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: Was der Kulturdezernent noch sagen wollte - Saisonende der "Mainzer Meisterkonzerte"

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Die Mainzer Meisterkonzerte in der dortigen Rheingoldhalle sind wahrhaftig etwas Besonderes. Dies gilt besonders für die Programmhefte. Sie zeichnen sich vor denen anderer Veranstalter insbesondere dadurch ...

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          Die Mainzer Meisterkonzerte in der dortigen Rheingoldhalle sind wahrhaftig etwas Besonderes. Dies gilt besonders für die Programmhefte. Sie zeichnen sich vor denen anderer Veranstalter insbesondere dadurch aus, daß sich auf der ersten Seite stets der Mainzer Kulturdezernent Peter Krawietz ablichten läßt. Er tut dies vermutlich, weil er dem geneigten Publikum jedesmal etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Diesmal hat er folgendes zu sagen: "In Mainz wird auf musikalischem Gebiet ungeheuer viel geboten, weit mehr, als dies in vergleichbaren Städten der Fall ist." Ist ja auch kein Wunder - bei derart herausragenden Konzertsälen, wie sie Mainz nun einmal zu bieten hat. Weiter heißt es: "Nicht nur die Zahl der Konzerte, sondern auch ihre Qualität ist bemerkenswert." Nun ja, Herr Krawietz wird es wissen. Als Beispiel für einen "brillanten Saison-Schluß" der von der Stadt Mainz mit Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz veranstalteten "Meisterkonzerte" dient ihm der angekündigte Cellist Boris Pergamenschikow, von dem Krawietz offenbar annimmt, er werde an diesem Abend Dvoraks Cellokonzert spielen.

          Zu dumm nur, daß Krawietz offenbar eines übersehen hat oder zumindest die Programmheftgestalter seine klugen Erkenntnisse nicht mehr rechtzeitig aktualisiert haben: Pergamenschikow läßt sich nämlich entschuldigen. Natürlich krankheitshalber. Sagt man so in dieser Branche, aber vielleicht ist der Star ja wirklich unpäßlich: Pergamenschikow ist jedenfalls kein notorischer Absager. Nun hätte es ja sein können, daß Dezernent Krawietz flexibel ist: Dann hätte er seinen Worten womöglich folgende metamorphische Wendung geben können: "In Mainz werden auf musikalischem Gebiet ungeheuer viele Überraschungen geboten, weit mehr, als dies in vergleichbaren Städten der Fall ist. Nicht nur die Zahl der Konzerte, sondern auch ihre Unvorhersehbarkeit ist bemerkenswert. Zum brillanten Saison-Schluß bieten wir zwar nicht den angekündigten Cellostern Pergamenschikow, aber einen nicht minder interessanten Jungstar aus Gifhorn, der schon bei der Kronberg Academy für Aufsehen gesorgt hat."

          Das hätte gesessen, wäre völlig korrekt gewesen und hätte neugierig gemacht. Doch hat Herr Krawietz dies wahrscheinlich nicht rechtzeitig erfahren, kennt sich vielleicht auch in der Cellowelt nicht so gut aus. Und so geschah es eben, daß die Konzertbesucher Krawietzens Lobeshymne auf Pergameschikow lasen, während der "Ersatzmann" sich im Hinterstübchen schon auf seinen Auftritt einstimmte.

          Der 1976 in Gifhorn geborene Nachwuchscellist Claudio Bohorquez allerdings ist als Einspringer zweifellos weit mehr als ein Ersatz. Der hochbegabte Grand-Prix-Gewinner der Ersten Internationalen Pablo Casals Cello Competition in Kronberg tritt seit acht Jahren weltweit als Solist auf und scheut sich auch nicht, mit anspruchsvoller Sololiteratur kurzfristig zur Stelle zu sein. In Mainz war dies sogar die absolute Krönung der Celloliteratur: Bohorquez bewältigte das Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 von Antonin Dvorak mit makelloser Intonation, elegant wirkender Phrasierung und einer interpretatorischen Elastizität, die sein kostbares Leihinstrument stets voll zur Geltung brachte. An wenigen Stellen wäre vielleicht mehr Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Orchester wünschenswert gewesen - Rostropowitschs legendäre Klangfülle ist Bohorquez' Sache nicht, er ist vielmehr ungeachtet seines Alters schon heute ein Meister der differenzierten Pianokultur.

          Es zeichnete diesen Abend aus, daß die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung ihres neuen Chefdirigenten Ari Rasilainen sehr einfühlsam begleitete. Musikalisch tiefgründig wirkte kurz vor Schluß die kammermusikalische Duopassage zwischen dem Solisten und der wunderbar assistierenden Geige des Konzertmeisters Ferenc Kiss. Um so erfreulicher, daß Rasilainen orchestrale Zwischenspiele dazu nutzte, die Klangpalette des großen Orchesters uneingeschränkt zu entfalten.

          Rasilainens Gespür für Klangregie und Orchesterdisziplin war zuvor schon bei seiner Interpretation der Peer-Gynt-Suite Nr. 1 op. 46 von Edvard Grieg angenehm aufgefallen: "In der Halle des Bergkönigs" war hier nicht der reißerisch vorgetragene Kracher, sondern eine minutiös ausgearbeitete Klangstudie mit bedrohlich katastrophaler Pointe. Noch differenzierter gelang die Interpretation der siebten Sinfonie C-Dur op. 105 (1924) von Jean Sibelius - ein einsätziges, intrikates, mehrere Klangschichten konstituierendes Orchesterwerk von hohem Reiz. Auch diese Musik war bei Rasilainen in allerbesten Händen. HARALD BUDWEG

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