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: Wer nicht verlieren kann, soll nicht würfeln: Frankfurter Positionen 2003 eröffnet

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Einstein war sich noch sicher: "Gott würfelt nicht." Der Mensch aber, dieses unvollkommene Wesen, reagiert doch manchmal seltsam. Sind es nicht die Hormone, die der Vernunft einen Streich spielen, mag ...

          Einstein war sich noch sicher: "Gott würfelt nicht." Der Mensch aber, dieses unvollkommene Wesen, reagiert doch manchmal seltsam. Sind es nicht die Hormone, die der Vernunft einen Streich spielen, mag es der Zufall, ein unerklärlicher, im Programm nicht vorgesehener Fehler sein, der alles über den Haufen wirft. Mehr denn je ist, so scheint es, in einer zunehmend komplexeren Welt die Planbarkeit des persönlichen individuellen Lebens wie die Vorhersehbarkeit und Steuerung gesellschaftlicher Entwicklung prekär geworden. Gegen alles mögliche haben wir uns versichert, da glaubt keiner mehr an die Rente, ist das Aktienvermögen futsch. Vom Ende der Utopien war in den vergangenen Jahren viel zu lesen, von der Begrenztheit der großen Entwürfe, und während die Technik noch unbegrenzte Möglichkeiten preist, ist doch der Zufall, das Scheitern längst da. Und hier wartet die Kunst.

          Die "Frankfurter Positionen 2003", die gestern eröffnet wurden, befragen nun unter dem Titel "Warum nicht würfeln?" die Künste nach den Gestaltungsmöglichkeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Eine bemerkenswerte Initiative der BHF-Bank-Stiftung, die sich auf die enge Zusammenarbeit mit Frankfurter Institutionen wie dem Schauspiel, dem Portikus und dem Museum für Moderne Kunst, mit dem Ensemble Modern, dem Verlag der Autoren, den Verlagen Campus, S. Fischer, Rowohlt und Suhrkamp sowie der Kulturwelle des Hessischen Rundfunks stützt. Ein Experimentierfeld der Künste will das nach 2001 zum zweiten Mal stattfindende interdisziplinäre Kulturprojekt sein, und entsprechend hat die Stiftung Werkaufträge in verschiedenen Sparten vergeben.

          Kunst und Kultur, so Frank Schirrmacher, Mitherausgeber dieser Zeitung, in seinem Eröffnungsvortrag, komme die Rolle eines Dolmetschers zu. Denn die Gesellschaft befinde sich durch die technologische Entwicklung in dramatischer Veränderung. Und was in der Außenwelt vor sich gehe, schlage sich in der Innenwelt der Menschen nieder. "Was da passiert, dafür sind die Künstler da." Anschaulich machte Schirrmacher seine These mit dem Verweis auf die Zeit um 1900. Auch hier seien es die Künstler gewesen, welche die großen Veränderungen zuerst gespürt und darauf reagiert hätten. Daß es dabei weniger um Handlungsanweisungen als etwa um die Formulierung von Befindlichkeiten, von Unbehagen, um Diagnose gehen könnte, dafür mag das Zitat Gottfried Benns stehen, das auch nach 100 Jahren noch erstaunlich aktuell wirkt: "Wirklichkeit, wenn ich das Wort nur höre." Was sie erlebten, sei nicht weniger als "die Zertrümmerung der Welt, wie wir sie kannten".

          Also doch lieber gleich würfeln? "In der Kunst", so Städelschulrektor Daniel Birnbaum, werde das seit langem versucht, Künstler öffneten sich seit je dem Zufall. Und nur wer nicht bereit sei zu verlieren, solle nicht würfeln. Jeder Gedanke, so Birnbaum mit Blick auf Mallarme, wage einen Würfelwurf. Und bei den Frankfurter Positionen, möchte man hinzufügen, kann man dabei zusehen. Gezeigt werden in dieser Woche neue Theaterstücke - teils als szenische Lesung im MMK oder- wie Dea Lohers "Unschuld" - als Uraufführung des Hamburger Thalia Theaters im Bockenheimer Depot. Die Auftragskompositionen der Komponisten Rolf Riehm, Isabel Mundry und Brice Pauset sowie von Fabien Levy und Manfred Stahnke werden vom Ensemble Modern im Depot uraufgeführt.

          Eröffnet aber wurden die "Frankfurter Positionen 2003" in der Städelschule, was den experimentellen wie den interdisziplinären Charakter des Projekts unterstreicht. Bis zum 9. November zeigt hier der Portikus die Auftragsarbeiten aus der Bildenden Kunst. Der Documenta-Teilnehmer John Bock, der Frankfurter Künstler Udo Koch und die Architekturklasse unter Leitung Ben van Berkels präsentieren äußerst verschiedene Positionen, die sich jedoch inhaltlich wie formal immer wieder zart zu berühren und miteinander in Kontakt zu treten scheinen.

          In der Halle finden sie alle zueinander: die Skulpturen, Zeichnungen und Computerausdrucke Kochs, die, auf der Basis der Formen der Natur, durch Verdopplung, Spiegelung und dabei auftretenden "Fehlern" zu immer komplexeren Strukturen führen; der Film "Der Astronaut" des Installations- und Performancekünstlers Bock, der gegen Ende zum skurrilen Pop-Video mutiert; und die so leicht und transparent, so elegant wirkende skulpturale Arbeit der Architekturklasse. Wie Ikarusflügel, als "Traum und Albtraum zugleich" (van Berkel) schweben sie im Raum, den sie zugleich gliedern, wie sie als Projektionsfläche für den sich dadurch mit jeder Bewegung des Betrachters verändernden Film Bocks dienen.

          Zufall und Notwendigkeit spielen in allen Arbeiten eine entscheidende Rolle, und gerade bei den Architekten, von denen wir Exaktheit erwarten, zeigt sich die begrenzte Steuerbarkeit von Prozessen, Berechenbarkeit wie Unberechenbarkeit im Entwurfsprozeß konkurrierender Kräfte. Begleitet wird die Präsentation der Arbeiten von einer Vortragsreihe, bei der bis zum 24. November jeweils montags im Glashaus des Schauspiels Natur- und Geisteswissenschaftler zum Thema sprechen werden. Den Einführungsvortrag hält heute um 20 Uhr Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt. CHRISTOPH SCHÜTTE

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