Kanzlerin zu einem Zeitpunkt als „Neuland“ bezeichnet hat, als die Digital Natives es längst okkupiert hatten. Wer nicht weiß, was all diese Begriffe wirklich bedeuten, findet sie in einem „Glossar“ erklärt.

          Ein wichtiger Punkt der Präsentation betrifft vor allem Angehörige jener Generation, die sich vorrangig auf Instagram tummelt. Es geht um Selbstdarstellung, um die Optimierung des eigenen Körpers oder zumindest die Verbreitung einer Wunschvorstellung von der eigenen physischen Beschaffenheit. Hier fragt die Schau, ob es noch das Recht auf ein falsches Leben gibt, also auf eines, das sich nicht auf die leibliche Vervollkommnung und die allgemeinen ästhetischen Ideale wie eine extrem schlanke Figur oder unglaublich volle Lippen bezieht. Wer sich nicht danach richtet, wäre heute wohl ein Rebell. Gegen das Diktat eines Lebens in vollkommener Schönheit, das tatsächlich aber in den allermeisten Fällen bloß digital geschönt ist.

          Neben dem Ego in Zeiten der elektronischen Ich-Ideale und dem Unterschied zwischen Identität und Profil spielt die Kommunikation mit anderen eine entscheidende Rolle in der Schau: Die Möglichkeiten der Verständigung sind immens gewachsen, aber auch die Gefahren, die Cyber-Mobbing und Hasstiraden in einem schier endlosen Hallraum namens Internet bedeuten. Und dass das Netz Beziehungen fördert, die es sonst nicht gegeben hätte, Menschen hilft, ihre Einsamkeit zu überwinden, Liebe und Freundschaft für manche wahr werden lässt, die nicht mehr daran zu glauben wagten: Auch das gehört zur digitalen Wirklichkeit. Die auch in der gegenwärtigen Lage vielen hilft, aus ihrer Isolation zumindest ein wenig herauszukommen.

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