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Erinnerungen an Clara Schumann : Alleinstehend, berufstätig, kinderreich

  • -Aktualisiert am

Mit Witwenschleier: Clara Schumann 1888. Bild: Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg Frankfurt

2019 ist ein Clara-Schumann-Jahr. Das Jubiläum geht auch an Frankfurt nicht spurlos vorüber. Schließlich prägte die Pianistin und Pädagogin das Musikleben hier 18 Jahre lang.

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          Vielleicht hat sie vom säulengeschmückten Balkon ihres Hauses im Westend manchmal nach einem Besuch dem alten Freund Johannes Brahms nachgeschaut. Oder dem berühmten Geiger Joseph Joachim, der großen Sängerin Pauline Viardot, dem Bariton Julius Stockhausen. Vor dem Beginn eines abendlichen Hauskonzerts wartete sie gewiss hinter einem der hohen Fenster im Erdgeschoss auf Gäste wie Moritz Oppenheim oder Mathilde von Rothschild. Tagsüber durchmaßen junge Pianistinnen und Pianisten in nicht abreißender Folge auf dem Weg zum Unterricht die von ihnen „Tränen- und Seufzerallee“ genannte Myliusstraße. An die Zeit, als das Gebäude Nummer 32 von Musik durchdrungen war, erinnert noch heute eine Gedenktafel an der Fassade: „Clara Schumann / 1819 – 1896 / Pianistin und Komponistin / lebte von 1878 bis zu ihrem Tode in diesem Haus.“ Knapp zwei Jahrzehnte lang hat die vor 200 Jahren in Leipzig geborene Künstlerin das Frankfurter Musikleben geprägt.

          Stellenangebote aus Stuttgart, Dresden, Hannover und ja, auch aus Berlin, hatte die damals 57 Jahre alte Musikerin abgelehnt. Aber ein Wechsel nach Frankfurt – das war eine Überlegung wert. Ihre am 24. Februar 1878 im Tagebuch festgehaltenen Gründe, in die Messestadt am Main zu wechseln, klingen verblüffend aktuell: „Die Stadt nicht zu groß, alles viel leichter zu erreichen als von Berlin, die nächste Umgebung schön, der Wald eine halbe Stunde per Eisenbahn, kurz viele Annehmlichkeiten!“ Wenig später war die Sache klar: Clara Schumann ging als „Erste Klavierlehrerin“ ans neugegründete Hoch’sche Konservatorium, das seinen Sitz im Bernus-Bau des heutigen Historischen Museums am Mainufer hatte.

          Stundenlanger Klavierunterricht

          Zu den „Annehmlichkeiten“ zählte auch, dass der neue Arbeitgeber der berühmten Pianistin und Witwe Robert Schumanns in jeder Hinsicht entgegenkam. So konnte sie Johannes Brahms bereits im März 1878 mitteilen, „dass das Comité unbedingt auf alles eingeh, was ich wünsche“. Und das war nicht wenig: „Ich verpflichtete mich zu 1 ½ Stunde täglich, verlangte 4 Monate Urlaub, die Freiheit, im Winter kürzere Reisen zu machen, ohne Urlaub zu nehmen, natürlich unbeschadet der [selbst gewählten] Schüler, die Stunden in meinem Haus [an der Myliusstraße], Gehalt 2000 Tl.“ Selbst ihr Wunsch nach einer „Unterlehrerin“ fand Gehör; ihre Erstgeborene, Marie, und auch die zwölf Jahre jüngere Tochter Eugenie wurden als Assistentinnen angestellt.

          Keine Frage: Clara Schumann war 1878 in Frankfurt eine bekannte und begehrte Größe. Schon 1832 hatte sie, die jugendliche Virtuosin aus Sachsen, hier zwei Konzerte gegeben. Als sie im November 1854 das nächste Mal in Frankfurt gastierte, lagen zwei markante Ereignisse unmittelbar hinter ihr: die Aufnahme ihres Mannes in die Nervenheilanstalt Endenich und die Geburt ihres achten und letzten Kindes. Ihr Leben als reisende Künstlerin, das sie sogleich wieder aufnahm, führte sie bis zu ihrer Übersiedlung nach Frankfurt nicht weniger als 22 Mal an den Main.

          Doch Clara Schumann war nicht nur eine bedingungslos werktreue und von Zeitgenossen für ihr facettenreiches, farbiges Spiel hoch gelobte Pianistin, sondern auch eine Klavierpädagogin, die eine zukunftsweisende Schule begründete. Allein in Frankfurt durchliefen sie 68 Schüler. Die Autorin Claudia de Vries nennt „Ökonomie der Bewegung, Weichheit und Flexibilität des Klangs“ als Grundsätze. Zu Clara Schumanns bis 1856 entstandenem kompositorischen OEuvre gehören 23 mit und etwa genauso viele Werke ohne Opuszahl – Präludien und Fugen, Romanzen, Variationen sowie ein Marsch für Klavier, außerdem ein Klavierkonzert, ein Klaviertrio, Chorwerke und zahlreiche Lieder.

