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: Wie das Gehirn sein eigenes Bewußtsein erträgt:

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"Steuere dich selbst, und du steuerst das System." Mit dieser "moralischen Botschaft" überraschte Dirk Baecker seine Zuhörer im Glashaus des Frankfurter Schauspiels. Dort hatte der Soziologe und Systemtheoretiker ...

          "Steuere dich selbst, und du steuerst das System." Mit dieser "moralischen Botschaft" überraschte Dirk Baecker seine Zuhörer im Glashaus des Frankfurter Schauspiels. Dort hatte der Soziologe und Systemtheoretiker von der Universität Witten/Herdecke im Auftrag der "Frankfurter Positionen" über die Selbststeuerung zentraler, aber differenter Systeme gesprochen und sich mit saloppem Gestus von abendländischen Denktraditionen verabschiedet. "Das Ganze ist weniger als die Summe seiner Teile", behauptete er zum Auftakt, denn: "Die Steuerung eines Systems geht von den Teilen aus, nicht vom Ganzen." Letzterem komme keine eigene Realität zu.

          Baecker legte seinen Ausführungen den Begriff der "Ökologie als Ordnungsfigur" zugrunde, die er als "Wissenschaft von Öko-Komplexen" definierte. "Es gibt kein Öko- oder Supersystem, sondern nur Nachbarschaft", führte er aus und illustrierte seine These mit den türkischen Läden auf der Münchner Straße, die ihm offenbar auf dem Weg vom Hauptbahnhof den Bezug verschiedener Organismen auf einen gemeinsamen Zusammenhang (die erfolgreiche Verkaufsmeile) plausibel gemacht hatten: "Eine gemeinsame Instanz gibt es hier nicht, das wäre ein aristotelischer Irrtum."

          Auf solche "Systemreferenzen" bezog sich Baecker denn auch, als er auf die Krise zu sprechen kam, in der sich die Gesellschaft derzeit wiedererkenne. "Sämtliche Systeme, ob Wirtschaft, Kunst oder Recht, scheinen zu versagen, aber erstaunlich viel funktioniert noch." Also, folgerte Baecker, haben wir es mit einer funktionierenden Gesellschaft zu tun, die zugleich versagt. In dieser Paradoxie sehe der systemtheoretische Soziologe seine eigentliche Erkenntnisaufgabe, denn: "Nur beide Aussagen zusammen stimmen." Wie aber funktionieren unsere versagenden Systeme?

          Baecker stellte fest, daß das Gejammer vor allem den Enttäuschten und Kritikern des jeweiligen Systems in die Tasche arbeite. Die eigenen Positionen würden immer wieder von anderen reproduziert. Denn: "Man lernt über einen Beobachter, wenn man ihm lauscht." Auf diese Weise würden soziale Systeme wie Kunst, Bildungswesen und Politik selbst zu Beobachtern. "Unsere moderne Gesellschaft ist ein Miteinander sich beobachtender Systeme", bilanzierte der Referent. Versagen entstehe durch Beobachten des Versagens. "Solange wir über die Krise in der Gesellschaft reden, reproduziert sie sich." Nach seinem nonchalanten Auftritt gönnte Baecker seinem Publikum zuletzt doch noch einen Einblick in die "strenge Systemtheorie". Alle Systeme, die wir beobachten könnten, seien komplex, überforderten also den Beobachter und steigerten allenfalls sein Nichtwissen. Komplexe Systeme seien nicht verstehbar, aber kontrollierbar. Allerdings nicht durch Ausübung von Herrschaft, sondern durch Beobachtung der eigenen Erwartungen und dem Abgleichen derselben mit dem jeweiligen System.

          Mehrere "Systemhebel" nannte der Referent für die Beobachtung: das Gehirn, das Bewußtsein, welches er ausdrücklich vom Gehirn unterschied, die Gesellschaft, das Leben als Gesamtheit reproduktiver Organismen und den "physikalischen Bereich". Diese Systemtypen seien nicht miteinander koordiniert. "Es gibt kein Supersystem über ihnen". Daher führe es auch nicht weiter zu fragen: Was garantiert die Ordnung dieser Systeme untereinander? Oder: Wie erträgt das Gehirn sein eigenes Bewußtsein? Baecker plädierte für "Einsicht in die eigene Rolle: das eigene Nichtwissen vorauszusetzen und fruchtbar zu machen. CLAUDIA SCHÜLKE

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