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Ein Ort zum Weiterentwickeln : Waldorfschule baut Zeitungspavillon

Stefan Mayer-Twiehaus wickelt Plastikfolie um den Bücherpavillon der Waldorfschule Darmstadt-Eberstadt. Ab Dienstag wird dieser mit Zeitungen beklebt. Bild: Michael Kretzer

Der Künstler Mayer-Twiehaus trägt zum Jubiläum der Waldorfschule in Darmstadt eine Installation bei – einen Pavillon aus Zeitungsausgaben der F.A.Z. Wofür steht das Projekt?

          Stefan Mayer-Twiehaus hat an der Hochschule Darmstadt Architektur studiert und ist seitdem in Architekturbüros beschäftigt, momentan in Frankfurt. Deshalb ist es für ihn keine Herausforderung, termingerecht zu arbeiten. Das wird in seiner Branche ja ständig verlangt. Nun muss er als Künstler genau auf den Punkt auch mit dem Bücherpavillon in der Waldorfschule Eberstadt fertig werden. Die feiert nämlich am Samstag, den 15. September, ihr Jubiläum. Seit 40 Jahren werden unter der pädagogischen Maxime „Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen“ in Darmstadts südlichstem Stadtteil Schüler unterrichtet. Anfangs waren es 172 Jungen und Mädchen, heute gehen 640 Kinder und Jugendliche bis zur 13. Klasse in die Schule und den Kindergarten, deren Träger der „Waldorfschul- und Kindergartenverein“ ist.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Mayer-Twiehaus’ Sohn Frei ist mit zwölf Jahren noch zu jung, um „in die Freiheit entlassen“ zu werden. Aber er ist in einem Alter, wo man schon Zeitungen liest und Nachrichten hört und ganz „andere Fragen“ stellt als zu jener Zeit, wo er in die Klasse 3a ging und mitgeholfen hat, den Pavillon zu errichten. Das geschah in typischer Waldorfschul-Manier, also in der Verbindung von Theorie und Praxis. Das Schulprojekt trug damals den Titel „Bauepoche“, die Handarbeit der 27 Schüler und ihrer Eltern bestand darin, eine Konstruktion aus Paletten als „geistigen Ort des Austauschs und der unerschöpflichen Zirkulation von Bildung“ zu bauen, den Vater Mayer-Twiehaus natürlich vorher schon als Modell erstellt hatte.

          Diese Woche nun war der Architekten-Papa dabei, den Pavillon mit Folie einzukleiden. Das ist die Vorstufe zu einem Kunstwerk in der Manier des Verpackungskünstlers Christo. Von Dienstag an wird Mayer-Twiehaus jeden Tag bis zum zentralen Schuljubiläumsfest auf die Folie die aktuellen Tagesausgaben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kleben. Warum? Weil er einen Impuls geben möchte. Seine Frage zum Jubiläum lautet: „Wie kann man diesen Ort weiterentwickeln?“

          Der Charakter eines Ortes

          Die Frage ist typisch für einen Menschen, der sich beruflich damit beschäftigt, Häuser zu bauen. Sie ist aber auch zentral für den Künstler Mayer-Twiehaus, der zusammen mit drei weiteren Kreativen in der Adelungstraße 33 ein Gemeinschaftsatelier betreibt, wo er sich auf weniger normierte Art und Weise mit der Frage von Räumlichkeit und deren Wahrnehmung und Inszenierung auseinandersetzt. Die Bezüge zwischen Kunst und Architektur haben ihn schon während des Studiums fasziniert, wo Videos, Skulpturen und Rauminstallationen Bestandteil seiner Architekturentwürfe waren.

          Das Atelier 33 befindet sich in der Mollerstadt im Stadtkern. Es liegt im Hof eines mehrstöckigen Gebäudes, in dem Menschen aus unterschiedlichsten Herkunftsländern leben. Für Mayer-Twiehaus ein urbanes Umfeld, das „die besten Voraussetzungen bietet, um Kunst in den gesellschaftlichen Alltag zu bringen“. In einer seiner früheren künstlerischen Interventionen hat er Kunst in die Michaelskirche in Darmstadt gebracht. Die Lichtinstallation „Mnemosyne 2“ bestand aus einer Lichtquelle im Kirchenturm, die über ein Spiegelsystem durch das gesamte Gebäude geführt wurde, wo sich die unterschiedliche Streuungen und Richtungswechsel im Raum abzeichneten und so indirekt nicht nur die Frage nach dem Wesen des Lichts aufwarfen, sondern auch nach dem Wesen oder Charakter des Ortes.

          Was kommt als nächstes?

          Eine zweidimensionale „ästhetische Artikulation von Räumen“ stellt seine Werkgruppe unter dem Titel „Fadenzeichnungen“ dar – aufgenähte textile Fäden auf Papier, die auf den ersten Blick wie Zeichnungen aussehen, dann aber schnell als zweidimensionale Linien erkennbar werden, also einen neuen Raumeindruck entfalten. Das „Semionik Labor 01“ wiederum ist ein quadratischer Raum mit Boden- und Deckenplatte, die mit elastischen Fäden verbunden sind, die bei Betreten in Bewegung geraten. Wenn während einer Performance eine Tänzerin sich im Labor bewegt, wird das erzeugt, was der Künstler ein „semiotisches Verhältnis“ nennt.

          Ein wenig Zeichentheorie im griechischen Sinne spielt auch beim Bücherpavillon der Waldorfschule hinein. Die medialen Bedeutungsebenen und Instrumente sind ja im Zeitalters des Internets in ständiger, manchmal fast beunruhigender Bewegung, und nach mehreren Jahren Bibliothekspavillon stellt sich fast automatisch die Frage: Was kommt als Nächstes? Vielleicht ein Tauschpavillon? Eine Galerie? Oder ein Ort gesellschaftlicher Provokation? Ideen dafür hätte Mayer-Twiehaus sicherlich. Er selbst arbeitet derzeit an der Realisierung der Idee einer „Schlachtstraße“ aus zersägten und inszenierten alten Autos, die er bei Schrotthändlern zu finden hofft. An Diesel-Modellen wird da wahrscheinlich bald kein Mangel herrschen.

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