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: Weltmusik und Lokalkolorit:

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Giora Feidman war wieder da. Diesmal versetzte er das Publikum der "Meisterkonzerte" in der Mainzer Rheingoldhalle in kollektive Begeisterung. Doch wo und in welcher Umgebung der 68 Jahre alte Klarinettist ...

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          Giora Feidman war wieder da. Diesmal versetzte er das Publikum der "Meisterkonzerte" in der Mainzer Rheingoldhalle in kollektive Begeisterung. Doch wo und in welcher Umgebung der 68 Jahre alte Klarinettist und Klezmer-Spezialist auch immer auftritt: Er ist überall ein gerngesehener, mit Spannung erwarteter Gast, ein wahrer Friedensmusiker, der in jeder Geste, in jedem gesprochenen Wort erkennen läßt, was Menschlichkeit für ihn bedeutet. Musikfreunde lieben ihn dafür und schätzen seine nach wie vor instrumentaltechnische Leistung und seinen außerordentlich tief empfundenen musikalischen Ausdruck.

          In der Alten Oper hatte Feidman Mozarts Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 zu einer Art Klezmer-Zeremonie erweitert, in die auch das Publikum singend einbezogen wurde (F.A.Z. vom 24. Februar 2003). Das war insofern eine "dankbare" Aufgabe, als dort damals viele Besucher mit den Gepflogenheiten einer solchen Szene wohlvertraut waren. In der Rheingoldhalle hatte Feidman es zunächst wesentlich schwerer, weil das Mainzer Publikum Feidmans Absichten erst allmählich durchschaute und sich nur ungern aus der Konsumentenrolle drängen ließ. Überhaupt hatte der Musiker es an diesem Abend schwer, eine für diese Kunst unerläßliche "intime" Atmosphäre zu kreieren, weil zum einen der Saal wenig anheimelnd wirkt und nach der Pause jeder Versuch einer quasi meditativ orientierten Stimmung durch penetrant lautes Gläserklappern jenseits der schallundichten Saaltüren verhindert wurde. Dennoch ist Giora Feidman ein Künstler, der sein Publikum jenseits solcher Widrigkeiten tief in der Seele anzurühren vermag. In Mozarts Klarinettenkonzert waren es die extrem leisen, hauchzart gespielten Passagen, in "In the Self" der israelischen Komponistin Ora Bat Chaim die Spannungsmomente zwischen tiefer Melancholie und überschäumender Lebensfreude, im "Libertango" von Astor Piazzolla die für diesen Musiker und Komponisten unverwechselbare Mischung aus Experiment und Lokalkolorit. Daß Feidman Piazzollas Werke im Repertoire führt, wird nur denjenigen überraschen, der nicht weiß, daß der Klarinettist als Sohn jüdischer Einwanderer in Argentinien zur Welt gekommen ist.

          Mit Christoph Poppen und dem Münchener Kammerorchester stand Feidman ein Eliteensemble zur Seite: endlich einmal ein Konzertprogramm, das nicht einseitig auf den Star zugeschnitten war und sich mit einem ad hoc zusammengeklaubten Begleitensemble begnügte, das dann aus purer Political Correctness an irgendeiner Ouvertüre herumstümpern darf. Im Gegenteil - Poppen und seine Musiker waren nicht nur messerscharf Piazzollas Rhythmik mitvollziehende Gestalter, sondern boten auch das klassische Gegengewicht dieses Abends. Hatte Poppen aus Rücksicht gegenüber dem Klezmer-Star bei Mozarts A-Dur-Konzert auch die Tempi schleifen lassen, überzeugte er zuvor doch um so mehr bei der allzu selten aufgeführten Sinfonie Nr. 27 G-Dur KV 199 von Mozart durch ein transparentes, ausgewogenes, gleichwohl Kontraste schärfendes Klangbild. HARALD BUDWEG

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