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„Elektra/Iphigenie“ in Mainz : Wehe der Logik des Mordens

  • -Aktualisiert am

Energiegeladen: Szene aus „Elektra/Iphigenie“in Mainz Bild: Staatstheater Mainz

Geburt der Vernunft aus dem Geiste des Mythos: Alexander Nerlich erzählt „Elektra/Iphigenie“ am Staatstheater Mainz als Welttheater.

          3 Min.

          Normalerweise einmal in jeder Spielzeit nutzt das Staatstheater Mainz sein Großes Haus für eine Inszenierung des Schauspiels, für die man sich einen größeren Rahmen wünscht, gewiss auch schlichtweg die Möglichkeit, mehr Zuschauer zuzulassen. Das ist besonders in der gegenwärtigen Situation ein nicht zu vernachlässigendes Zusatzargument, zumal das Hygienekonzept in Mainz bis zum Lokcdown am Montag die Nutzung aller Sitzreihen zulässt und nur zwischen den Plätzen der nötige Abstand gewahrt wird, selbstverständlich mit Mund-Nasen-Schutz.

          So fühlte man sich Mainzer Großen Haus fast schon wie in normalen Zeiten, und das Stück auf der Bühne rechtfertigte den großen Rahmen unbedingt. Wenngleich es auf kleinerer Bühne nicht minder wirksam gewesen wäre. Mehr Welttheater geht kaum: „Elektra/Iphigenie“ von Sophokles (um 413 v. Chr.), Aischylos ( um 458 v. Chr.), Euripides (um 420 v. Chr.) sowie Johann Wolfgang von Goethe (1779) und Hugo von Hofmannsthal (1903), komprimierter antiker Mythos und seine Spur in der Moderne, „ein Mix in fünfhebigen Jamben“, wie Regisseur Alexander Nerlich im Programmheft schreibt. In seiner Bearbeitung der fünf Stücke werden die verschiedenen Figuren des Tantaliden-Mythos zusammengeführt, es entsteht die packende Chronologie einer mörderischen Familientragödie, die ganz bewusst Männergewalt als wichtigstes Handlungsmovens ausmacht und ausstellt.

          Endpunkt und Überwindung

          Denn die weit in die Vorzeit zurückreichende, von einem Fluch ausgelöste Gewaltorgie, deren Endpunkt und Überwindung Iphigenie markiert, kommt hier eben nicht aus dem mythologischen Dunkel, sie wird von Männern in die Welt gebracht, die ihre Untaten mit der schicksalhaften Zwangsläufigkeit geschickt verbrämen. Die besonders bei Hoffmannsthal recht eindimensionale Figur der Klytaimnestra (Hannah von Peinen) offenbart in der Euripides-Bearbeitung die tieferen Gründe ihres Rachedurstes: Noch vor der Geburt der unglückseligen Geschwister Elektra, Orest und Iphigenie hatte Klytaimnestra ein Kind, dieses wurde von Agamemnon erschlagen, die Mutter vergewaltigt. Der Mord an ihm hat damit neben der Rache für das Opfern Iphigenies vor dem Trojafeldzug einen weiteren plausiblen Grund.

          Die ihrerseits nun gemeinsam mit Orest (Mark Ortel) den Gattenmord an der Mutter rächenden Elektra (Elena Berthold) allerdings will von alledem im ersten Teil dieser zweieinhalbstündigen Mythenverdichtung nichts wissen. Ihre Verblendung steht noch ganz in der Tradition der Familiengewalt, sie ist unfrei in einem sich ständig wiederholenden Geschehen, gefangen in der Zeitenthobenheit des Mythos. Passend hierzu hat Alexander Nerlich im ersten Teil des Abends für die Figuren auf Robert Schweers mit groben Betonflächen und immer wieder auch transparenten Spiegeln versehenen Drehbühne ein halb gespiegeltes, halb verborgenes Doppelgeschehen erdacht, alles geschieht zweimal, was real ist und was nicht, wird dabei nebensächlich.

          Mythische Unausweichlichkeit

          Erst Iphigenie im zweiten Teil durchbricht die Logik des Mythos, ja sie beraubt ihn damit seiner Wirkung und hebt ihn auf. Lisa Eder spricht wie alle an diesem Abend ebenso bravourös wie melodiös in Jamben, doch ihre Sprechweise ist von größter Natürlichkeit, sie ist keine weltenthobene schöne Seele, sondern eine kluge junge Frau, die sich weigert, bei der sie umgebenden Männergewalt eine Rechtfertigung durch Verweis auf mythische Unausweichlichkeit länger mitzumachen. Die Erinnyen, die sich immerzu in blutrotem Body an Orest schmiegen, ignoriert sie ebenso wie Pylades’ (Simon Braunboeck) Rettungsversuche und die Drohungen des hier vielleicht eine Spur zu aufgesetzt barbarisch dargestellten Thoas (Johannes Schmidt). Goethes versöhnliches Ende muss man sich allerdings denken, die Figuren bleiben wie eingefroren stehen.

          Es geht selten wirklich gut, wenn zeitgenössisches Theater sich am Collagieren großer Stoffe versucht, zumal dann, wenn diese durch 2500 Jahre Menschheits- und Theatergeschichte geformt wurden. Alexander Nerlich aber gelingt ein erstaunlich nahegehender Theaterabend, der nebenbei so etwas wie die Geburt der Vernunft aus dem Geiste des Mythos erzählt und mit seinen geschickten, aber ganz unaufdringlichen Schattenspielen und Spiegelungen auch visuell auf vorbewusste Bilder beim Zuschauer einwirkt. Auf diese Weise braucht Mythos keine Aktualisierung, er ist, wiewohl reflektiert und relativiert, auf der Bühne erlebbar, im besten Sinne als Welttheater.

          Letzte Aufführung vor dem Lockdown am 30. Oktober um 19.30 Uhr im Großen Haus des Staatstheaters Mainz.

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