          Ihr Leben und Wirken

          Dass sie nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr komponiert hat, begründet der Vorsitzende der Frankfurter Robert-Schumann-Gesellschaft, Hans-Jürgen Hellwig, mit ihrem „feinen Gespür für ihre Stärken“. Und das habe sie als „Sachwalterin der Werke Robert Schumanns“ – am Klavier und seit 1881 gemeinsam mit Johannes Brahms als Herausgeberin seiner Kompositionen – durchaus bewiesen. Alleinstehend, berufstätig, kinderreich: In der Art und Weise, wie diese „spektakuläre Persönlichkeit“ die Vielzahl ihrer Aufgaben gemeistert habe, sagt Hellwig, sei sie durchaus modern zu nennen. Der Direktor des Hoch’schen Konservatoriums Joachim Raff, der Clara Schumann 1878 nach Frankfurt holte, nannte sie „eine Ausnahme“ und kam zu einem seiner Zeit verpflichteten Schluss: „Mme Schumann selbst kann ich eben wohl als Mann rechnen.“

          „Eine moderne Frau im Frankfurt des 19. Jahrhunderts“ lautet folgerichtig der Titel einer Ausstellung, die von Mitte April an im Institut für Stadtgeschichte an Clara Schumann erinnern wird. Im Mittelpunkt der Schau steht, wie Kuratorin Ulrike Kienzle ankündigt, das Leben und Wirken Clara Schumanns im Wechselspiel mit der Entwicklung der Stadt am Beispiel ihrer kulturellen Institutionen. Zum umfangreichen Rahmenprogramm gehören Vorträge, Konzerte, Führungen, Veranstaltungen für Kinder – und eine Lesung in den Räumen des in Privatbesitz befindlichen, sonst nicht öffentlich zugänglichen Hauses Myliusstraße 32.

          Frankfurt hat eine Robert-Schumann-Gesellschaft, durchs Westend führt eine Robert-Schumann-Straße. In Heddernheim trägt eine Schule seinen Namen. Und das, obwohl der Komponist im Laufe seines Lebens nur zweimal nach Frankfurt gekommen ist. Eine Clara-Schumann-Straße hat Frankfurt nicht, am Rand der Stadt, auf dem Riedberg, allerdings einen 60 Meter langen und drei Meter breiten Clara-Schumann-Weg. Auf ihm können, auch wenn die Beschilderung noch fehlt, Fußgänger von der Hannah-Arendt-Straße zur Straße Skylineblick gelangen.

          Identitätsstiftende Musik

          Dass nun auch eine 2017 im Gallus eröffnete Grundschule ihren Namen nicht erhalten soll (F.A.Z. vom 1. Februar), ist kaum zu verstehen – gleichgültig, ob die Schule einen musikalischen Schwerpunkt hat oder die Namensgeberin jemals durchs Gallus gekommen ist. Der Magistrat sollte sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen, ob nicht gerade die von der Schulkonferenz für die Ablehnung angeführte „Vielfalt an Nationalitäten“ ein Grund ist, um mit einem weiblichen Vorbild und einer universellen kulturellen Sprache, wie sie die Musik darstellt, Identität zu stiften.

          Pianistin und Pädagogin: Clara Schumann, geborene Wieck.

          Im Haus in der Myliusstraße starb am 16. Februar 1879 als schon drittes Schumann-Kind der Jüngste, Felix. Der literarisch und musikalisch hochbegabte Sohn liegt auf dem Hauptfriedhof begraben, in einem mit Marmorbruchsteinen eingefassten Ehrengrab der Stadt. Wenige Monate vor seiner Bestattung hatte Clara Schumann in Frankfurt ihr 50-Jahre-Bühnenjubiläum gefeiert. Der 60. Jahrestag konnte 1888 im gerade eröffneten (1943 zerstörten) Neubau des Konservatoriums an der Eschersheimer Landstraße 4 begangen werden.

          „Das Fest“, notierte die Künstlerin anschließend, „giebt mir ein Heimatgefühl hier, wie ich es bis jetzt noch nicht so wohltuend empfunden habe“. Am 12. März 1891 gab sie ihr letztes Konzert in Frankfurt, am 20. Mai 1896 starb sie hier. Das Heimatgefühl aber suchte sich zum Schluss eigene Wege: Bestattet wurde sie auf ihren Wunsch hin an der Seite ihres Mannes in Bonn.

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